Ärzte Zeitung App, 13.08.2014

Demenzkranke

Häusliche Pflege ist günstiger

Die Versorgung von Demenzkranken kostet - rein ökonomisch betrachtet - zu Hause weniger als im Pflegeheim. Das zeigt eine internationale Studie. Nur schwer zu berücksichtigen sind aber finanzielle Einbußen, emotionale Belastung und Pflegequalität, betont ein Experte.

Von Ilse Schlingensiepen

Häusliche Pflege ist günstiger

Eine Pflegekraft kümmert sich um eine Demenzpatientin. Für Angehörige ist die Pflege oft belastend.

© Grubitzsch / dpa

KÖLN. Die Tatsache, dass die stationäre Pflege von Demenzkranken deutlich teurer ist als die Versorgung im häuslichen Umfeld, sollte nicht zu dem gesundheitspolitischen Fehlschluss führen, die Patienten so lange wie möglich zu Hause zu lassen.

Das betont Professor Dirk Sauerland vom Lehrstuhl für Institutionenökonomik und Gesundheitspolitik der Universität Witten/Herdecke.

"Bei einer rein auf die Kosten orientierten Perspektive werden weder die emotionalen Pflegelasten noch die Qualität der Pflege berücksichtigt", sagt Sauerland der "ÄrzteZeitung". Zudem müssten die Kosten der Pflege von Menschen mit Demenz sehr differenziert betrachtet werden.

Der Gesundheitsökonom war in dem internationalen Forschungsprojekt "Right Time Place Care" für die ökonomische Evaluation verantwortlich.

Wissenschaftler hatten die Versorgung von Menschen mit Demenz in acht europäischen Ländern untersucht: Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Spanien.

Häusliche Pflege kostet bei leichter Demenz im Schnitt 2200 Euro

Einbezogen waren zwei Gruppenvon Menschen mit Demenz: Patienten, die zu Hause gepflegt wurden und ein hohes Risiko hatten, in den kommenden sechs Monaten in eine stationäre Einrichtung verlegt zu werden, und Patienten, die vor ein bis drei Monaten in die stationäre Pflege gewechselt waren.

Befragt wurden insgesamt 2014 Erkrankte und Pflegende. Ein zentrales Ergebnisaus ökonomischer Sicht: Die Pflege in stationären Einrichtungen ist fast doppelt so teuer wie die zu Hause.

Im Durchschnitt aller Länder betrugen die Kosten für die stationäre Versorgung 4491 Euro und für die Versorgung durch Angehörige und Pflegekräfte 2491 Euro. Deutschland lag dabei mit 5201 Euro und 2683 Euro im Mittelfeld. Die Kostenstruktur ist in den betrachteten Ländern sehr unterschiedlich.

"In Deutschland entfallen etwa 50 Prozent der Kosten auf die informelle Pflege, in den Niederlanden sind es nur 28 Prozent, in Estland aber 75 Prozent", sagt Sauerland.

Er verweist auf eines der zentralen Ergebnisse der Untersuchung: "In der häuslichen Pflege steigen die Kostensehr stark mit der Schwere der Demenz." Bei einer leichten Demenz kostet die häusliche Pflege in Deutschland im Schnitt 2200 Euro, bei einer schweren Demenz sind es 3300 Euro.

Die internationale Studie hat gezeigt, dass die Alltagskompetenz der Kranken direkten Einfluss auf die Kosten der häuslichen Pflege hat: Je weniger unabhängig die Demenzkranken bei den Alltagsaktivitäten werden, desto größer wird der Pflegeaufwand zu Hause und desto höher die damit verbundenen Kosten.

Bei Patienten mit sehr geringer Alltagskompetenz kann die Pflege in der häuslichen Umgebung teurer sein als die im Heim.

Hohe emotionale Belastung für pflegende Angehörige

Eine zentrale Frage sei die Bewertung der Kosten für die informelle Pflege, sagt Sauerland. Sie trägt unter anderem der Tatsache Rechnung, dass die Pflegenden nicht oder nur eingeschränkt berufstätig sein können. "Wir haben einen Stundensatz von neun Euro veranschlagt", berichtet Sauerland.

Dieser Wert werde auch in anderen internationalen Studien zugrunde gelegt. Es gibt aber auch Untersuchungen, die mit höheren oder niedrigeren Stundensätzen arbeiten.

Das hat Einfluss auf die ermittelten Kosten. Eine deutsche Studie hat ergeben, dass bei einem angenommenen Stundensatz von 20 Euro die häusliche Pflege von Menschen mit Demenz teurer wäre als die Versorgung in stationären Einrichtungen.

Der Wissenschaftler plädiert dafür, für solche Erhebungen Standardwerte festzulegen, die dann in allen Untersuchungen verwendet werden. Das sei etwa in den Niederlanden der Fall. "Die Werte sollte eine Expertengruppe erarbeiten."

Grundsätzlich dürfen ökonomische Untersuchungen nicht zu falschen gesundheitspolitischen Schlussfolgerungen führen, betont er. "Die Feststellung, dass bei einem angenommenen Stundensatz von neun Euro die häusliche Pflege auch bei Menschen mit schwerer Demenz günstiger ist als die stationäre, darf nicht mit der Empfehlung verwechselt werden, Menschen mit Demenz so lange wie möglich zu Hause zu pflegen", so Sauerland.

Die informelle Pflege sei gerade für Angehörige neben finanziellen oft mit erheblichen emotionalen und sozialen Belastungen verbunden. Auch die Qualität der Versorgung bliebe bei einer reinen Kostenbetrachtung unberücksichtigt.

[13.08.2014, 13:43:02]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
muss man dafür Wissenschaftler sein?

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