Ärzte Zeitung App, 19.08.2014

Bremen

Sozialpädiatrie nicht nur für die Jüngsten

Was passiert mit schwerbehinderten jungen Menschen, die in sozialpädiatrischen Zentren versorgt wurden, aber dafür zu alt sind? Mit 19 Jahren schon auf dem Abstellgleis? Bremen sucht nach Lösungen.

Sozialpädiatrie nicht nur für die Jüngsten

Behinderte Kinder brauchen besondere Zuwendung: Das Sozialpädiatrische Zentrum in Bremen bietet professionelle Versorgung.

© Gesundheit Nord gGmbH

BREMEN. Seit 1978 arbeitet in Bremen das sozialpädiatrische Zentrum zur medizinischen Behandlung von Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen.

Nun soll auch ein Zentrum für schwer geistig, körperlich und mehrfach behinderte Erwachsene an den Start gehen. Die Vorbereitungen laufen, sagt Dr. Burkhard Mehl, Leiter des sozialpädiatrischen Zentrums.

Auf Antrag Bremens hat die Gesundheitsministerkonferenz der Länder Ende Juni beschlossen, die Regelung zu den bundesweit rund 140 sozialpädiatrischen Zentren (Paragraf 119 SGB V) auch auf Erwachsene auszudehnen. "Der Beschluss ist dem Bundesgesundheitsministerium übergeben worden", sagt Mehl.

In den neuen Zentren sollen die Patienten versorgt werden, die 18 Jahre und älter sind und aus der Behandlung des Kinderzentrums herausgewachsen sind. Mit dem 19. Lebensjahr "fallen viele unserer Patienten dann in ein Loch", sagt Mehl.

"Und Möglichkeiten, sie aufzufangen, gibt es in ganz Deutschland noch nicht." Unterdessen werden die Patienten allein von Niedergelassenen versorgt, die oft nicht auf diese besonderen Patienten vorbereitet sind.

Nichts geht ohne Spezialisten

Dass also die Arbeit der Spezialisten nötig ist, steht außer Frage. In Bremen betreut das sozialpädiatrische Zentrum 2200 bis 2400 Kinder im Jahr - zur Hälfte aus Bremen, zur anderen Hälfte aus dem Umland. Die Kinder kommen meistens auf Überweisung ihres Hausarztes in das Zentrum.

Ihnen steht ein eigener Personalpool unter anderem aus speziell ausgebildeten Neurologen, Kinderärzten, Physio- und Ergotherapeuten zur Verfügung. Hier werden die Diagnosen fachübergreifend geprüft, Orthesen und spezielle Rollstühle angepasst, die Eltern und auch die Ärzte der Kinder beraten.

Die medizinische Grundversorgung bleibt in den Händen der Niedergelassenen. In Deutschland wurden bisher eine halbe Million Patienten in sozialpädiatrischen Zentren versorgt.

Inzwischen gibt es "Kollegen, die sich spezialisiert haben, eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft von Ärzten für Patienten mit Behinderungen und inzwischen hat auch die Bremer Ärztekammer ein entsprechendes Curriculum eingerichtet", sagt Mehl. In Bremen sieht man sich bereits nach Ärzten für das neue Zentrum um.

Wie es sich finanziert, ist noch unklar. "Wir werden natürlich mit den Kassen reden", sagt Mehl. Das sozialpädiatrische Zentrum jedenfalls arbeitet mit einem Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro. "Wir haben mit den Kassen Kostendeckung vereinbart", so Mehl, "in jedem Jahr handeln wir mit den Kassen prospektiv das nötige Geld aus."

Den Rest besorgt ein Förderverein. Mehl: "Wenn alles glatt geht, könnten wir vielleicht Ende 2015 das Zentrum eröffnen." (cben)

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