Ärzte Zeitung, 31.03.2015

Berlin

Betrügereien bei Pflegediensten auf der Spur

Seit vier Jahren geht die Bezirksverwaltung Berlin-Mitte gegen Abrechnungsbetrügereien bei ambulanten Pflegediensten vor. Dabei wurden schon so einige Machenschaften aufgedeckt.

BERLIN. Abrechnungsbetrügereien bei ambulanten Pflegediensten ist die Bezirksverwaltung in Berlin-Mitte auf der Spur. Der Schaden für ganz Berlin wird, wie bereits kurz berichtet, auf gut 50 Millionen Euro jährlich geschätzt.

Seit vier Jahren, seit Anfang 2011, geht der Bezirk Mitte systematisch gegen Abrechnungsbetrüger in der ambulanten Pflege vor. Die Datenbank, über die der Bezirk als Sozialhilfeträger verfügt, wird nach verdächtigen Konstellationen durchforstet.

Erkenntnisse, die die Mitarbeiter des Bezirks dadurch gewinnen, führten unter anderem dazu, dass bei russischsprachigen Pflegediensten genauer hingeschaut wird.

Besuche, Interviews und Befragungen

Denn, erklärt Sozialstadtrat Stephan von Dassel: "Menschen mit russischem Pass oder Geburtsort in der ehemaligen Sowjetunion sind sieben Mal häufiger pflegebedürftig als Menschen ohne dieses Merkmal. Dabei sind diese Pflegebedürftigen knapp zehn Jahre jünger als Pflegebedürftige ohne dieses Merkmal."

Mit Hilfe von unangemeldeten Besuchen, Interviews von Nachbarn, Angehörigen oder Mitarbeitern des Pflegedienstes überprüfen sechs beim Bezirk angestellte Pflegefachkräfte, ob die Angaben zur Pflegebedürftigkeit überhaupt stimmen.

Dabei wurde schon mal ein angeblich bettlägeriger Patient überrascht, der zwei Sechser-Packs Sprudel die Treppe hochschleppte.

Auch auf Youtube wurden die Bezirksmitarbeiter fündig: In einer russischsprachigen Kabarettaufführung entdeckten sie einen "Pflegebedürftigen" auf der Bühne, der mit einmal wie Lazarus aus seinem Rollstuhl aufstand und mitspielte.

Aus den Eindrücken, die der Bezirk in den vergangenen vier Jahren sammelte, schließt von Dassel, dass ein hoher Anteil russischer Pflegedienste ein Geschäftsmodell betreibt, mit dem unrechtmäßig abgerechnet werden soll.

"Von rund 100 russischen Pflegediensten haben wir gegen 80 Prozent handfeste Belege für unseriöses Arbeiten", sagte von Dassel jüngst auch der Nachrichtenagentur dpa.

Gegen 25 Prozent der Pflegedienste wird ermittelt

Abrechnungsbetrügereien werden auch anderen ambulanten Pflegediensten vorgeworfen. Rund 25 Prozent aller Pflegedienste sind nach Angaben von Dassel momentan Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen: "95 Prozent dieser Anzeigen richten sich gegen private Pflegedienste."

Zwar kann der Bezirk Sozialleistungen zurückfordern, zu Verurteilungen sei es aufgrund der Anzeigen bisher allerdings noch nicht gekommen, so von Dassel. "Die Beweislage ist hier schwierig, weil keiner was sagt."

Auch auf eine mögliche Mitwirkung von Ärzten an den Betrügereien weist der Bezirk in seinen Anzeigen immer wieder hin. "Es kam schon vor, dass Diagnose und Atteste 30 Mal absolut identisch waren und bei einem bestimmten Pflegedienst immer vom gleichen Arzt stammten", erzählt von Dassel.

Konkret angezeigt wurde bislang jedoch noch kein Arzt, "Betrug können wir nicht nachweisen", so von Dassel. (juk)

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