Ärzte Zeitung, 12.10.2015

Pflege im Ausland

Schweden könnte Vorbild sein

Gibt es internationale Vorbilder, wie Probleme in der Pflege gelöst werden können? Darüber haben Experten beim 13. Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg diskutiert. Schweden setzt auf interprofessionelle Teams- eine Option!

Von Dirk Schnack

pflege-vortag-AH.jpg

Wie funktioniert Pflege in anderen Ländern? Unter der Moderation von Burkhardt Zieger, Geschäftsführer DBfK-Nordwest, diskutierten Experten am Wochenende unterschiede Modelle - etwa aus Frankreich und Schweden.

© Springer Medizin

HAMBURG. Freiberuflich arbeitende Krankenschwestern mit eigener Praxis, gemeinsam am Krankenbett ausgebildete Medizin- und Pflegestudenten und hohes gesellschaftliches Ansehen - professionell Pflegende arbeiten in anderen europäischen Ländern unter Bedingungen, denen die Kollegen in Deutschland nicht begegnen.

Vorgestellt wurden einige dieser Bedingungen beim 13. Gesundheitspflege-Kongress von Springer Medizin, der am Wochenende in Hamburg zu Ende gegangen ist. Trotz aller Inspiration aus anderen Ländern wurde deutlich, dass auch viele Nachbarländer in der Pflege mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

So haben die Pflegekräfte in Frankreich zwar erkämpft, dass Krankenschwestern freiberuflich arbeiten dürfen, dass eigene Pflege-Sprechstunden für Patienten eingerichtet wurden und gute Möglichkeiten für eine kontinuierliche berufliche Weiterentwicklung entstanden sind.

Doch es gibt auch große Probleme: Zwölf Prozent der Pflegekräfte sind arbeitslos, ein Viertel der Pflegekräfte haben nur befristete Arbeitsverträge und 45 Prozent der Pflegekräfte suchen auch ein Jahr nach ihrem Diplom noch Arbeit.

Durchschnittsverdient bei rund 2500 Euro

Wer sich als Krankenschwester selbstständig macht, darf nicht erwarten, gut zu verdienen: Der Durchschnittsverdienst der rund 100.000 freiberuflichen Krankenschwestern liegt bei rund 2500 Euro brutto.

Die Französin Arlette Scherrieble-Chauvet machte deutlich, dass sich die pflegenden Kollegen in ihrer Heimat wichtige Errungenschaften wie etwa die Pflegekammer hart erkämpfen mussten.

Dennoch überwogen auf dem Kongress die positiven Eindrücke aus anderen Ländern. Drei junge deutsche Pflegekräfte, die gerade ihren Master absolviert haben und zuvor für Praktika in Irland, Schweden und in der Schweiz gearbeitet haben, berichteten von einem höheren Stellenwert der Pflege in diesen Ländern, einer weiter fortgeschrittenen Akademisierung und erweiterten Kompetenzen.

Den hohen Stellenwert der Pflege in Schweden bestätigte auch der Deutsche Rene Ballnuss, der am Karolinska Universitätskrankenhaus in Stockholm eine interprofessionelle Ausbildungsstation leitet. Dort arbeiten und lernen Medizin- und Pflegestudenten sowie Studierende aus Ergo- und Physiotherapie gleichberechtigt miteinander.

"Es reicht nicht, sie gemeinsam in einen Hörsaal zu setzen. Sie müssen interagieren, damit sie mit-, von- und übereinander lernen", sagte Ballnus. Für die Patientenbetreuung auf seiner Station gibt es zwei solcher interprofessionellen Teams für zwei Schichten.

Ballnus: Schweden hat es leichter

Neben jeweils einem angehenden Ergo- und Physiotherapeuten sind zwei bis drei Medizinstudenten und drei bis vier Pflegestudenten im Team, das von erfahrenen Anleitern begleitet wird.

Die Erfahrungen sind positiv: "Die Teilnehmer entwickeln mehr Verständnis für die anderen Berufe, die eigene Rolle wird deutlicher und es ist eine gute Vorbereitung für die Berufstätigkeit nach der Ausbildung", sagte Ballnus.

Darüber hinaus ist es auch erfolgreich: Die Patienten auf der Ausbildungsstation sind zufriedener und die Liegezeiten kürzer. Zugleich ist es attraktiv für die Nachwuchsgewinnung.

Das Karolinska ist nicht das einzige Krankenhaus in Schweden, das dieses Modell erprobt. Landesweit gibt es 15 solcher gemeinsamen Ausbildungsstationen.

Ballnus warnte vor der Annahme, ein solches Modell von heute auf morgen in Deutschland einführen zu können. Schweden habe es leichter, weil die Gesellschaft dort die Pflege als eigenständige Profession hoch schätzt, der Einfluss der Pflegenden auf den Behandlungsverlauf groß ist und die Hierarchien flach sind.

Außerdem sind dort alle Ausbildungsgänge für die genannten Berufe auf Hochschulniveau. Um ein vergleichbares Modell in Deutschland einzuführen, riet Ballnus zu kleinen Schritten, mit denen die Gesundheitsberufe zunächst zu einer besseren Kommunikation finden.

Lesen Sie dazu auch:
Pflege im Ausland: Schweden könnte Vorbild sein
Arbeitsverdichtung: Eine Großbaustelle in Kliniken
Pflege-Umfrage: Kritik an "Teamarbeit" mit Ärzten

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Psychotherapie-Richtlinie steht vor holprigem Start

Der Start der neuen Psychotherapie-Richtlinie am 1. April löst bei den Beteiligten keine Begeisterung aus. Die Kritik überwiegt. Lesen Sie die aktuellen EBM-Ziffern. mehr »