Ärzte Zeitung, 17.11.2015

Hamburg

Doch noch eine zweite Chance für die Pflegekammer

Auch wenn eine Befragung zur Gründung einer eigenen Pflegekammer in Hamburg im vergangenen Jahr negativ ausfiel, geben die Befürworter die Hoffnung nicht auf. Auch über die Gründe des Abstimmungsergebnisses wurde nun noch einmal diskutiert.

Von Dirk Schnack

HAMBURG. Pflegekräfte in Hamburg geben trotz der verlorenen Abstimmung die Hoffnung auf eine eigene Pflegekammer nicht auf. Vertreter des Pflegerates hoffen langfristig auf den Gesetzgeber - eine neuerliche Abstimmung dagegen halten sie für unrealistisch.

"Eine weitere Diskussion oder Abstimmung über die Pflegekammer wird es in dieser Legislaturperiode nicht geben", berichtete Christiane Kallenbach, Vorsitzende des Hamburger Pflegerates, über das Ergebnis eines Gesprächs mit der Gesundheitsbehörde.

Die hatte vor der Befragung der Berufsangehörigen im vergangenen Jahr die weitere Entwicklung wie berichtet vom Ausgang der Umfrage abhängig gemacht - und der fiel zur Überraschung des Pflegerates gegen die Kammergründung aus.

Gespannter Blick auf die Nachbarn

Nun hoffen die Befürworter darauf, dass Pflegekammern, nachdem sie sich in den ersten Bundesländern bewährt haben, später in allen Bundesländern kommen, indem der Gesetzgeber Aufgaben auf zu gründende Kammern überträgt.

Hamburg blickt deshalb zunächst gespannt auf Rheinland-Pfalz, aber auch auf die Nachbarländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen, wo Pflegekammern kommen werden.

Frank Vilsmeier vom Deutschen Pflegerat hielte es nicht für gerechtfertigt, wenn künftig in jedem Bundesland vor der Kammergründung eine Befragung stattfände. Er verwies auf einer Veranstaltung des Hamburger Pflegerates darauf, dass der Gesetzgeber auch bei anderen Gesetzesvorhaben keine Befragungen vorschaltet.

Über die Gründe der verlorenen Abstimmung wurde in Hamburg noch einmal diskutiert. Vilsmeier führte die Niederlage insbesondere auf unzureichende Informationen der Pflegekräfte in der Hansestadt und eine zum Teil verfolgte Blockadepolitik der privaten Arbeitgeber zurück.

Private Arbeitgeber als große Gegner

Die privaten Arbeitgeber gelten als einer der größten Gegner einer Pflegekammer in Hamburg. Bei den ebenfalls kritischen Gewerkschaften beobachten Vertreter des Pflegerates dagegen in einigen Bundesländern eine zögerliche Annäherung.

Dr. Edith Kellnhauser, die sich seit Jahrzehnten für die Gründung von Pflegekammern in Deutschland einsetzt und in Rheinland-Pfalz Pflegewissenschaft und Pflegemanagement gelehrt hat, stellte die Bedeutung von wiederkehrenden Informationsveranstaltungen zum diesem Thema heraus - in Rheinland-Pfalz habe es vor der Entscheidung für eine Pflegekammer hunderte solcher Veranstaltungen gegeben.

Anderes Selbstbild in Großbritannien

Sabine Torgler, deutsche Krankenschwester in England und dort Pflichtmitglied in der Pflegekammer, berichtete von einem anderen Selbstbild des Berufsstandes in Großbritannien und mehr Wertschätzung - verbunden mit mehr Verantwortung, mehr Teamarbeit mit Ärzten, aber auch mit einem besseren Stellenschlüssel.

All das, so Torgler, habe sich der Berufsstand dort aber mühsam erkämpfen müssen, auch mit Unterstützung der Pflegekammer. Die wird es in Hamburg voraussichtlich auch mittelfristig zwar nicht geben, langfristig aber bleibt Kallenbach optimistisch.

Dass Hamburg nun nicht zu den ersten Bundesländern mit Pflegekammer gehören wird, hat immerhin auch eine gute Seite, die sie betonte: "Wir können aus den Fehlern der anderen lernen."

Topics
Schlagworte
Pflege (4526)
Hamburg (406)
Personen
Dirk Schnack (1275)
[24.11.2015, 14:15:03]
Kurt-Michael Walter 
Pflegekammern
Sehr geehrter Herr Timmermann,

berechtigte Zweifel über die Funktion und den Sinn einer „öffentlich-rechtlichen Pflegekammer“ zu äußern liegt in der Natur meiner beruflichen Tätigkeit. Meine ausdrückliche Hochachtung gilt allen beruflich tätigen Pflegekräften, die ohne Frage eine hervorragende Arbeit leisten, auch unter schwierigsten „Standesbedingungen“!

Zur Debatte steht aber eine bürokratische Entwicklung (Gründung von öffentlich-rechtlichen Pflegekammern) die im Wesentlichen vom „Deutschen Pflegerat e. V.“ mit verdeckten Zielen vorangetrieben wird. Wenn Verbandsinteressen und Lobbyismus einzelner Akteure in der Pflegebranche derart von den berechtigten Interessen der beruflich tätigen Pfleger/Innen abweicht muss es auch erlaubt sein mit provokativen Thesen die wirklichen Ziele der Akteure darstellen zu dürfen.

Natürlich ist es deprimierend als „Deutscher Pflegerat e.V.“ nicht in dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der quasi zentralen korporativen „Super-Organisation, mit erweiterten Vollmachten hinsichtlich der medizinischen Versorgung", Stimmberechtigtes Mitglied zu sein.

In diesem Zusammenhang ist auch die Debatte um die „generalistische Pflegeausbildung“ von herausragender Bedeutung.

Nein, kein ausgeprägtes Standesdünkel oder knallharte wirtschaftliche Interessen, sondern die Sorge, dass die berechtigten Interessen und beruflichen Anliegen der Pfleger und Pflegerinnen, den verdeckten Zielen von Verbands-Funktionären, untergeordnet werden und so, mittel und langfristig nur marginal etwas an den prekären beruflichen Bedingungen der Pflegeberufe ändern wird.

Mit freundlichem Gruß
 zum Beitrag »
[18.11.2015, 16:16:29]
Olaf Timmermann 
Pflegekammer
Sehr geehrter Herr Walter,

ich weiß nicht, welchen beruflichen Hintergrund Sie haben oder aus welchen Gründen Sie sich so abfällig über eine Pflegekammer äußern. Sie werden den Lauf der Zeit nicht stoppen oder ändern. Was macht Sie so ärgerlich? Verunsichert es Sie gar, sich künftig einer selbstbewussten Berufsgruppe "Pflege" gegenübergestellt zu sehen? Von Sach- oder Fachkenntnis sind Sie aber offenbar in keiner Weise getrübt, sonst hätten Sie Ihren Kommentar nicht - oder wenigstens nicht so - geschrieben. Nur Menschen, die von einem ausgeprägten Standesdünkel geleitet werden oder solche, die knallharte wirtschaftliches Interesse verfolgen, werden so wütend auf eine Entwicklung reagieren, die sich nicht nur mittel- bzw. langfristig abzeichnet.

MfG
O. Timmermann zum Beitrag »
[17.11.2015, 12:47:08]
Kurt-Michael Walter 
Pflegekammern - ABM für Pflegeakademiker

Die "Neue Spielwiese" für Gesundheitsbürokraten. Betrachtete man den Internet-Auftritt der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz wird sofort deutlich warum dieses Bürokratie-System zum scheitern verurteilt ist.

Hier werden Steuergelder, ohne irgend einen nachweisbaren praktischen Nutzen zu erzielen, als Selbstzweck von Politikern und Gesundheits-Akademikern verschwendet.

Geschätzte Bürokratiekosten: Ca. 1,5 Millionen EUR / Jahr mit progressiv steigender Tendenz. Dafür erhalten die "ZWANGSMITGLIEDER" eine "öffentlich-rechtliche Selbstverwaltung" mit allem was das Herz von Bürokraten und Politikern höher schlagen lässt (siehe Organigramm d. PFLEGEKAMMER RLP).

Auch eine zweite Chance für eine Pflegekammer in Hamburg, wird nach eingehender Systemanalyse und -syntese, nicht zu einem Erfolg führen können.







 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »