Ärzte Zeitung online, 17.11.2015

Barmer GEK schlägt Alarm

Deutlich mehr Pflegebedürftige als gedacht

Die Barmer GEK rechnet in ihrem aktuellen Pflegereport für 2060 mit deutlich mehr Pflegebedürftigen als bislang angenommen. Die Kasse sieht weiteren Handlungsdruck - auch wenn die aktuelle Reform gelungen sei.

Von Susanne Werner

BERLIN. Die Prognosen über die künftige Zahl der Pflegebedürftigen müssen offenbar nach oben korrigiert werden. Dies geht aus dem aktuellen Pflegereport der Barmer GEK hervor.

Demnach ist 2060 mit insgesamt 4,52 Millionen pflegebedürftigen Menschen zu rechnen. Die Zahl liegt um 221.000 über den bisherigen Schätzungen. In der aktuellen Prognose waren die Effekte des neuen Zensus 2011 mit früheren Modellrechnungen verglichen worden.

Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, verwies bei der Vorstellung des Reports darauf, dass mit der steigenden Lebenserwartung auch die Zahl der Pflegebedürftigen zunehme.

Lob für die Pflegereform

"Männer, die 90 Jahren oder älter sind, haben eine Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent pflegebedürftig zu sein, bei gleichaltrigen Frauen liegt der Wert sogar bei 65 Prozent", sagte Straub.

Den größten Zuwachs an Pflegebedürftigen gibt es laut der aktuellen Prognose demnach bei den Männern. Von den zusätzlichen 221.000 Pflegebedürftigen stellen sie etwa 176.000.

Straub lobte ausdrücklich die aktuelle Pflegereform. Durch die Umstellung von den Pflegestufen auf die Pflegegrade verbessere das Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) die Situation vieler Pflegebedürftiger. Dennoch werde die Pflege ein "Politikfeld mit stetigem Handlungsdruck" bleiben.

Der Studienleiter des Pflegereports, Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen, nennt das PSG II eine "bemerkenswert großzügiges Gesetz". Die Mehrausgaben entlasten insbesondere die Pflegebedürftigen, die künftig mehr Leistungen erhalten und in höhere Pflegegrade eingestuft werden.

Positiv bewertet Rothgang auch den "einheitlichen Eigenanteil" im stationären Bereich. Dieser sieht vor, dass die Zuzahlungen über alle Pflegegrade hinweg gleich bleiben.

"Nach unseren Berechnungen lag der Eigenanteil bei Pflegestufe I durchschnittlich bei 391 Euro im Monat und konnte in Pflegestufe III auf durchschnittlich 815 Euro im Monat ansteigen.

Mehr Pflegefachkräfte gebraucht

"Der Eigenanteil im neuen System liegt durchschnittlich bei 580 Euro im Monat und bleibt über alle Pflegegrade hinweg gleich", erklärte Rothgang. Menschen, die neu als pflegebedürftig eingestuft werden, würden zunächst stärker belastet als bislang, brauchen einen Anstieg der Zahlungen mit den Pflegegraden nicht zu fürchten.

Im Pflegereport waren auch die Kapazitäten in der ambulanten und stationären Versorgung untersucht worden. Demnach ist die Zahl der Vollzeitstellen in der Pflege von 1999 bis 2013 um 70 Prozent gewachsen.

Diese werden in der Praxis vordringlich mit Teilzeitkräften oder geringfügig Beschäftigten besetzt.

"Angesichts der hohen Zahl an Pflegebedürftigen ist es nötig, die Zahl der Pflegefachkräfte bis 2050 zu verdoppeln. Die Pflege muss attraktiver werden", sagte Rothgang.

Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, forderte ebenso mehr qualifizierte Pflegefachkräfte. Dass die Kapazitäten gewachsen seien sei kein Grund zur Entwarnung.

"Das bedeutet noch lange keine bedarfsdeckende Personalausstattung, wenn das Ausgangsniveau viel zu niedrig ist", sagte sie.

[20.11.2015, 11:14:15]
Carmen P. Baake 
Die BARMER schlägt Alarm ...
... im Jahr 2060 mehr Pflegebedürftige als bisher angenommen.

Was ist passiert? Der Pflegereport der Barmer-GEK legt die Zahlen der 13. Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes zugrunde, vorherige Prognosen die der 11. Bevölkerungsvorausberechnung. Auf diese Zahlen übertragen die Autoren der Studie die heutigen Pflegeprävalenzen 1 : 1 auf die jeweiligen Altersgruppen des Jahres 2060. Eine Zahlenspielerei, die jeglichen medizinischen und technischen Fortschritt ignoriert, der in den 45 Jahren bis 2060 vielleicht die Pflegeprävalenz beeinflussen könnte. Unabhängig davon halte ich bis auf die letzte Stelle berechnete Prognosen für einen Zeitpunkt in 45 Jahren für sehr begrenzt aussagefähig.

Fatal sind die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen. So ist es z. B. noch nicht demografisch bedingt, dass die Attraktivität der Pflegeberufe steigen muss. Immerhin arbeitet heute die Mehrheit der Babyboomer noch, die bis 2060 sukzessive zur Erhöhung der Zahl der Pflegebedürftigen beitragen werden. Dennoch bleiben schon jetzt Pflegestellen unbesetzt, jetzt fehlt das Personal und jetzt muss etwas dafür getan werden, dass Menschen sich für einen Pflegeberuf entscheiden und ihn dauerhaft ausüben.

Ob die Pflegereform von den "Neu-Pflegebedürftigen" ab 2017 so großzügig wahrgenommen wird, wie die Autoren im Pflegereport mehrfach betonen, wage ich zu bezweifeln. Selbst die Autoren kommen zu dem Schluss, dass bei der Pflege im Pflegeheim ab 2017 ein Drittel der Pflegebedürftigen schlechtergestellt wird als heute. Auch bei der ambulanten Pflege ist damit zu rechnen, dass viele Pflegebedürftige, die nach heutigem System Pflegestufe 1 oder 2 erreicht hätten, dann nur noch die jeweils geringeren Leistungen der unteren Pflegegrade erreichen. Großzügig an der Reform ist vor allem der Besitzstandsschutz, ein endliches Problem, wie der Gesetzgeber sehr wohl weiß.

Dem einrichtungseinheitlichen Eigenanteil haben die Autoren ein ganzes Kapitel gewidmet. Innovativ sei er und ein sozialpolitischer Durchbruch und überhaupt so was von toll. Und ja, der Eigenanteil steigt nicht mehr, weil ein Heimbewohner in einen höheren Pflegegrad eingestuft wird. Was die Autoren aber verschweigen ist, dass der Eigenanteil trotzdem keineswegs konstant bleibt. Er wird sich wahrscheinlich mit jeder Pflegesatzverhandlung ändern. Und was dort zwischen Heimträger und Pflegekassen sowie dem Sozialhilfeträger ausgehandelt wird, ist für den Heimbewohner weder transparent noch kann er das Ergebnis beeinflussen. Ich persönlich halte den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil für bürokratielastigen Schwachsinn. Es hätte andere Möglichkeiten gegeben, die Eigenanteile der Heimbewohner mit höheren Pflegegraden zu senken als die nun im Gesetz vorgesehene heiminterne Umverteilung von Kosten und Pflegekassenleistungen auf alle Bewohner. Die Übernahme der Kosten für Behandlungspflege durch die Krankenkassen hätte z. B. zu einer Entlastung geführt.

Aber was solls. Gesetz ist gesetzt. Wer wissen möchte, was noch auf Patienten, Pflegebedürftige und Einrichtungen zukommt, im eBook "Die große Pflegereform 2016 / 2017" kann er es nachlesen.
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