Ärzte Zeitung, 14.12.2015

Report

Pflegebedürftigkeit verschiebt sich ins höhere Alter

Wenn Menschen pflegebedürftig werden, sind sie heute im Durchschnitt älter als früher. Zudem leben sie länger mit ihrer Pflegebedürftigkeit.

Von Angela Mißlbeck

Pflegebedürftigkeit verschiebt sich ins höhere Alter

Das Eintrittsalter von Pflegebedürftigkeit liegt im Nordosten aktuell bei 82,1 Jahren. Vier Jahre zuvor waren es noch sieben Monate weniger.

© Gina Sanders / Fotolia.com

BERLIN/POTSDAM/ROSTOCK. Durchschnittlich 82,1 Jahre alt sind Senioren in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wenn sie pflegebedürftig werden. Das steht im ersten regionalen Pflegereport des wissenschaftlichen Instituts GeWiNo der AOK Nordost.

2010 lag das durchschnittliche Eintrittsalter in die Pflegebedürftigkeit noch bei 81,4 Jahren.

"Wir sehen daran, dass im Zeitverlauf Menschen, die alt werden, immer länger gesund bleiben können", sagt Professor Adelheid Kuhlmey von der Uniklinik Charité Berlin.

Als wissenschaftlich interessant wertet Kuhlmey auch die Erkenntnis, dass Menschen heute deutlich länger mit ihrer Pflegebedürftigkeit leben als vor fünf Jahren. Ende 2010 waren 63,4 Prozent aller Menschen, die fünf Jahre zuvor als pflegebedürftig eingestuft wurden, gestorben.

Ende 2014 galt das nur noch für 60,2 Prozent. Die Altersforscherin zeigt sich deshalb überzeugt, "dass es in Zukunft immer mehr darauf ankommen wird, für eine bessere Lebensqualität derer zu sorgen, die bereits pflegebedürftig sind."

Anteil Pflegebedürftiger steigt stark

Weitere Ergebnisse des Reports: Der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung über 70 Jahre steigt, besonders deutlich in Mecklenburg-Vorpommern.

Gleichzeitig nimmt überall der Anteil der Versicherten ab, die bei der Ersteinstufung schwer oder schwerst pflegebedürftig waren.

Fast 60 Prozent der Pflegebedürftigen in der Region Nordost blieben bis zum Tod in ihrem zu Hause wohnen.

Thomas Meißner aus dem Präsidium des Deutschen Pflegerates meint: "Das ist nicht nur ein klares Signal für politische Entscheidungen pro Ausbau der ambulanten Pflegemöglichkeiten, wie sie sich im Pflegestärkungsgesetz II ja auch wiederfinden, sondern auch ein ganz klares Signal für Kostenträger, den Ausbau der ambulanten Versorgung zu unterstützen, die Weiterentwicklung alternativer Wohnformen zu fördern und hierfür die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen."

Dabei fordert Meißner individuelle Lösungsansätze in den einzelnen Regionen. Er verweist auf die Unterschiede in der Inanspruchnahme von Pflege-, Sach- und Geldleistungen zwischen städtischen und ländlichen Regionen.

Geldleistungen wurden dem Report zufolge von Pflegebedürftigen in städtischen Gemeinden selten, in ländlichen Gemeinden dagegen oft in Anspruch genommen. Umgekehrt werden Pflegebedürftige in Städten deutlich häufiger stationär versorgt als auf dem Land. Insgesamt wurde aber weniger als jeder Fünfte der Pflegebedürftigen im Nordosten Deutschlands vollständig im Pflegeheim versorgt.

Beratungsbesuche wirken

95 Prozent der Pflegebedürftigen, die Geldleistungen in Anspruch nehmen, bleiben laut Report im eigenen Zuhause, wenn sie sich beraten lassen haben. GeWINO-Geschäftsführer Dr. Thomas Zahn schließt daraus: "Beratungsbesuche können offensichtlich mit wertvollen Informationen unterstützen."

Der Pflegereport zeigte aber auch, dass pflegende Angehörige die entlastenden Angebote noch zu wenig nutzen. Die Verhinderungspflege, die zum Beispiel bei einer Erkrankung der Pflegeperson beantragt werden kann, wurde den Angaben zufolge 2014 nur in 14 Prozent aller Fälle genutzt. Die Kurzzeitpflege beantragte sogar nur jeder zehnte Betroffene.

Der Report basiert auf den standardisierten, anonymisierten Abrechnungsdaten aller Pflegeleistungen der 131.386 pflegebedürftigen Versicherten der AOK Nordost über 70-Jährigen mit Wohnsitz in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. In allen drei Bundesländern zusammengenommen waren 41,3 Prozent der über 70-Jährigen bei der AOK Nordost versichert.

Damit erhebt der Report Anspruch auf Repräsentativität. Er wertet das Pflegegeschehen in den drei Bundesländern auch auf Kreis- und Stadtbezirksebene aus. Die AOK Nordost will damit eine Planungsgrundlage für die Politik bieten.

Das würdigt auch der für Pflegepolitik zuständige Referatsleiter des Brandenburger Sozialministeriums Ulrich Wendte. "Statistiken und Benchmarking sind ein guter Weg, um pflegepolitisches Handeln auf den verschiedenen Ebenen zu unterstützen", so Wendte.

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