Ärzte Zeitung online, 19.02.2016

Auf Kosten der Qualität?

Private Pflegeheime punkten mit dem Preis

Private Pflegeheime, die anders als gemeinnützige Träger Gewinn erwirtschaften müssen, versuchen, sich mit günstigem Preis im Markt zu behaupten. Wie sich das auf die Qualität auswirkt, haben deutsche Forscher untersucht.

Von Anne-Christin Gröger

Private Pflegeheime punkten mit dem Preis

Privat oder gemeinnützig - wie wirkt sich das auf die Pflegequalität aus? Forscher der Uni Witten sind der Frage nachgegangen.

© drubig-photo / fotolia.com

KÖLN. Die Pflegequalität in gewinnorientierten Pflegeheimen in Deutschland ist im Vergleich zu denen in gemeinnütziger Trägerschaft insgesamt schlechter.

Der Qualitätsunterschied ist im unteren Preissegment besonders stark, während teure Privateinrichtungen fast genauso gut pflegen wie Heime in Trägerschaft von Kirchen oder Kommunen.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer Studie zum Verhältnis von Qualität, Preis und Gewinnorientierung der Uni Witten/Herdecke.

Unter der Leitung des Wittener Gesundheitssystemforschers Professor Max Geraedts haben die Wissenschaftler mehr als 10.000 deutsche Pflegeheime untersucht und sich dabei auf Daten der gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen aus den Jahren 2011 und 2012 gestützt.

Deren Aussagekraft wird zwar häufig hinterfragt. Aber: "Die Überprüfung wird einheitlich für alle Träger durchgeführt und bietet daher einheitliche Daten", sagte Geraedts.

Kaum Unterschiede in der Ergebnisqualität

Geprüft wurden die Kriterien Pflegeprozesse, Betreuungsprozesse, Qualitätsmanagement und Einrichtungsstruktur. Hier schneiden die gewinnorientierten Pflegeheime unabhängig vom Preis schlechter ab als die, die einen gemeinnützigen Träger haben.

"Dagegen gibt es kaum einen Unterschied in der Qualität, wenn es um die Versorgungsergebnisse wie den Ernährungszustand oder den Flüssigkeitszustand der Bewohner geht", sagte Geraedts.

Um Qualität, Preis und Gewinnorientierung miteinander vergleichen zu können, haben die Wissenschaftler alle untersuchten Pflegeeinrichtungen in fünf Preisgruppen eingeteilt.

In das preisgünstigste Segment mit einem durchschnittlichen Tagessatz von 67,79 Euro ordneten die Wissenschaftler 1664 private und 365 gemeinnützige Pflegeheime ein.

Im obersten Preissegment mit Tagessätzen von durchschnittlich 87,67 Euro befanden sich dagegen 1841 nicht profitorientierte und nur 199 Heime, die nach erwerbswirtschaftlichen Prinzipien arbeiten..

Geraedts betont: "Wir haben in der Studie statistische Werte verglichen, wir behaupten nicht, dass die Unterschiede in der Pflege durch die Profitorientierung entstehen."

Seine Hypothese: "Ein Teil der Ergebnisse lässt sich dadurch erklären, dass privat betriebene Pflegeheime durchschnittlich geringere Preise verlangen und die Qualität der Pflege mit dem Preis zusammenhängt."

Private Einrichtungen müssten hingegen ihre Investitionen mit Krediten oder Eigenkapital finanzieren - beides verursacht Kosten. Folglich sparen erwerbswirtschaftlich arbeitende Pflegeunternehmen an der Struktur- und Prozessqualität.

Gemeinnützige Träger haben derartige Kapitalkosten hingegen nicht oder in geringerem Umfang, weil ihre Investitionen bezuschusst werden.

Private setzen auf Preiswettbewerb

Viele gewinnorientierte Einrichtungen hätten nur dann eine Chance zu überleben, wenn sie sich über ihren Preis am Markt positionieren und Pflege günstiger anbieten.

"Dass viele Einrichtungen im unteren Preissegment das dann mit der Qualität nicht mehr hinbekommen, ist eine der wichtigen Erkenntnisse unserer Untersuchung", sagte Geraedts.

Aus diesem Grund empfiehlt er Patienten und Angehörigen mit geringeren finanziellen Ressourcen, bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim eher ein nicht gewinnorientiertes Pflegeheim zu wählen - wenn es sich denn findet.

"Hier bieten schon in der untersten Preiskategorie viele Einrichtungen eine sehr gute Pflege, während es sich bei profitorientierten Einrichtungen lohnt, eine eher höhere Preisklasse auszuwählen."

Außerdem fordern die Forscher, dass in Deutschland ähnlich wie in den USA Angaben zur Profitorientierung eines Pflegeheims vorgeschrieben sein sollten.

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