Ärzte Zeitung, 05.02.2016

Pflege 4.0

Moderne Technologien - große Hilfe, aber keine Fürsorge

Intelligente Techniklösungen könnten den Pflegealltag erheblich erleichtern. Doch werden sie tatsächlich die Pflege der Zukunft bestimmen? Eine Studie sucht nach Antworten.

Von Matthias Wallenfels

Technologien können pflegen helfen, aber keine Fürsorge geben

Modernste Technik hilft, den Pflegealltag zu erleichtern.

© Anja Krüger

DORTMUND. Sind Serviceroboter, Sensoren zur Verhaltensanalyse oder Transpondersysteme in Kliniken, stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten die Zukunft der beruflichen Pflege? Bisher finden neue Technologien in der Branche nur an wenigen Stellen ihren Einsatz.

 Unter Experten ist unbestritten, dass immer mehr Ältere von immer weniger, dafür durchschnittlich älteren Pflegenden versorgt werden. Im Gegenzug muss auf Seiten der Erwerbstätigen von rückläufigen Zahlen und in der beruflichen Pflege von einem ungedeckten Bedarf an Pflegefachkräften ausgegangen werden.

Ambient Assisted Living (AAL), Smart Home, E-Health oder technische Assistenzsysteme können vielversprechende Ansatzpunkte für einen konstruktiven Umgang mit den demografiebedingten Herausforderungen sein.

Das postuliert zumindest die gemeinsame Studie "Intelligente Technik in der beruflichen Pflege - Von den Chancen und Risiken einer Pflege 4.0" der Initiative Neue Qualität der Arbeit und der Offensive Gesund Pflegen.

Physische Entlastung für Pflegende

Für Pflegende, so spekulieren die Studienautoren, werden technische Unterstützungsmöglichkeiten möglicherweise dazu beitragen, berufstypische Anforderungen zu optimieren. Das wäre ein positiver Aspekt des Technikfortschritts in der Pflege.

Zwischen den neuen Technologien der Arbeitswelt 4.0, dem durch Nächstenliebe und Zuwendung geprägten Selbstverständnis der Pflege und dem in Jahrhunderten gewachsenen Berufsbild liegen jedoch mitunter Welten. Diese gelte es zu gestalten und zu überbrücken.

Hinzu komme, dass der Blick auf die schönen Seiten einer digitalunterstützten Arbeitswelt einseitig bleiben muss. Denn jede Neuerung führt - insbesondere bei einer im Allgemeinen eher weniger innovationsaffinen Bevölkerung - nicht nur erweiterte Möglichkeiten und Anreize mit sich, sondern auch potenzielle Risiken und Nebenwirkungen, Fragen der Akzeptanz, der Ethik und letzten Endes auch des Datenschutzes.

Wenn es darum geht, die Selbstbestimmung und Lebensqualität älterer Menschen zu fördern, könnten technologische Innovationen einen wertvollen Beitrag leisten. Durch assistive Technologien, die moderne Mikrosystem- und Kommunikationstechniken sowie neue Materialien nutzen, seien neuartige telemedizinische Lösungen oder technische Helfer realisiert worden, die einen Teil der täglichen Hausarbeit übernehmen.

Ebenso stünden intuitiv bedienbare Kommunikationsmittel, die den Kontakt mit dem sozialen Umfeld erleichtern, und neue Mobilitätslösungen im Fokus. Oftmals würden die technischen Assistenzsysteme dabei im Verbund mit Dienstleistungen entwickelt. Beispiele für die genannten Bereiche sind Systeme zur Erfassung alltäglicher Aktivitäten, die darauf zielen, Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf älterer Menschen frühzeitig zu erkennen und bedarfsgerecht darauf zu reagieren.

Intelligente Fußböden dienen primär der Sturzerfassung, einzelne Sensormatten könnten aber auch einen Beitrag zum Monitoring der allgemeinen Aktivität pflegebedürftiger Personen leisten. Die Fußböden verfügen über eine Vielzahl von integrierten Sensoren, die die Position und das Bewegungsverhalten von Personen detektieren und analysieren.

Quartiersvernetzung ebnet Weg zum Arzt

Systeme für die Vernetzung von Dienstleistungen und Betreuungsleistungen im Quartier bedienen, wie es in der Studie heißt, individuelle Bedarfe von Menschen im Bereich ihres Wohnumfelds. Es würden insbesondere alltagsunterstützende, haushaltsnahe Dienstleistungen organisiert.

Ältere und pflegebedürftige Menschen könnten darüber lokale Informationen, wie persönliche Ansprechpartner, Öffnungszeiten, Apothekennotdienste, Mieterinformationen, Bestell- und Lieferdienste, Essen auf Rädern, Medikamentenlieferung oder Arzttermine beziehen.

Solle die Pflege 4.0 Realität werden, so müssten die Entwicklungen unterstützender Technologien und altersgerechter Dienstleistungen stärker Hand in Hand gehen. Dabei solle Technik auch den Erhalt und Ausbau von Fähigkeiten fördern und nicht nur die altersbedingten Fähigkeitsverluste kompensieren, lautet der Appell. Mit einem Design for all-Ansatz sollten neue Systeme unterstützend, lernend und ergonomisch gestaltet werden.

 Eine bessere und schnellere Überführung von Forschungsergebnissen in die Praxis sei eine zentrale Zukunftsherausforderung. Dabei werde es darauf ankommen, neutrale und herstellerunabhängige Beratungsleistungen zu verfügbaren Produkten und Dienstleistungen für ältere Menschen bereitzustellen.

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