Ärzte Zeitung, 29.01.2016

Arzneien

Online-Plattform für Ärzte, Apotheker und Pflegende

Ein Versorgungsforschungsprojekt führt die unterschiedlichen Berufsgruppen, die Patienten im Altenheim versorgen, zusammen. Ziel: Die Arzneiversorgung soll sicherer werden.

Von Ilse Schlingensiepen

Online-Plattform für Ärzte, Apotheker und Pflegende

Medikamentenausgabe im Pflegeheim. Ein Projekt in Münster soll die Kooperation von Ärzten, Apothekern und Pflegenden erleichtern.

© Burgi / dpa

MÜNSTER. Was in vielen Altenheimen bislang dem Zufall überlassen ist, soll in Münster in feste Strukturen gegossen werden: das Zusammenwirken von Hausärzten, Apothekern und Pflegenden bei der Arzneiversorgung.

Damit will die "Initiative zur (Arzneimittel-) Therapiesicherheit in der Altenhilfe durch Kooperation und Teamwork" (InTherAKT) die Zahl der unerwünschten Arzneimittelereignisse senken.

"Die unerwünschten Arzneimittelereignisse sind vielfach das Resultat suboptimaler Prozesse in der Arznei-Versorgung", sagte Projektleiter Professor Jürgen Osterbrink bei der Vorstellung von InTherAKT in Münster.

Osterbrink ist Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis an der Paracelus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Ziel von InTherAKT sei es, eine Art Schutzschild für die betagten und hochbetagten Patienten zu erarbeiten, sagte er.

Neun Altenpflegeeinrichtungen beteiligt

An dem auf zwei Jahre angelegten Versorgungsforschungsprojekt beteiligen sich neun Altenpflegeeinrichtungen, elf Apotheken und 14 Hausärztinnen und Hausärzte aus Münster.

Zu den Kooperationspartnern gehören die Apothekerkammer Westfalen-Lippe, die Barmer GEK, die Facharzt Initiative Münster, das Pharmaunternehmen Grünenthal, der Hausärzteverbund Münster und die KV Westfalen-Lippe.

Für das Projekt werden Ärzte, Apotheker und Pflegekräfte gemeinsam zum Thema der Arzneimitteltherapiesicherheit geschult. Hinzu kommen berufsgruppenspezifische Online-Schulungen.

Zu verschiedenen Zeitpunkten werden in den Einrichtungen Daten zu den Patienten und zur Arzneimittelversorgung erhoben und von einem Forscherteam PMU ausgewertet.

Die Projektbeteiligten haben Zugriff zu einer webbasierten Kommunikationsplattform. "Das ist das Herzstück unseres Projekts", betonte Osterbrink.

Fallkonferenzen möglich

Die Online-Plattform ermöglicht die direkte Kommunikation zwischen Pflegenden, Hausärzten und Apothekern. "Durch ein Benachrichtigungssystem können aktuelle Veränderungen in der Medikation oder des Zustands der Bewohner schneller und sicherer mitgeteilt werden."

Über die Plattform können Arzt oder Apotheker zudem Fallkonferenzen einberufen. Durch ein nachvollziehbares Verlaufsprotokoll könne jeder sehen, wer was eingetragen hat, sagte der Projektleiter. Langfristiges Ziel sei es, die Plattform in die handelsübliche Arzt- und Apothekersoftware zu integrieren.

Für Dr. Ralf Becker vom Vorstand des Hausärzteverbunds Münster ist ein entscheidender Faktor bei InTherAKT, dass es nicht um Schuldzuweisungen geht, wie sie sonst beim Thema Arzneimitteltherapiesicherheit üblich seien.

"Das Einzigartige an dem Projekt ist die Integration von Berufsgruppen, die noch vor wenigen Jahren aneinander vorbei agiert haben." Die gemeinsamen Schulungen hätten großen Spaß gemacht und zu einem erheblichen Wissenszuwachs geführt, berichtete Becker.

Hausarztpraxen brauchen mehr Kapazität

Um nachhaltig Erfolge bei der Versorgung multimorbider Patienten zu erreichen, brauchen die Hausarztpraxen nach seiner Einschätzung aber auch mehr Kapazität - sprich mehr Zeit und Geld.

Nach Einschätzung von Dr. Oliver Schwalbe, Leiter Ausbildung, Fortbildung und Arzneimitteltherapiesicherheit bei der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, begegnet das Projekt einem für die Arzneimittelversorgung in Altenheimen typischen Problem: "Zum richtigen Zeitpunkt wird nicht der richtige Ansprechpartner gefunden."

Wird hier Abhilfe geschaffen, wirkt sich das positiv auf die Versorgung aus. "Das Problem sind nicht Wissens-, sondern Kommunikationslücken", betonte er.

InTherAKT werde von der Politik aufmerksam verfolgt, berichtete Kai Martens, Geschäftsleiter Deutschland bei Grünenthal.

Er hofft, dass das Konzept nicht auf Münster beschränkt bleibt. "Wir müssen Wege finden, es nachhaltig auf andere Städte und Gemeinden zu übertragen", sagte Martens.

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