Ärzte Zeitung, 15.02.2016

Krankenschwestern aus Korea

Als junge Asiatinnen die deutsche Pflege retteten

Ein junger Arzt aus Korea hatte eine rettende Idee - und half so Mitte der 60er-Jahre, den ersten Pflegenotstand der Bundesrepublik in den Griff zu bekommen.

Von Pete Smith

Als junge Asiatinnen die deutsche Pflege retteten

Historischer Zeitungsausschnitt: Junge Pflegerinnen aus Korea finden in Deutschland neue Arbeit.

© Boris Roessler / dpa

MAINZ. Mitte der 1960er Jahre erlebt die junge Bundesrepublik ihren ersten Pflegenotstand. 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fehlen an westdeutschen Kliniken schätzungsweise 30.000 Krankenschwestern.

Ein junger koreanische Arzt, als Stipendiat an der Uniklinik Mainz tätig, ergreift die Initiative: In seiner Heimat gibt es Tausende von bestens ausgebildeten Krankenschwestern, die dringend Arbeit suchen. Sollte es da nicht möglich sein, beiden zu helfen - den Frauen in seiner alten wie den Patienten in seiner neuen Heimat?

Zu diesem Zeitpunkt kann Dr. Sukil Lee nicht ahnen, wie viele bürokratische Hürden er noch überwinden muss und dass ihn sein uneigennütziges Engagement sogar bald in Gefahr bringen wird. Mit viel Elan geht der Kinderarzt sein Vorhaben an.

Den Verwaltungsdirektor der Mainzer Klinik hat er schnell überzeugt. Auch andere Krankenhäuser bekunden Interesse. Also schreibt Lee rund ein Dutzend Universitätskliniken und Krankenhäuser in Südkorea an und offeriert ihnen die unentgeltliche Vermittlung koreanischer Krankenschwestern nach Deutschland.

600 Bewerbungen

Seiner Initiative kommt entgegen, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden geteilten Staaten gerade gut entwickeln. Im Dezember 1963 ist das von Bundespräsident Heinrich Lübke und Südkoreas Präsident Chung-hee ausgehandelte "Programm zur vorübergehenden Beschäftigung von koreanischen Bergarbeitern im westdeutschen Steinkohlebergbau" in Kraft getreten.

Darauf aufbauend wird eine Initiative zur Beschäftigung koreanischer Krankenschwestern in Deutschland vereinbart. Auf die in Südkorea geschalteten Anzeigen bewerben sich landesweit etwa 600 gut ausgebildete, ledige und kinderlose Krankenschwestern.

Der Vertrag, den sie für ihre Arbeit in deutschen Kliniken unterzeichnen, sieht eine 48-Stunden-Woche vor. Mit 400 DM monatlich erhalten sie genauso viel Lohn wie ihre deutschen Kolleginnen. Nach einem 20-stündigen Flug landen am 31. Januar 1966 die ersten 128 koreanischen Krankenschwestern am Frankfurter Flughafen.

Auf der Landebahn werden sie mit einem Transparent auf Koreanisch und Deutsch willkommen geheißen. In der Eile hat man bei "Deutschland" das S vergessen, aber das fällt erst auf, als das Begrüßungsfoto in den Zeitungen erscheint.

Empfang im Kaisersaal

Vom Flughafen geht es direkt zum Frankfurter Römer, wo die jungen Frauen, im traditionellen, farbenprächtigen Hanbok gekleidet, im Kaisersaal empfangen werden. Der Frankfurter Oberbürgermeister Professor Willi Brundert lässt es sich nicht nehmen, die Gäste persönlich zu begrüßen. Zum Abschied verspricht er ihnen, dass man ihnen in 50 Jahren an selber Stelle erneut einen Empfang bereiten werde.

Ein Versprechen, dass die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig dieser Tage im Kaisersaal eingelöst hat. Damals wie heute mit dabei ist der inzwischen 87-jährige Pädiater und Radiologe Dr. Sukil Lee, für den die so genannte "Krankenschwestern-Aktion" persönlich beinahe ein böses Ende genommen hätte. 1967, ein Jahr nach seinem Aufruf, wird Lee mitten in Mainz entführt. Agenten des südkoreanischen Geheimdienstes kidnappen den Arzt, da man ihn verdächtigt, im Auftrag Nordkoreas zu agieren.

Verdienstkreuz für Dr. Lee

Erst nach Interventionen der rheinland-pfälzischen Landesregierung und des Mainzer Oberbürgermeisters wird Lee am 20. Juli 1967 nach vierwöchiger Entführung wieder freigelassen und kann seine Arbeit fortsetzen.

30 Jahre später erhält der 1928 im damals von Japan annektierten Kaiserreich Korea geborene Arzt, der seit 1971 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

"Mit Ihnen wird ein Mensch geehrt, der sich mit Beständigkeit und großem Engagement sowohl für das Gesundheitswesen eingesetzt und sich ebenso um die Völkerverständigung verdient gemacht hat", schreibt ihm der damalige Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel.

Lee hat mit der Vermittlung koreanischer Krankenschwestern an deutsche Kliniken eine einzigartige Erfolgsgeschichte geschrieben. Bis 1976 reisten insgesamt mehr als 10.000 koreanische Pflegefachkräfte nach Deutschland, von denen die meisten ihren zunächst auf drei Jahre befristeten Vertrag verlängerten und 40 Prozent sogar dauerhaft blieben. Ihre einstigen Gastgeber beeindruckten die jungen Frauen vor allem durch ihren Fleiß und ihre Höflichkeit.

Einige arbeiten, inzwischen über 60, noch immer als Krankenschwestern in deutschen Krankenhäusern, wo "unter ihren pflegenden Händen (…) die Kranken genesen", wie die "Neue Presse" 1966 schrieb.

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