Ärzte Zeitung, 11.08.2016

Pflege

Ohne realistische Planzahlen droht das System zu kollabieren

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt stetig. Der deutsche Arbeitsmarkt kann die Nachfrage nach Pflegekräften allerdings schon jetzt nicht mehr decken. Eine tragfähige politische Lösung für dieses Dilemma ist bislang nicht in Sicht.

Von Fritz Beske

Ohne realistische Planzahlen droht das System zu kollabieren

Die Gesellschaft wird immer älter. Weniger Arbeitende müssen für immer mehr Pflegefälle zahlen: Ein Problem schon heute.

© Agnes Sadlowska/tibanna79 - Foto

Im Gesundheits- und Sozialwesen wird das politische Handeln nahezu ausschließlich von Leistungsausweitungen bestimmt. Dies trifft sowohl auf Wahlen zu, z. B. in Wahlprogrammen, als auch auf politisches Handeln in der Regierungsverantwortung, z. B. durch die Gesetzgebung.

Hierzu gehört auch die Reaktion der Opposition, dass es so nicht reicht, verbunden mit der Forderung nach mehr und besser. Betroffen ist auch die Pflegeversorgung und dabei insbesondere die Versorgung Pflegebedürftiger.

Wie politische Entscheidungen ohne die richtigen Zahlen treffen?

Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. Es fehlen solide Analysen und Prognosen von mittel- und langfristigen Auswirkungen als Grundlage politischer Entscheidungen. Gefordert werden muss ein Realitätsbezug, eine Situationsanalyse mit Prognosedaten.

Zu den grundlegenden Analysen gehört die Bevölkerungsentwicklung. In der politischen Diskussion wird zwar auf den zu erwartenden demografischen Wandel hingewiesen, der nicht ohne Folgen bleibt, konkrete Zahlen werden jedoch selten genannt.

15 Millionen weniger Erwerbstätige

Nach der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes geht bis 2060 die Bevölkerungszahl von 81 auf 68 Millionen und damit um 13 Millionen zurück, die nachwachsende Generation, 0 bis 19 Jahre, von 15 auf elf und damit um vier Millionen.

Die Altersgruppe im erwerbsfähigen Alter, 20 bis 66 Jahre, reduziert sich von 51 auf 36 und damit um 15 Millionen.

Diese Altersgruppe erarbeitet im Wesentlichen das Bruttosozialprodukt und zahlt die meisten Steuern und Versicherungsbeiträge in der Sozialversicherung und sie stellt das Arbeitskräftepotenzial. Es nimmt allein zu die Altersgruppe 67 Jahre und älter um sechs von 15 auf 21 Millionen.

Problem der Bezahlbarkeit

Im Ergebnis muss eine ständig abnehmende Zahl von Personen im erwerbsfähigen Alter eine ständig zunehmende Zahl von Personen im nicht mehr erwerbsfähigen Alter versorgen, finanziell und personell.

Die Lebenserwartung nimmt zu. Sie lag abgerundet um 1900 bei gut 40 Jahren. Heute liegt sie bei 80 Jahren, 2060 wird sie um 85 Jahre liegen. Mädchen werden einige Jahre älter als Jungen.

Im Krankheitsbild der Bevölkerung steigt die Zahl der chronisch kranken und multimorbiden Patienten. Die Zahl der Demenzkranken verdoppelt sich von 2,5 auf fünf Millionen.

Ausdruck einer alternden Bevölkerung ist dabei die Zunahme von Pflegebedürftigkeit. Nach Berechnungen des Instituts für Bevölkerungsforschung (BiB) mit Daten des Statistischen Bundesamtes erhöht sich die Zahl Pflegebedürftiger bis 2060 von heute 2,7 auf 4,7 Millionen.

Durch die steigende Lebenserwartung nimmt besonders die Zahl Schwer- und Schwerstpflegebedürftiger zu.

Doppelt so viele Pflegekräfte – woher nehmen?

Mit der Zunahme des Bedarfs in der Gesundheitsversorgung und in der Versorgung Pflegebedürftiger steigt der Bedarf an Pflegekräften. 2014 gab es nach der Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamtes 1,45 Millionen Pflegekräfte.

n Anbetracht des höheren Bedarfs in der Gesundheitsversorgung und der Entwicklung der Zahl Pflegebedürftiger mit einer Zunahme von Schwer- und Schwerstpflegebedürftigen dürfte sich der Bedarf an Pflegekräften bis 2060 auf drei Millionen verdoppeln.

Wie dieser Bedarf gedeckt werden kann, ist offen.

Schon heute gibt es einen Pflegekräftemangel im Krankenhaus, in der ambulanten Pflege und in Pflegeheimen. Viele Pflegekräfte arbeiten an ihrem Limit, viele scheiden vorzeitig aus. Heimleitungen haben mir gegenüber von einem bevorstehenden Pflege-Chaos oder einem Pflege-Kollaps gesprochen. Dabei steht die Gewinnung von Nachwuchskräften für den Pflegeberuf in Konkurrenz zu allen anderen Berufen unserer Gesellschaft.

Bevorzugt wird von vielen Betroffenen die ambulante Pflege. Sie wird von politischer Seite auch gefördert, stößt aber an ihre Grenzen. Familienstrukturen haben sich verändert. Angehörige wohnen oft weit weg, die Anzahl der Einpersonenhaushalte steigt, immer mehr Frauen sind berufstätig. Pflegende Angehörige oft überfordert.

Das bedeutet: Der Bedarf an Pflegeheimplätzen steigt. Allein demografiebedingt wird er sich bis 2060 auf rund zwei Millionen erhöhen. Bei heute rund 900.000 Plätzen ist das mehr als eine Verdoppelung. Hinzu kommt: Auch im Krankenhaus fehlen Pflegekräfte.

Heimarztmodell könnte Pflegekräfte entlasten

Für die Behebung oder Linderung des Mangels an Pflegekräften gibt es Handlungsoptionen. Beispiele sind bessere Arbeitsbedingungen, eine Anhebung der Vergütung in der Altenpflege und generell eine bessere Bezahlung von Pflegekräften. Die Benotung von Pflegeheimen sollte aufgegeben werden.

Kreise und kreisfreie Städten sollten bei der Zuständigkeit für die Heimaufsicht gestärkt werden. Gut wäre es auch, Nachbarschaftshilfe auszubauen. Entlastet werden könnten Pflegekräfte durch eine geregelte Vorbereitung der Arzneiversorgung durch Apotheken.

Von besonderer Bedeutung könnte die Konzentration der Ausbildung von Pflegekräften auf eine dreijährige Ausbildung besonders für die Behandlungspflege und für Führungsfunktionen sowie eine einjährige kostenlose Ausbildung von Pflegeassistenten in allen Bundesländern für die Grundpflege sein.

Vorbild Niederlande?

Darüber hinaus könnte wie in den Niederlanden ein Heimarztsystem mit hauptamtlichen Heimärzten eingeführt werden. Dafür müsste allerdings die freie Arztwahl aufgegeben werden. Auch Praxisnetze könnten die ständige Anwesenheit eines Arztes in Pflegeheimen sicherstellen.

Mit einem derartigen Heimarztsystem könnte sich die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern verbessern, Pflegekräfte würden entlastet, da nicht mehrere Haus-und Fachärzte mit unregelmäßigen Heimbesuchen für die Versorgung zuständig wären.

Es bleibt jedoch festzustellen, dass keine dieser Maßnahmen und auch nicht die Summe aller Maßnahmen den Mangel an Pflegekräften beheben kann. Geld kann notfalls gedruckt werden, Fachpersonal nicht.

Klar ist: Einer steigenden Zahl von Patienten mit einem höheren ärztlichen und pflegerischen Versorgungsbedarf stehen abnehmende finanzielle und personelle Ressourcen gegenüber. Ein Konzept, wie dieser Bedarf gedeckt werden kann, ist nicht erkennbar, aber erforderlich.

Hierzu muss zunächst die Situationsanalyse von der Politik anerkannt und die Problematik öffentlich gemacht werden. Die Politik sollte dann ein unabhängiges Expertengremium beauftragen, auf Grundlage der heutigen Situation und der vorhersehbaren Entwicklung ein Konzept zur Deckung des Pflegebedarfs zu erarbeiten.

Lösung des Problems muss im Fokus stehen

Es geht dabei nicht um Vorschläge zur Verbesserung der pflegerischen Versorgung, es geht um die Lösung des Problems, bei einem erkennbaren Mangel an Fachkräften die pflegerische Versorgung in der Zukunft überhaupt sicherzustellen.

Dabei muss erwartet werden, dass der finanzielle Aufwand zur Deckung des Pflegebedarfs weit über bisherige Kostenschätzungen hinausgehen wird, wenn es denn überhaupt gelingt, ein Konzept vorzulegen, das die Pflegeproblematik lösen kann.

Professor Fritz Beske leitete bis 2013 das von ihm im Jahr 1975 gegründete Institut für Gesundheits-System-Forschung in Kiel.

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Fritz Beske (146)
[13.08.2016, 10:16:40]
Armando Sommer 
Vorbild Niederlande?
Wir orientieren uns auch gern mal an Japan:
„Prävention in der alternden Gesellschaft“: Ist Japan in einigen Bereichen weiter?
Zum Thema Demografischer Wandel hat das Japanisch-Deutsche-Zentrum Berlin anlässlich seines 30-jährigen Bestehens gemeinsam mit den Gesundheitsministerien der beiden Länder am 4. und 5. Mai 2015 ein Symposium veranstaltet. Wir waren dabei. Mit beiden Fachministern Herrmann Gröhe und Yasuhisa Shiozaki waren hochrangige Vertreter aus beiden Staaten
zugegen.
Erstaunlich viele Gemeinsamkeiten
Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Bevölkerungsentwicklung und auch in den
Gesundheits- und Sozialversicherungssystemen. Für beide ist der demographische Wandel eine drängende Aufgabe und steht dementsprechend weit oben auf der politischen Agenda. Bei Einführung der japanischen Pflegeversicherung hat das deutsche Modell Pate gestanden. Auch sind die Strukturen der Renten- und Krankenversicherung ähnlich wie in Deutschland.
Was wir von Japan lernen können
Landesweit können sich Bürger zu „Demenz Supportern“ ausbilden lassen: Wenn sie an einer 90-minütigen Unterweisung teilgenommen haben, erhalten sie ein orangefarbenes Armband, das sie als freiwillige Demenzhelfer ausweist.
Durch solche Schulungen und Aufklärungskampangen ist ein hohes Bewußtsein für das Thema Demenz vorhanden. Herr Mizutani, der zuständige Referent aus dem japanischen Gesundheitsministerium berichtete von seiner neunjährigen Tochter, die in der Schule über die Demenz in ihren unterschiedlichen Ausprägungen gelernt hatte und das verwirrte Verhalten von älteren Menschen daher in Ordnung findet. Herr Mizutani erinnerte sich an seine eigene Jugend, wo er sich seiner dementen Großmutter, die einmal fast das Haus in Brand gesteckt hätte, geschämt hat.
Großer Wert wird in Japan auf die „Community“ gelegt. Nachbarschaftshilfe und
örtliche Freiwilligenangebote werden gefördert, um so niedrigschwellige Angebote für ältere Menschen zu schaffen. Beispielsweise bringen die Nachbarn den Müll zur Sammelstelle oder erledigen Einkäufe für diejenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind.
Handlungsempfehlungen
Das wir einen bundeseinheitlichen Personalschlüssel brauchen steht außer Frage. Ist jedoch ein höherer Personalschlüssel in der Pflege allein die Lösung? Aufgrund der demographischen Entwicklung geht langfristig die Zahl der erwerbsfähigen Menschen zurück und zugleich altert die Bevölkerung spürbar. Von dieser Entwicklung sind alle Branchen betroffen. Wie wir in der Prognose erkennen können wird sich die Anzahl der Erwerbsfähigen je Pflegefall bis 2050 etwa halbieren.
Wir sollten darüber nachdenken, wie wir Schüler und Auszubildende frühzeitig
sensibilisieren und einbinden. So kann die Bereitschaft für soziales Engagement erhöht werden. Allerdings setzt dieses Vorgehen eine bessere Vernetzung der Institutionen voraus. Die Zusammenarbeit in einer Kommune, Gemeinde und zwischen Nachbarn muss gestärkt werden. Außerdem ist es unumgänglich sich intensiv mit Technologien unserer Zeit zu befassen um eine spürbare Arbeitserleichterung zu erreichen.
Beratung, Begleitung und Koordination zu Pflege und Betreuung müssen ausgeweitet und in die Fläche gebracht werden. Die Zukunft der Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die mutige und unkonventionelle Lösungen braucht.

Mit sonnigen Grüßen
Armando Sommer – Wir Sind Altenpflege e.V. zum Beitrag »

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