Ärzte Zeitung online, 12.10.2016

Studie

Pflegeheim wird vielerorts zum Luxus

Die Pflegeversicherung ist eine Teilkasko-Sicherung. Das wirkt sich auf die Inanspruchnahme professioneller Pflege aus. Regionale Einkommens-, aber auch Kostenunterschiede schlagen zu Buche, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Von Ilse Schlingensiepen

Profipflege ist auch Frage des Geldbeutels

Hilfe im Pflegeheim: Nicht jeder Pflegebedürftige kann sich das auch leisten.

© Gina Sanders / fotolia.com

KÖLN. Wenn alte Menschen zu Hause statt im Heim gepflegt werden, ist das nicht immer auf ihre persönlichen Vorlieben und Bedürfnisse zurückzuführen.

In vielen Fällen reichen die finanziellen Mittel einfach nicht für eine stationäre Versorgung. Dabei gibt es innerhalb Deutschlands deutliche regionale Unterschiede.

Das zeigt die aktuelle Studie "Pflegeinfrastruktur – die pflegerische Versorgung im Regionalvergleich" der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Danach reicht in 62 Prozent der 402 Stadt- und Landkreise das durchschnittliche laufende Einkommen von über 80-Jährigen nicht aus, um damit die Versorgung im Pflegeheim zu bestreiten.

Mehr informelle Versorgung

Eine Konsequenz: "Je geringer die Kaufkraft für professionelle Pflege ist, desto mehr wird informell versorgt", heißt es in der Studie. In vergleichsweise kaufkraftschwachen Regionen könnten sich die Bürger die stationäre und professionell-ambulante Pflege seltener leisten, so die Autoren.

Pflegebedürftige in Ostdeutschland, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben nach der Studie im Schnitt genügend Kaufkraft, um die stationäre Pflege zu finanzieren.

"In den Kreisen von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg sowie den Stadtstaaten übersteigen die Pflegekosten das durchschnittliche Jahreseinkommen der über 80-Jährigen zum Teil deutlich", so die Bertelsmann Stiftung.

Allerdings gibt es auch innerhalb der einzelnen Bundesländer große Unterschiede. Die Autoren verweisen darauf, dass 2013 bundesweit 41 Prozent der Pflegebedürftigen Sozialhilfe beantragt haben.

"Die Decke ist in manchen Regionen offensichtlich zu kurz", sagt Dr. Stefan Etgeton, Senior Expert im Programm "Versorgung verbessern – Patienten informieren" der Stiftung. Der Bericht versteht sich ihm zufolge als Bestandsaufnahme.

"Wir maßen uns nicht an, daraus klare Lösungen und Handlungsstrategien abzuleiten", betont Etgeton. Die Ergebnisse könnten aber als Grundlage für die Weiterentwicklung der Pflegeinfrastruktur dienen.

Die Unterschiede bei der Finanzierung stationärer Pflegeleistungen haben ihr Gegenstück bei der Bezahlung der Pflegekräfte: Im Osten und Norden erhalten Pflegekräfte geringere Löhne als in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern.

Weitere Ergebnisse der Studie

Pflegeheime sind durchweg gut zu erreichen, die maximale Distanz zwischen zwei Einrichtungen beträgt im Durchschnitt der 402 Kreise 8,2 Kilometer. Innerhalb mancher Städte sind es nur 500 Meter.

Beim Preisniveau gibt es deutliche Unterschiede. Die Tagessätze für professionelle Pflege in stationären Einrichtungen liegen zwischen 88 Euro und 153 Euro pro Tag. Niedrigen Kosten im Norden und Osten stehen hohe im Süden und Westen gegenüber.

Je nach Region haben die Beschäftigten in den Pflegeheimen täglich zwischen 2,1 und 3,6 Stunden Zeit pro Bewohner.

[13.10.2016, 08:34:22]
Jens Wasserberg 
Ist die Lastenverteilung noch generationengerecht ?
Rechnet man die Tageskosten einmal auf eine vierköpfige Familie hoch, so würden sich die monatlich erforderlichen Beträge auf 12.000,- € bis 18.000,- € summieren. Diesen Betrag hat keine Familie zur Verfügung.
Es mutet bizarr an, dass unsere Gesellschaft für das Lebensende deutlich mehr Ressourcen zur Verfügung bereitstellen will, als es für diejenigen bereitzustellen willig ist, die unsere Zukunft organisieren sollen.
Da auch schon heute klar ist, dass diese jüngere Generation niemals in den Genuss dieses Generationenvertrages kommen wird, muss man kritisch die Frage stellen, ob es eine zunehmende Unwucht zwischen diesen Generationen gibt hinsichtlich der Lastenverteilung in unserer alternden Gesellschaft.
Und wer die Verhältnisse in vielen Pflegeheimen einmal von Innen gesehen hat, der stellt sich zusätzlich die Frage, ob diese Art der Versorgung überhaupt noch verantwortlich getragen werden kann. Das ausgedünnte und überlastete Pflegepersonal profitiert jedenfalls eindeutig nicht von diesen hohen Tagessätzen ...
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