Ärzte Zeitung online, 16.02.2017

Oft ein Problem

Vom Pflegeheim in die Klinik und zurück – das muss kein Dauerzustand sein

Könnten Hausärzte im Pflegeheim ein EKG machen oder Ultraschalluntersuchungen vornehmen, ließe sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen bereits erheblich reduzieren. Das zeigt eine Untersuchung der Universität Witten/Herdecke.

Von Katrin Berkenkopf

Vom Pflegeheim in die Klinik und zurück – das muss kein Dauerzustand sein

Bewohner eines Pflegeheims. Die hohe Zahl der Verlegungen vom Heim in die Klinik belastet alle Beteiligten.

© Atkins / fotolia.com

Die Zahl der Krankenhauseinweisungen der Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen lässt sich um ein Drittel reduzieren. Davon profitieren nicht nur die Patienten selbst, die in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, sondern auch das Gesundheitssystem profitiert durch geringere Kosten. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie von Pflegewissenschaftlern der Universität Witten-Herdecke, die jetzt ihren Abschlussbericht vorgelegt haben. Niedergelassene Ärzte können dabei eine wichtige Rolle spielen.

"Auf die Idee zu der Studie gebracht haben uns Studierende", erklärt Professor Christel Bienstein, die Leiterin der Studie. Sie berichteten über die schwierige Situation der Menschen, die nach einem Krankenhausaufenthalt zurück in die Einrichtung kommen. Insbesondere für alte Menschen mit Demenz, zu denen mittlerweile zwei Drittel der Altenheimbewohner zählen, bedeutet ein Verlassen der gewohnten Umgebung besonderen Stress und damit eine Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes. Krankenhäuser wiederum seien auf solche Patienten und ihre besonderen Bedürfnisse schlecht vorbereitet. Gleiches gelte für Menschen mit Behinderungen.

Skandinavien ist deutlich weiter

Über mehr als zwei Jahre untersuchten die Wittener Wissenschaftler die Versorgung in vier stationären Altenpflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, drei davon über die gesamte Laufzeit – Umfang und Gründe der Krankenhauseinweisungen, Möglichkeiten der Vermeidung und ihre Auswirkungen auf die Kosten. "Alternative Versorgungsmodelle für akut erkrankte Pflegebedürftige sind in Deutschland bisher wenig beforscht und gewinnen bei sich ändernder Altersstruktur an Bedeutung", heißt es im Abschlussbericht zur Studie. Die Pflegewissenschaftler verweisen auf geschätzte eine Million Krankenhauseinweisungen pro Jahr aus Altenheimen.

In Skandinavien sei man auf diesem Gebiet deutlich weiter, ergänzt Bienstein. Dort sind Altenpflegeeinrichtungen vor allem daraufhin ausgelegt, den Menschen eine Rückkehr in ihr gewohntes Zuhause zu ermöglichen. In den nordischen Ländern finden sich auch deutlich mehr Ärzte in den Einrichtungen. Und das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Deutschland, erklärt die Expertin. Denn neben der personellen Ausstattung und Qualifikation der Mitarbeiter in den Einrichtungen selbst sehen die Pflegewissenschaftler einen wichtigen Ansatzpunkt zur Verbesserung der Situation in der engeren Einbeziehung von Haus- und Fachärzten.

Fördermittel von den Kassen nutzen

Im Gegensatz etwa zu den Apotheken vor Ort sei die Zusammenarbeit mit ihnen häufig noch problematisch. "Es wird empfohlen, Hausärzte/-ärztinnen verbindlich zu einer regelmäßigen Visite ihrer Patienten und Patientinnen zu verpflichten. Weiterhin sollten sie an Fallbesprechungen und auch an ethischen Entscheidungsfindungen teilnehmen", so der Abschlussbericht. Immerhin würden Krankenkassen mittlerweile Fördermittel für integrierte Versorgungsmodelle zur Verfügung stellen.

In den Altenheimen könne die Einrichtung eines Arztzimmers die Versorgung verbessern und die Arbeit der Ärzte erleichtern. Schon die Möglichkeit, vor Ort ein EKG oder eine Ultraschalluntersuchung durchzuführen, erspare viele Einweisungen in die Klinik. "Es muss der Einrichtung möglich sein, medizinische Behandlungsmaßnahmen im Altenheim auch über das SGB V abzurechnen", fordern die Pflegewissenschaftler.

Kooperation mit Kliniken ausbauen!

Auch die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern müsse sich verbessern. Hier gebe es viele "kommunikative Hemmnisse", beispielsweise dadurch, dass die Altenheime keine Entlassbriefe erhalten.

Die an der Studie beteiligten Einrichtungen können sich allesamt vorstellen, Krankenhaus-Betten dem örtlichen Altenheim zuzuordnen. Es habe sich in der Studie gezeigt, dass es möglich sei, Behandlungen dort unter DRG Bedingungen abzurechnen. Voraussetzung sei, dass die akut erkrankten Bewohner von Klinikärzten betreut werden.

Alle Maßnahmen zusammen könnten die Zahl der Einweisungen aus Altenpflegeeinrichtungen in Krankenhäuser um 35 Prozent reduzieren, schätzt Bienstein. Am Ende würde dies auch zu einer deutlichen Reduktion der Kosten im Gesundheitssystem führen, sagt Professor Sabine Bohnet-Jeschko, die die ökonomischen Auswirkungen der Krankenhauseinweisungen untersucht hat. Allein die Beispielindikation Pneumonie habe 2013 Kosten von 163 Millionen Euro für die Versorgung von Pflegeheimbewohnern in Krankenhäusern verursacht, obwohl in vielen Fällen eine Behandlung auch in der Einrichtung möglich gewesen wäre.

Der Abschlussbericht ist online verfügbar unter:

www.uni-wh.de/fileadmin/media/g/pflege/forschung/IVA-Abschlussbericht.pdf

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