Ärzte Zeitung online, 17.09.2012

Komasaufen

Das Problem der Geschlechter

Alkoholprävention wirkt - ist sich die BZgA sicher und legt eine Zwischenbilanz ihrer Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." vor. Allerdings: Eine deutliche Sprache sprechen die Zahlen nicht.

Das Problem der Geschlechter

Kennen vermutlich ihr Limit: Bahr, Leienbach und Pott.

© Florian Kleinschmidt / dpa

BERLIN (nös). Immer mehr Jugendliche kennen offenbar ihr Limit beim Alkoholkonsum. Das lässt sich zumindest mit viel Interpretation aus einer Zwischenbilanz der BZgA-Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." ablesen, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gemeinsam mit den privaten Krankenversicherern am Montag in Berlin vorgelegt hat.

Immerhin: Die Zahl der Kinder im Alter von 12 bis 17 Jahren, die mindestens einmal im Monat zu tief in die Flasche gucken, ist seit dem Beginn der Kampagne im Jahr 2009 gesunken.

Gaben im Jahr 2004 noch 22,6 der Befragten an, sich mindestens einmal im Monat in den "Rausch" getrunken zu haben, waren es 2011 mit 15,2 Prozent deutlich weniger.

Für BZgA-Direktorin Professor Elisabeth Pott steht deswegen fest, dass die Ergebnisse für ihren Präventionsansatz sprechen. Dennoch: "Mit 15 Prozent ist das Rauschtrinken bei Jugendlichen immer noch erschreckend hoch."

Auf Gesamtdeutschland hochgerechnet sind das rund 700.000 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren, die laut Pott "riskant Alkohol trinken".

Großen Nachholbedarf gibt es vor allem bei den 18- bis 25-Jährigen. Trotz der Kampagne hat es hier zum Jahr 2011 einen regelrechten Peak beim Rauschtrinken gegeben. Spitzenreiter sind die jungen Männer. Bei ihnen gab jeder Zweite (54,5 Prozent) an, in den letzten 30 Tagen deutlich "über den Durst getrunken" zu haben.

Auch bei den Mädchen in der Altersgruppe gab es diesen Anstieg - auf 28,7 Prozent. Allerdings sind Mädchen und Frauen offenbar deutlich weniger anfällig für riskanten Alkoholkonsum. Gerade mit zunehmendem Alter scheint der Abstand zu ihren männlichen Altersgenossen bei der Prävalenz zuzunehmen.

Einen geteilten Erfolg hat die Kampagne hingegen bei der Einstellung zum Alkohol gehabt. In der Altersgruppe bis 17 Jahren scheint die Aufklärung zu wirken: Kontinuierlich steigt der Anteil derjenigen, die der Aussage zustimmen, ein "Alkoholrausch ist eine große Gesundheitsgefahr" - auf zuletzt 66 Prozent der Mädchen und 57,2 Prozent der Jungen.

Kritik an den Präventionsprojekten

Anders ist es bei den Volljährigen (18 bis 25 Jahre). Hier sinkt seit 2005 die Zustimmung zu dieser Aussage tendenziell auf zuletzt 64,6 Prozent bei den jungen Frauen und 40,9 Prozent bei den jungen Männern.

Schlimmer noch: Mit zunehmendem Alter scheint die Akzeptanz von Alkohol als Partydroge zuzunehmen. In der Altersgruppe der Jugendlichen ab 18 bis 25 Jahren steigt seit 2001 die Zustimmung zu der Aussage, dass "Alkohol für gute Stimmung sorgt" - Frauen 66,9 Prozent, Männer 80,8 Prozent.

Bereits im Vorfeld der jetzigen Zwischenbilanz wurde Kritik an den zahlreichen Präventionsmaßnahmen laut. Experten der GP Forschungsgruppe am Institut für Grundlagen- und Programmforschung in München hatten im Auftrag des DIMDI die Wirkung deutscher Alkoholpräventionsprojekte untersucht.

Ihr Fazit war ernüchternd: "Die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes der für Alkoholprävention aufgewendeten Millionenbeträge ist nicht evaluiert, auch nicht das Kosten-Nutzen- oder Kosten-Wirkungsverhältnis."

Dennoch sprechen auch anderen Statistiken dafür, dass für Komasaufen und Co. die Sensibilität wächst. Hier hilft ein Blick in die tiefgegliederten Diagnosedaten der Kliniken, die das Statistische Bundesamt erhebt - die jüngste Erhebung liegt für das Jahr 2010 vor.

Tatsächlich gab es danach in den Altersgruppen 10 bis 19 und 20 bis 29 Jahre bis zum Jahr 2009 einen leicht ansteigenden Trend bei Klinikentlassungen mit dem ICD-10-Code F10.- (Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol).

Die Spitze führten die jungen Männer ab 20 mit 23.911 stationären Fällen, gefolgt von den Jungen im Alter bis 19 mit immerhin 17.854 Fällen.

Im Jahr 2010 kippte der Trend nach unten: In der Altersgruppe der Zehn- bis 19-Jährigen sanken die Zahlen der Klinikbehandlungen. Lediglich bei den über 20-Jährigen stiegen die Zahlen, wenn auch deutlich moderater als in den Vorjahren.

Für die BZgA-Kampagne ist das Ziel deshalb noch lange nicht erreicht, sagt auch Direktorin Pott: "Kontinuierliche Präventionsangebote sind und bleiben daher unverzichtbar."

Gemeinsam mit Gesundheitsminister Daniel Bahr und PKV-Verbandsdirektor Dr. Volker Leienbach hat sie heute in Berlin neue Spots und Anzeigenmotive angekündigt. Künftig sollen die Geschlechter einzelnen angesprochen werden, um so vor allem auch die Problemzielgruppe der Jungen und jungen Männer zu erreichen.

Die Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." wurde im Sommer 2009 von der BZgA in Zusammenarbeit mit dem PKV-Verband gestartet. Sie ist zunächst auf fünf Jahre bis 2014 angelegt. Finanziert wird das Projekt von der PKV mit jährlich zehn Millionen Euro.

[17.09.2012, 18:54:12]
Almut Rosebrock 
Warum nicht "alkoholfrei" propagieren?
Für mich ist das Alkoholtrinken viel zu "selbstverständlich" in der Gesellschaft verankert!
Warum ist es "normal", dass man nur mit einem Pils oder Wein "entspannen" kann? Oder auf den Stress erstmal einen Sherry braucht?

Alkohol ist Gift!
Jeder, der diese Getränke trinkt, vergiftet sich bewusst.
Nur wird das nicht klar gesagt.

Ich finde, man muss Alternativen bringen.
"Mit klarem Verstand feiern."
"Fröhlich geht auch ohne Alkohol!"

Das wären für mich Kampagnen, die ich unterstützen würde. Sofort!

Ich denke auch, dass Ärzte und Apotheker hier Verantwortung haben.
Aber es ist zu "normal", das "Entspannungstrinken".
Bedenklich.

Nicht hinzunehmen!

Das ist für mich eine Stärke im Islam -
so sehr ich in anderer Hinsicht kritisch bin.

Es gibt leckere Drinks und Mischgetränke völlig ohne Alkohol.
Fruchtig, Vitaminhaltig. Natürlich. Lecker.

Bittere Grapefruit.
Süße aromatische Banane, Pfirsich, ... .
"Pfiffige" Maracuja oder Mango.

Und: Infolge von Alkoholkonsum geschehen MEHR (nicht selten auch TÖDLICHE - für Nichtbetroffene!) Verkehrsunfälle, Morde, Vergewaltigungen, Sachbeschädigungen, Kindesmisshandlung und -missbrauch, Körperverletzungen, Familien zerbrechen, usw. -
als durch alles Andere (auch nicht durch's Rauchen!)

Warum packt niemand diese Problematik ENTSCHIEDEN an???

A. Rosebrock, Apothekerin, Wachtberg bei Bonn
Aktionsbündnis "Gerne leben mit Kindern", www.glmk.de
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