Ärzte Zeitung online, 10.09.2013

Suizidpräventionstag

"Ich mach's wie Robert Enke"

Fast dreimal so viele Menschen sterben durch Suizide wie durch Verkehrsunfälle. Das Nationale Suizid Präventionsprogramm (Naspro) fordert daher mehr Prävention.

"Ich mach's wie Robert Enke"

Der einstige Torhüter von Hannover 96 Robert Enke hat sich das Leben genommen - so rückte das Thema Depression mehr in den Fokus der Öffentlichkeit.

© Peter Kneffel / dpa

BERLIN. "Wir haben fast drei Mal so viele Suizide wie Verkehrstode, aber die Präventionsmaßnahmen stehen in keinem Verhältnis", kritisierte Professor Armin Schmidtke vom Nationalen Suizid Präventionsprogramm (Naspro) am Montag in Berlin.

Gemeinsam mit der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St Hedwig-Krankenhaus Berlin wendet sich Naspro anlässlich des Welttags der Suizidprävention am morgigen 10. September in diesem Jahr gegen Vorurteile gegenüber suizidgefährdeten Menschen und ihren Angehörigen.

Die Zahl der Suizidopfer in Deutschland steigt nach Angaben von Naspro wieder. Dabei sind nach wie vor mehr Männer als Frauen betroffen. Einen überdurchschnittlichen Anstieg der Suizide beobachtet Schmidtke bei älteren Menschen.

Zudem weist er auf eine Zunahme der Suizide bei Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft hin. "Das hängt damit zusammen, dass wir uns um ältere Migranten keine Gedanken gemacht haben", sagt der Suizidforscher.

Er spricht zudem von regelrechten "Suizidepidemien". Solche Häufungen treten nach seinen Angaben besonders bei Entlassungswellen in Betrieben auf. Aber auch nach der Selbsttötung des Fußballers Robert Enke wurden Schmidtke zufolge rund ein Jahr lang deutlich mehr Eisenbahn-Suizide gezählt als sonst.

Robert Enke hatte positive und negative Effekte

Eine Mutter fand im Auto des Sohnes einen Zettel: "Ich mach's wie Robert Enke", berichtet die Sozialpädagogin Elisabeth Brockmann von der Hinterbliebenen-Hilfsorganisation AGUS in Bayreuth.

Das prominente Beispiel hat zwar leider Nachahmer gefunden. Es hat aber auch positiv bewirkt, dass das Thema mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist.

Unter anderem haben sich die Kirchen in diesem Zusammenhang geöffnet, so dass in diesem Jahr zum Welttag der Suizidprävention bereits zum wiederholten Mal ein überkonfessioneller Gottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche stattfindet.

Dennoch gilt nach wie vor: "Suizid gehört zu den am stärksten tabuisierten Todesarten", wie Brockmann sagt, "Suizid macht Angst, hilflos und unsicher". Das Stigma eines Suizids wirke sich auf die ganze Familie aus. Hinterbliebene seien mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Zudem habe Suizidtrauer eine äußerst lange Laufzeit, so Brockmann.

Zur Suizidprävention in Deutschland ist die Früherkennung des Suizidrisikos zentral. Hier sind auch Ärzte aufgerufen, Anzeichen zu beachten und ernstzunehmen. "Viele Suizidenten suchen vor dem Suizid den Hausarzt auf. Dort wird es nicht richtig erkannt, dann erfolgt die Tat", so Schmidtke.

"Die große Mehrheit der Suizide findet in Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung statt", sagt Beate Lisofsky vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker.

Das Stigma, das einer psychischen Erkrankung anhaftet, kommt nach ihren Angaben einer zweiten Krankheit gleich. Besonders gefährdet sind auch Suchtkranke, sobald sie das Hilfesystem verlassen.

Nervenärzte: Wartezeiten sind zu lang

Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BDVN) beklagt zu lange Wartezeiten für Menschen mit Depressionen. Die schnelle und gute Betreuung dieser Patienten sei die beste Möglichkeit, Suizide zu verhindern, sagte der BDVN-Vorsitzende Dr. Frank Bergmann anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstags. "Depressionen sind gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt werden."

Bergmann wies auf Engpässe in der zeitnahen Betreuung der rund 3,1 Millionen Patienten mit einer unipolaren Depression hin. "Viele von ihnen erhalten keine angemessene Versorgung oder deutlich zu spät."

Grundsätzlich hält er Wartezeiten von Wochen oder sogar Monaten für Patienten mit akuten psychischen Erkrankungen für nicht hinnehmbar. Da psychiatrische Praxen oder Kliniken die umgehende Behandlung nicht immer allein leisten könnten, sei die bessere Vernetzung und Koordination der Akteure vor Ort notwendig.

Die Versorgung müsse viele stärker regional organisiert werden, forderte Bergmann.

Eine Möglichkeit seien integrierte Versorgungsverträge. "Es ist jetzt an der Zeit, die Erfahrungen aus den Einzelvorhaben zu nutzen und flächendeckend regional abgestimmte Behandlungspfade aufzubauen, welche die Krankenkassen dann auch finanzieren." (ami; Mitarbeit: iss)

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