Ärzte Zeitung online, 05.12.2013

Zurück in den Job?

Psychische Leiden noch ein Tabuthema

Immer schneller, immer mehr und das mit immer weniger Ressourcen - für einige Mitarbeiter wird der Arbeitsalltag zur Belastung. Dann entsteht eine Odyssee - und zwar nicht nur bis zur Diagnose, sondern auch bei der Rückkehr in den Beruf. Und die klappt nur, wenn Kassen, Unternehmen und Mitarbeiter an einem Strang ziehen, betonten Experten.

Von Sunna Gieseke

BERLIN. Noch immer sind psychische Erkrankungen in der Gesellschaft stigmatisiert: "Viele Kollegen haben Berührungsängste", sagte Irene Fischer, Schauspielerin bei der Fernsehserie "Lindenstraße".

Sie habe ihre Depression über fünf Jahre geheim gehalten. Das habe sie irrsinnig viel Energie gekostet. Doch einmal geoutet, sei ihr schnell klar geworden: Einige Kollegen hätten immer noch das Bild im Kopf, Menschen mit Depressionen hingen trübe in der Ecke.

Wiedereingliederung noch nicht im Fokus

"Da gibt es immer noch viel Unwissen", so Fischer während des DAK-Symposiums "Zurück an den Arbeitsplatz. Berufliche Wiedereingliederung von Arbeitnehmern nach längerer psychischer Erkrankung" Ende November in Berlin.

Die Frage der Wiedereingliederung in den Beruf stehe bislang nicht genügend im Fokus, kritisieren auch Experten. Chefs, Kollegen und die Betroffenen seien häufig nicht gut genug auf die neue Situation vorbereitet.

Bislang konzentrierten sich viele Debatten eher auf die Aspekte, wie eine psychische Erkrankung verhindert und wie Stress am Arbeitsplatz reduziert werden könne.

Doch der Handlungsdruck steigt: Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen seit Jahren zu. Daher wachse die Motivation in den Betrieben, endlich zu handeln - und zwar nicht aus Altruismus, sondern zur Steigerung der Produktivität, sagte Herbert Rebscher, Vorstandvorsitzender der DAK Gesundheit.

Chefs müssen anfangen umzudenken

In Berlin wollte die DAK daher die Notbremse ziehen und rief aufrund immer weiter steigender Arbeitsunfähigkeitstage vor etwa zwei Jahren ein Spezialisten Netzwerk aus Psychiatern, Nervenärzten, häuslicher psychiatrischer Fachkrankenpflege und Soziotherapeuten ins Leben.

Das Ziel: Eine schnelle Wiedereingliederung in den Beruf und eine Vermeidung einer Chronifizierung der Erkrankung.

Damit das gelingt, sollen die Versicherten mit einer psychischen Erkrankung eine rasche und nahtlos aufeinander abgestimmte medizinische Versorgung erhalten.

"Die Behandlung findet in der Regel ambulant statt und beginnt ohne Wartezeiten", sagte Gabriela Slawik, DAK-Vertriebsleiterin. Für Notfälle stehe ein Rund-um-die-Uhr-Dienst bereit.

Doch alles Engagement von außen helfe nichts, wenn nicht auch die Chefs anfingen umzudenken, betonte der Mitveranstalter des Symposiums, Gerd Kräh, Dircetor Goverment Affairs der Pharmafirma Lilly.

Die Vorgesetzten müssten sich die Frage stellen: "Wie viel wissen wir von unseren Mitarbeitern?" Diese müssten ein Umfeld erleben, in dem sie sich auch öffnen könnten. Das bedeute für den Chef, die Angestellten auch über ihre Arbeitstätigkeit hinaus wertzuschätzen.

Schließlich habe der Arbeitsplatz eine wichtige Bedeutung für die psychische Gesundheit, sagte Wolfgang Panter, Präsident Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Bei der Wiedereingliederung der Betroffenen sei es wichtig, dass Haus- und Betriebsärzte eng einbezogen werden.

Auf das Unternehmen käme eine besondere Verantwortung zu: Es sei auch die Frage zu klären, welches Risiko von dem Mitarbeiter ausgehe, zum Beispiel in der Stahlindustrie oder Luftfahrt. "Bei dem technischen Arbeitsschutz sind wir schon relativ weit", ergänzte der CDU-Politiker Peter Weiß.

Bei der Prävention von psychischen Erkrankungen gebe es teilweise noch Nachholbedarf in den Betrieben.

Schnell und unbürokratische Hilfe für psychisch erkrankte Menschen

Wie wichtig der Job für die Mitarbeiter ist, weiß auch Frank Batsch, Koordinator des Betrieblichen Eingliederungsmanagements der Berliner Stadtreinigung.

"Für viele unserer Mitarbeiter ist die Stunden auf der Arbeit, die einzige Zeit des Tages, in der ein bisschen Struktur herrscht." Danach kehrten sie häufig nach Hause ins Chaos zurück. Zur Wiedereingliederung der Arbeitnehmer gebe es zum Beispiel Arbeitszeitmodelle.

Auch bei der Firma SAP AG ist Gesundheit der Nachhaltigkeitsstrategie. "Nur mit gesunden Arbeitnehmern kann ein Unternehmen erfolgreich sein", sagte Friederike Pleuger, Medical Director bei der SAP.

Psychisch erkrankten Mitarbeitern biete SAP viele Maßnahmen an, um eine schnelle und unbürokratische Hilfe zu ermöglichen. Mitarbeiter, die selbst Erfahrungen mit Burnout hatten, stünden zum Beispiel für Gespräche bereit. Zudem gebe es eine anonyme Hotline, auch für Familienangehörige.

Zudem können 220 geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter in schwierigen Situationen helfen. Unsicherheiten im Umgang mit psychisch Erkrankten würden zudem in den Teams besprochen, so Pleuger.

Allerdings, so Experten, ließen sich solche gezielten Maßnahmen für Mitarbeiter nicht einfach auf kleinere und mittelgroße Unternehmen übertragen, da es hier weniger Anonymität gebe.

"Aber es kann auch Vorteile haben, wenn sieben Mann zusammenarbeiten, wissen sie alles voneinander", so Panter. Wichtig sei, dass die Erkrankung früh erkannt werde, andernfalls könne sie sich chronifizieren.

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