Ärzte Zeitung, 10.01.2014

Betriebsmedizin

Psychologische Anlaufstelle für Mitarbeiter

Betriebe, die ihren Mitarbeitern eine Anlaufstelle für psychische Probleme bieten, sind selten. Ein Beispiel aus dem Norden zeigt, wo die Knackpunkte in der Versorgung liegen.

Von Ilse Schlingensiepen

Psychologische Anlaufstelle für Mitarbeiter

Burn-out? Da ist professionelle Hilfe gefragt.

© Brad Killer / iStockphoto

KÖLN. Die Firma ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel macht ihren Mitarbeitern ein besonderes Angebot: Als Teil der betriebsmedizinischen Versorgung steht ihnen eine Praxis mit ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten als Anlaufstelle zur Verfügung.

Die Therapeuten reservieren für die Belegschaft Zeit für Krisengespräche sowie diagnostisch orientierte Beratungen zur Früherkennung von Burn out-Entwicklungen und behandlungsbedürftigen psychischen Störungen, erläutert Praxisinhaber Gerhard Leinz, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Seit Juli 2013 haben elf Beschäftigte das Angebot angenommen. "Manche haben schon lange Krankheitszeiten hinter sich, aber erstmals einen Psychotherapeuten aufgesucht", berichtet Leinz.

In der betrieblichen Gesundheitsförderung steht seiner Ansicht nach häufig die Primärprävention zu sehr im Mittelpunkt.

Gerade wenn es um psychische Erkrankungen geht, sei aber auch das Erkennen und Einordnen der ersten Frühsymptome wichtig, hier lohne sich qualifizierte Diagnostik.

Die richtigen Gleise finden

"Die Menschen brauchen vor allem frühzeitig Gespräche mit den qualifiziertesten und erfahrensten Psychotherapeuten, um für die Zukunft in die richtigen Gleise zu kommen", sagt er.

Viele Anbieter, die Firmen Unterstützung im betrieblichen Gesundheitsmanagement anbieten, könnten das nicht leisten, ist seine Erfahrung.

Nicht alle psychischen Erkrankungen im Arbeitsleben sind ausschließlich auf ungünstige Arbeitsplatzbedingungen zurückzuführen, betont Dr. Annette Haver, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie.

"Vor einer Behandlung sollte eine sorgfältige leitliniengerechte psychiatrische Diagnostik erfolgen und dann eine entsprechende individuelle gezielte Therapie eingeleitet werden."

Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) bietet seit Mitte 2012 eine Ausbildung zum BVDN-Coach an.

Nervenärzte und Psychiater werden dabei in der Prävention und Behandlung beruflich bedingter psychischer Erkrankungen weitergebildet, damit sie Firmen beraten und unterstützen können.

"Ziel der Ausbildung des Coach BVDN ist es, in jeder Region einen kompetenten Psychiater oder Nervenarzt als Ansprechpartner für Unternehmen bereitzustellen", sagt Haver, die selbst als Coach tätig ist.

Prävention wird oft unterschätzt

Gerade Handwerksbetriebe und andere kleinere Unternehmen, die keinen eigenen Betriebsarzt haben, nehmen das Angebot an, berichtet sie. Die Handwerker nennen Haver Mitarbeiter, bei denen sie psychische Probleme vermuten.

Die Ärztin prüft, ob es sich um eine psychische Erkrankung oder ein persönliches Problem handelt und entscheidet über das weitere Vorgehen.

Die Arbeit mit systemischen Methoden ermögliche dem Patienten eine bessere Wahrnehmung seiner beruflichen Situation, sagt sie.

Ein weiterer Vorteil: "Wir arbeiten sehr lösungsorientiert." In den Betrieben können die Coachs psychische Belastungen am Arbeitsplatz erkennen und mit den Unternehmen daran arbeiten, sie zu reduzieren.

Die Möglichkeiten der Prävention von neurologischen Erkrankungen werden nach Einschätzung von Dr. Uwe Meier, Vorsitzender der Berufsverbands Deutscher Neurologen, in der Öffentlichkeit unterschätzt. "Da gibt es noch Nachholbedarf."

Nicht nur auf Früherkennung beschränken

Vielen sei nicht bewusst, dass richtige Ernährung, ausreichend Bewegung und ein angemessener Umgang mit Stress auch der Prävention von neurovaskulären Erkrankungen dienen. "Es geht um das gleiche präventive Spektrum wie bei Herzerkrankungen", sagt Meier.

Neurologen können Betroffene bei der Stressbewältigung unterstützen. "Neurologen als Spezialisten des Gehirns können beurteilen, über welche Signalwege Stress krank macht und Patienten kompetent dabei unterstützen, mit Stress umzugehen oder diesen abzubauen."

In der Neurologie darf die Prävention nicht auf den Bereich der Früherkennung beschränkt werden, fordert Meier.

So gehe es nicht nur darum, Gefäßänderungen frühzeitig zu erkennen, sondern darum, sie zu verhindern.

"Das fängt bereits in der Schulkantine an und nicht erst im Betrieb."

[13.01.2014, 04:01:21]
Eva Pichler 
Psychische Gewalt, psychosozialer Stress & Mobbing in der Firmen"kultur"
Solange das Problem beim Arbeitnehmer liegt, handeln psychologische Anlaufstellen IN Firmen oft sehr exzellent. Kommt jedoch an die Oberfläche, dass eine Mobbingsituation vorliegt, und das Problem sozusagen die Führungskraft oder mitmobbende Kollegen sind, die von der Führungskraft sanktioniert gehören,wird leider - gerade auch von dein innerbetrieblichen Stellen - defizitär gehandelt. Der Mitarbeiter wird als "sensibel, nicht belastbar,leicht paranoid" abqualifiziert und in Folge von keiner Stelle im Betrieb mehr ernst genommen in seiner Mobbingsituation. Diesbezüglich gibt es auch Fachliteratur: Ärzteblatt:

Hilflose Helfer in Diagnostik und Psychotherapie
http://www.aerzteblatt.de/archiv/27942

Supervisoren,Coaches, Psychologen u. Therapeuten haben oft - mangels allg. gesellschaftl.Tabuisierung des Themas - wenig Fachliteratur in der Ausbildung zur Verfügung gestellt bekommen.
Versierte fachärztliche Artikel können helfen, die innerbetriebliche Abwärtsspirale zu unterbrechen: frei zum Download: www.baemayr.net
oder http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at/dr-b%C3%A4mayr/.
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[12.01.2014, 02:16:06]
Eva Pichler 
Psychische Gewalt, psychosozialer Stress & Mobbing in der Firmen"kultur"
Innerbetriebliche psychologische Anlaufstellen sind sehr zu begrüßen, WENN das Engagement ehrlich gemeint ist (was leider erfahrungsgemäß durchaus nicht immer der Fall ist..). Weiters hört die neutrale psychologische Unterstützung meist dort auf, wo psychische (schwere) Belastungen durch Mobbing, systematsierte psychische Gewalt oder Psychoterror durch Kollegen od. Führung verursacht wird. Hier wird - in der Praxis - zumeist wie folgt reagiert: a) das Mobbing bzw. die dargelegte Situation wird negiert (dem Mitarbeiter werden anderen Sorgen "untergeschoben"). Oder b) der Mitarbeiter wird zum Betriebsrat geschickt-der in mobbingduldenden Firmen idem reagiert, dem Mitarbeiter "Sensibilität u. vermehrte Empfindsamkeit" unterstellt und ihn auf kurz oder lang "mundtot" macht. Denn was es nicht geben darf,gibt es auch nicht. Diesbezüglich ist auf den erstklassigen Artikel im Ärzteblatt von Dr. Argeo Bämayr, FA für Neurologie, Psychiatrie & Psychotherapie hinzuweisen:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/27942/Mobbing-Hilflose-Helfer-in-Diagnostik-und-Therapie

Die BGF ist oft nicht mehr als ein Plakat auf der Wand- gut gemeint, aber ineffizient. Die BGF lädt Mitarbeiter ein, die Gesundenuntersuchungen in Anspruch zu nehmen - in der Praxis: je höher in der Hierarchie, desto weniger werden Arzttermine in der Dienstzeit geduldet (mir sind 3 Abteilungsleiter bekannt, die kurz nach der Pensionierung an Krebs verstorben sind!! - denn die erste Vorsorgeunt. nahmen sie nach der Pens. in Anspruch.. und da war es zu spät..).

Was haben wir geturnt.. jede Woche.. uns bemüht, dass wir fit bleiben.. während im öff. Dienst einer nach dem anderen bis zur Arbeitsunfähigkeit (und auch Suizid) gemobbt wurde...

Fachartikel zu Mobbingsyndrom, besondere Problematik in der Begutachtung, Belastung der Ärzte durch Richtgrößen etc. auch auf

www.baemayr.net
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[10.01.2014, 07:15:09]
Andrea Gensel 
EAP Employee Assistance Program
Hallo, ein guter Artikel und wichtiger Artikel.
EAP (Employee Assistance Program) Anbieter gibt es in Amerika seit 40 Jahren, in Deutschland seit ca. 10 Jahren.

Ich bin Geschäftsführerin eines Unternehmen, welches "betriebspsychologische Beratung" für Mitarbeiter anbietet. Eine anonyme, externe Mitarbeiterberatung zu allen psychosozialen Anliegen. Wir beraten und helfen bei Fragestellungen und Anliegen rund um das private und berufliche Leben. Von Überforderung am Arbeitsplatz, Konflikten mit Kollegen oder Vorgesetzten, bis hin zu Ehetrennungsproblemen, Sorgen um die Kinder oder Erkrankung eines Familienangehörigen. Auch alle Familienangehörigen, welche mit den Mitarbeitern unserer Vertragspartner (130 Firmen bundesweit) in einem Haushalt leben, können sich von uns beraten/betreuen lassen. Ziel ist immer, dass Belastungen, egal welcher Art, frühstmöglich mit uns minimiert oder sogar aufhören. Wir sind Psychologen, Psychoonkologen, Psychotherapeuten, Reha-Berater uvm.

Eine Studentin hat gerade ihre Master-Thesis bei uns geschrieben. Sie hat eine Wirksamkeitsanalyse von EAP bei einem unseren Kunden durchgeführt. Das Ergebnis ist, eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit, geringerer Krankenstand/Fehlzeiten und mehr Achtsamkeit mit sich selbst, weil das Thema Psychosoziale Achtsamkeit durch uns im Unternehmen sehr beworben wird (Plakate, Vorträge zu Stress etc.)
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Weitere Beiträge zur Serie:
"ZNS-Versorgung"

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