Ärzte Zeitung online, 30.10.2014

Prävention

"Turnschuhe statt Tabletten verordnen"

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat an die Ärzte appelliert, ihre Patienten mehr vorbeugend zu behandeln. Das Motto "Turnschuhe verordnen statt Tabletten" müsse mehr in den beruflichen Alltag der Mediziner integriert werden.

WIESBADEN. Das sagte Professor Michael Hallek in Wiesbaden anlässlich der Tagung "Vorbeugen oder Behandeln - Wohin geht die Innere Medizin?"

Gerade bei Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Übergewicht und Bluthochdruck könnten einfache und preiswerte Dinge wie mehr Sport oder eine gesündere Ernährung viel bewirken.

Auch bei Krebserkrankungen könne die Begleitung mit Sport die Lebenszeit deutlich verlängern. Dieses Bewusstsein müsse bei Ärzten und auch bei medizinischen Fachgesellschaften immer wieder erneuert werden, erklärte der Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln. "Ich glaube, das wird manchmal vernachlässigt."

Nach Einschätzung von Hallek könnte über Jahre eine Milliardensumme im Gesundheitssystem eingespart werden, wenn auf die Prävention mehr Wert gelegt würde.

Drei- bis viermal pro Woche sollten eine halbe bis eine Stunde Sport betrieben und damit möglichst viele Muskelgruppen beansprucht werden, erklärte der Mediziner. "Viel mehr bringt nicht viel mehr." (dpa)

[31.10.2014, 12:45:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Innere Medizin beugt sich dem Zeitgeist?
Eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) nach dem Motto "Vorbeugen oder Behandeln - Wohin geht die Innere Medizin?" auszurichten, ist eher eine "Vo(e)rbeugung" vor dem bildungs- und sozialpolitischen Zeitgeist bzw. eine inadäquate Behandlung der Medizin-bildungsfernen Schichten in Medien, Politik und Öffentlichkeit.

Statt einer Rückbesinnung auf das eigentliche "Kerngeschäft" der Inneren Medizin mit Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnose, Beratung und multidimensionaler Therapie, was bei über 35.000 verschiedenen Krankheitsentitäten verständlicherweise fehleranfällig ist bzw. manchmal uns Medizinerinnen und Medizinern mehr als schwer fällt, verfällt die DGIM in einen infantil-regressiven Sprachduktus: "Vorbeugen oder Behandeln - Wohin geht die Innere Medizin?" bedeutet in seiner antipodischen Formulierung ein unauflösbaren Widerspruch - tut man das Eine, muss man das Andere lassen et vice versa.

"Vorbeugen U N D Behandeln" muss es dagegen heißen! Und was nützt die beste Prävention, wenn Medien und Öffentlichkeit sich nach dem Motto "only bad news are good news" über Terminproblematik, Ärztemangel, Fehldiagnosen, "Kunst"- und Behandlungsfehler, Planungs- und Organisationsmängel, medizinische Hygiene- und Managementfehler ereifern, weil die einfachsten Dinge in der Inneren Medizin wegen Ausbildungsmängeln, Autoritäts-, Labor- und Medizintechnik-Hörigkeit nicht mehr beherrscht werden.

Das Motto "Turnschuhe verordnen statt Tabletten" spiegelt die Schieflage der Arzt-Patienten-Kommunikation perfekt wieder: Die Turnschuhe müssen n i c h t verordnet, sondern a n g e z o g e n werden. Und zwar von allen Beteiligten! Fitness-Studios und "Mucki"-Buden in allen Krankenhäusern, um übergewichtigen kardio-pulmonal erkrankten Patienten ebenso wie adipösen Klinikmitarbeitern wenigstens z e i g e n zu können, wie das geht. Aktivierung der e i g e n e n skelettal-muskulären Ressourcen mit Lebensstil-Veränderungen (Verringerung sitzender Arbeits- und Freizeitgewohnheiten, Reduzierung passiven Medienkonsums und Kommunikationsverhaltens, Steigerung der körperlich-mental und kulturell-reflexiv interagierenden Aktivitäten etc.).

Aber selbst maximale körperliche Aktivitäten und optimal gesundheitsbewusste Lebensführung können a l l e möglichen Krankheitsentitäten, Alterungsprozesse, psychophysischen Degenerationen, Unfälle, Traumata bzw. das "Recht" auf unvernünftiges, gesundheitsschädlich-krankheitsförderndes Verhalten n i c h t aufheben. Geburt, Leben, Sterben, Vergänglichkeit u n d Krankheit, Dysfunktion, Siechtum, Tod bleiben wie eine Legierung untrennbar miteinander verbunden und verschmolzen. D a r ü b e r lohnt es sich, bei Fortbildungskongressen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zu reflektieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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