Ärzte Zeitung online, 26.11.2014

Mittel für Prävention

Kitas und Co. sind noch Randgrößen

267 Millionen Euro haben die Kassen im vergangenen Jahr für Prävention aufgewendet. Nur ein Bruchteil davon ist in Gesundheitsprojekte in Kitas und Schulen geflossen - obwohl Politiker genau das fordern.

Von Florian Staeck

Kitas und Co. sind noch Randgrößen

Früh übt sich: Präventionsangebote etwa in Ernährungsfragen an Kitas und Schulen werden bislang allerdings nur gering gefördert.

© Nimazi / iStock / Thinkstock

BERLIN. Bei Primärprävention und Gesundheitsförderung durch gesetzliche Krankenkassen dominieren nach wie vor individuelle Präventionskurse. Anders als von Gesundheitspolitikern gefordert, fließen lediglich rund elf Prozent der Mittel in die Gesundheitsförderung in Lebenswelten, zum Beispiel in Kitas und Schulen.

Das geht aus dem Präventionsbericht von GKV-Spitzenverband und dem Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes (MDS) für das Jahr 2013 hervor. Danach sind die Ausgaben für Prävention um 29 Millionen auf 267 Millionen Euro gestiegen, ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zu 2012. Insgesamt konnten so 5,2 Millionen Menschen erreicht werden. Pro Versichertem gaben die Kassen 3,82 Euro aus, der gesetzliche Richtwert liegt bei 3,01 Euro.

Das Gros der Mittel fließt nach wie vor in individuelle Präventionskurse. 183 Millionen Euro gaben die Kassen dafür aus und erreichten damit 1,5 Millionen Kursteilnehmer (plus zehn Prozent). 78 Prozent der Teilnehmer waren Frauen.

Nur wenige Kurse zu Rauchen und Alkohol

In 69 Prozent der Kurse standen Bewegungsangebote im Fokus. Ein Viertel der Kurse beschäftigte sich mit Stressbewältigung, fünf Prozent der Angebote Ernährungsfragen. Nur ein Prozent der Kurse galt den Themen Rauchentwöhnung und dem verringerten Alkoholkonsum.

Einen deutlichen Zuwachs hat im vergangenen Jahr die betriebliche Gesundheitsförderung verzeichnet. Erreicht wurden 1,1 Millionen Arbeitnehmer in 9882 Unternehmen, das sind 21 Prozent mehr Teilnehmer als 2012. 36 Prozent der Betriebe entstammten dem Verarbeitenden Gewerbe, 18 Prozent dem Gesundheits- und Sozialwesen.

Die Ausgaben für dieses Segment der Gesundheitsförderung wuchs um 18 Prozent auf 54 Millionen Euro. Kleine Mittelständler sind anscheinend nach wie vor nur schwer zu erreichen. Die GKV verfehlte 2013 das selbstgesteckte Ziel, anteilig mehr Unternehmen mit bis zu 99 Beschäftigten zu erreichen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der durch Gesundheitsförderung erreichten Unternehmen sank von 24 auf 21 Prozent.

Anteilig die meisten Menschen erreichten die Kassen durch Gesundheitsförderung in Lebenswelten, auch "Settingansatz" genannt. Von den 2,64 Millionen Menschen in 29.000 Settings entfielen 31 Prozent der Projekte auf Kitas und 28 Prozent auf Grundschulen. Allerdings bleiben die Ausgaben für dieses Segment mit 42 Cent je Versichertem hinter empfohlenen Wert von 50 Cent zurück.

Die Bundesregierung hat im Entwurf für das Präventionsgesetz angekündigt, die Mittel für Prävention in Lebenswelten massiv zu erhöhen. Danach sollen die Kassen künftig je Versichertem sieben Euro zur Verfügung stellen. Jeweils 140 Millionen Euro sollen in Prävention in Settings sowie in betriebliche Maßnahmen fließen. Die Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion will sogar 80 Prozent der Ausgaben für Lebenswelten-Prävention reservieren.

Kurswechsel zur Verhältnisprävention gefordert

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDB) hat anlässlich der Verbändeanhörung zum Präventionsgesetz einen Kurswechsel hin zur Verhältnisprävention angemahnt. Die Strategie der individuellen Verhaltensprävention sei gescheitert, da vor allem solche Menschen erreicht worden seien, "die sich ohnehin gesundheitsbewusst verhalten, aber nicht die bildungsfernen Schichten", sagte DDB-Präsident Dr. Erhard Siegel.

Einen völlig anderen Aspekt setzt die KBV in ihrer Stellungnahme. Sie rügte am Gesetzanwurf, die Etablierung einer nationalen Präventionsstrategie sowie Präventionskonferenz seien ohne die institutionelle Beteiligung der Ärzte nicht sachgerecht und würden abgelehnt.

Die KBV sprach sich dafür aus, die Partner der Bundesmantelverträge dazu zu verpflichten, einheitliche Rahmenvorgaben für Leistungen der Primär- und Tertiärprävention zu schaffen. Dabei sollten insbesondere die Aspekte der individuellen Verhaltensprävention in der Primärprävention im Fokus stehen, fordert die KBV.

Kitas und Co. sind noch Randgrößen

[26.11.2014, 13:31:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Beim Präventionsgesetz sitzen Ärztinnen und Ärzte wieder mal am "Katzentisch"
Selbst der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) dämmert's schlussendlich, dass im Entwurf eines Gesetzes "zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention" 550 Millionen Euro jährlich verteilt werden sollen, o h n e irgendein angemessenes Arzthonorar für diese so wichtige z u s ä t z l i c h e ärztliche Präventionsarbeit abzubilden.

Mit kaum zu überbietender Dreistigkeit heißt es im Entwurf des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG): "Die ärztliche Präventionsempfehlung ... stellt für die Krankenkassen eine wichtige Grundlage für die Entscheidung über die Gewährung von Leistungen zur primären Prävention im Individualfall dar". Und weiter: "Dafür erhalten die Ärzte kein zusätzliches Honorar – ihnen entstehe als vertraglichen Leistungserbringern kein zusätzlicher Erfüllungsaufwand". Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dies zusätzliche Mehrarbeit mit bedarfs-, krankheits- und versorgungs-adaptierten ä r z t l i c h e n Untersuchungs- und Diagnosemaßnahmen bedeutet, fragt man sich ernsthaft, ob hier unsere GKV-Praxisumsätze mit den Gagen der "Post-Punk"-Band "Die Ärzte" verwechselt werden?

Die KBV muss geradezu zwanghaft den Entwurf eines Bundes-Präventionsgesetzes grundsätzlich positiv sehen, ist sie doch an dem Ärzte-Präventions-Desaster mitschuldig: Jahrzehntelang hatte sie in billigen Sonntagsreden die Prävention allgemein und die Krankheitsfolgen von Rauchen, Saufen, Risikosportarten, Fehlernährung, Bewegungsmangel und bio-psycho-sozialer Inaktivität beschworen, o h n e jemals notwendige Leistungs- und Abrechnungsziffern in den Praxen zu implementieren.

Im Gegenteil: Leistungsinhalte der "Gesundheitsuntersuchung" GESU mit dem 2-jährlichen Check-Up 35 wurden um das fakultative EKG und die Kreatinin-Nierenfunktionsbestimmung abgespeckt. Die GESU-Dokumentationen bleiben ebenso wie die Krebsvorsorgeuntersuchungen bis heute als milliardenfacher Daten-"Müll" o h n e jegliche Evaluation liegen. Selbst beim aufwändigen, angeblich Risiko- und Nebenwirkungs-trächtigen Mammografie-Screening gibt es nicht die Spur einer wissenschaftlichen Aufarbeitung in Deutschland. Raucherentwöhnung und Abspeckbehandlung bzw. Motivation zu mehr Bewegung, Lebensstiländerung und gesunder Ernährung sollen zusätzlich im Regelleistungsvolumen versenkt, statt angemessen gewürdigt werden.

Tagtäglich praktizieren wir Ärzte e n t g e g e n der Ansicht medizin-bildungsferner Schichten schon längst Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Achtsamkeit, Respekt und Anerkennung gegenüber diesen Bemühungen lassen Politik, Medien und Öffentlichkeit schmerzlich vermissen. Nun tritt auch noch die KBV hinzu.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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