Ärzte Zeitung, 21.05.2015

Rätsel

Warum Sport die Diabetes-Gefahr erhöhen kann

Durch regelmäßige Bewegung lässt sich Diabetes verhindern, heißt es immer wieder. Doch so allgemein lässt sich das nicht sagen. Eine Studie zeigt: Bei manchen Menschen verschlechtert Sport den Stoffwechsel gar - und steigert die Diabetes-Gefahr.

Von Roland Fath

Warum Sport die Diabetes-Gefahr erhöhen kann

Trotz der Studienergebnisse bleibt es dabei: Richtiger Sport ist im Allgemeinen der beste Weg zur Verbesserung der Stoffwechsellage.

© lzf / iStock

TÜBINGEN. Bei rund zehn Prozent aller Menschen reagiert der Insulinstoffwechsel nicht auf Ausdauertraining oder wird sogar schlechter, schätzt Dr. Anja Böhm vom Universitätsklinikum Tübingen.

In einer eigenen kleinen Studie mit insgesamt 16 jungen inaktiven Freiwilligen - jeweils die Hälfte Responder oder Non-Responder auf Bewegungstherapie - haben die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen die Auswirkungen eines neunwöchigen Ausdauertrainings (dreimal pro Woche eine Stunde) auf den Glukosestoffwechsel und das Muskelfett untersucht.

Alle Studienteilnehmer haben hinsichtlich ihrer körperlichen Fitness profitiert und zum Teil auch deutlich an Gewicht verloren, betonte Böhm beim Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.

Aber bei der Insulin-Sensitivität waren die Ergebnisse grundverschieden. In der Responder-Gruppe hatte sich bei Studienende der Anteil der Personen mit einer normalen Glukosetoleranz beim OGGT verdoppelt; eine gestörte Glukosetoleranz wurde bei keinem mehr nachgewiesen.

Sport-Non-Responder schwer zu erkennen

Bei den acht Personen der Non-Responder-Gruppe hingegen nahm die Zahl der Probanden mit normaler Glukosetoleranz von vier auf zwei ab und die Zahl derjenigen mit erhöhten Nüchternblutzuckerwerten von vier auf fünf zu.

Bei einer Testperson wurden nach Angaben von Böhm sogar sowohl erhöhte Nüchternblutzuckerwerte als auch eine gestörte Glukosetoleranz nachgewiesen. Die Ursachen dafür sind unklar. Ebenso gelingt es bisher nicht, die Personen herauszufiltern, die auf Sport schlecht ansprechen.

Es gibt lediglich Indizien: "Kränkere Personen scheinen von Bewegungstherapie mehr zu profitieren als gesündere", so die Internistin.

Andererseits war ein Nicht-Ansprechen aber auch mit einer schlechten Insulinsensitivität und -sekretion, mit hohem viszeralen Fettanteil, Fettleber und hohen Fetuinspiegeln assoziiert, sowie mit niedriger körperlicher Fitness und niedrigen Adiponektin-Spiegeln. Body-Mass-Index, Alter und Geschlecht scheinen keine Rolle zu spielen.

Auch genetische Faktoren sind vermutlich relevant. So wurden durch Muskelbiopsien und Transkriptomanalyse molekulare Unterschiede zwischen Respondern und Non-Respondern nachgewiesen, vor allem in mitochondrialen Genen, berichtete Böhm.

Zu den Zukunfsvisionen zählt es, Non-Responder auf Bewegungstherapie mit Arzneimitteln zu Respondern zu machen oder, noch ambitionierter, gleich eine Ersatzpille für Sport anzubieten. Insbesondere für nicht motivierbare Menschen oder sehr stark Übergewichtige wird dies als mögliche Alternative diskutiert.

Irisin im Blick

Dr. Henrike Sell aus Düsseldorf berichtete über drei Forschungsansätze. Kandidat Nummer eins ist das Zytokin Irisin, das im Skelettmuskel freigesetzt wird. Im Mausmodell konnte mit dieser Substanz sowohl eine Gewichtsreduktion als auch eine Verbesserung der Stoffwechseleinstellung erreicht werden.

Vermutet wurde, dass Irisin möglicherweise zum sogenannten Browning des Fettgewebes und damit zur Erhöhung des Energieumsatzes beitragen könnte.

 Inzwischen bestehen aber Zweifel an dieser These. Irisin wird durch Sport und Muskelkontraktion nicht reguliert und kann beim Menschen im Serum nicht nachgewiesen werden.

Wahrscheinlich hat Irisin beim Menschen keinen Einfluss auf den Stoffwechsel, so Sell. Auch die gezielte Suche nach weiteren chemischen Substanzen, die die Umwandlung von weißes in braunes Fettgewebe fördern könnte, war bisher nicht erfolgreich.

Forscher haben Resveratrol im Fokus

Aussichtsreichster Kandidat bleibt Resveratrol, das Antioxidans in roten Trauben, das hinter den vielfältigen positiven gesundheitlichen Wirkungen eines regelmäßigen Rotweinkonsums in Maßen stecken soll.

"Resveratrol stimuliert in höheren Konzentrationen die Biogenese von Mitochondrien und wird daher als Sport-Mimetikum gehandelt", so Sell.

Allerdings sind die Effekte beim Menschen nicht eindeutig und Dosierungen sowie Nebenwirkungen unklar. Möglicherweise sei Resveratrol in höheren Dosierungen sogar toxisch für den Muskel, so die Diabetologin am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung.

Keinen Zweifel ließen die Referenten daran, dass richtiger Sport im Allgemeinen der beste Weg zur Verbesserung der Stoffwechsellage und Diabetikern unbedingt zu empfehlen sei.

Die besten Effekte hatten in Studien nach Angaben von Dr. Martin Röhling aus Düsseldorf isoliertes Ausdauer- und Krafttraining oder kombiniertes Training, moderat-intensiv, mindestens drei Einheiten pro Woche, ab 45 Minuten pro Training.

Die HbA1c-Werte wurden dadurch relativ um 5 bis 13 Prozent gesenkt.

[21.05.2015, 17:14:23]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Roland Fath, "sensationelles" ist natürlich immer ein Schlagzeile wert, umso wichtiger ...
... um so wichtiger wäre in einer Ärztezeitung der Quellennachweis, also bitte wo findet man genaueres?
Um es frei heraus zu sagen, non credo!

Der Hinweis auf mehr "viscerales Fett" und "mit niedriger körperlicher Fitness" spricht dafür, dass nicht jeder auf gleiche Belastung gleich reagiert. Sprich, er darf nicht überfordert werden, 3xpro Woche eine ganze Stunde Ausdauer ist einfach entschieden zu viel für den Anfang. Hier bei 8 von 16.
Und dass das allein schon zu deutlichem Gewichtsverlust in 9 Wochen führt ist leider ein frommes Märchen.
Die Ernährung muss hier auch sehr genau nachgefragt werden. Auch Hungern hat ein Gesundheitsrisiko!
"Ausdauer" hat zunächst bei Untrainierten eine recht deutliche cardio-pulmonale Begrenzung.
Der "Stoffwechsel" ist dagegen stärker an das Funktionieren der Peripherie (Muskulatur) gebunden.
Die kann man auch herzschonender mit etwas Krafttraining in Schwung bringen.

Das Bestreben hier wegen 8 Testpersonen schon an eine "Pille" zu denken ist doch etwas peinlich. zum Beitrag »
[21.05.2015, 12:42:27]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Sport-Non-Responder
Wenn man den Bericht über die Untersuchungen der Kollegin Anja Böhm so liest, muss man doch annehmen, dass die Sport-Non-Responder ihren Stoffwechsel auf Fettakkumulation geschaltet haben. Folglich müsste die Harnsäure bei diesen Probanden höher sein als bei den Sport-Respondern. Leider fehlt dazu eine Angabe.
Anzuregen wäre noch, in einem weiteren Versuch durch Senkung der Harnsäure Sport-Non-Responder zu Sport-Respondern zu machen. zum Beitrag »
[21.05.2015, 08:31:02]
Dr. Mikael Präg 
Mangelzustände beachten
Vielleicht ist doch etwas dran, dass die Diabetesentstehung durch kombinierte Mangelzustände verursacht wird, z.B. für den Diabetes interessant: Vitamin D und seine Kofaktoren Mg, Zink und Bor, dazu Vit. A und Vit. K, des weiteren Chrom und Vanadium und die Vit.-B-Gruppe...
Die Forschung über die sekundären Pflanzenstoffe sollte ebenfalls unbedingt intensiviert werden. Schade ist auch, dass die Systematik eines methodisch logischen Vorgehens in der Forschung so sehr vernachlässigt wird, dass nach wie vor über 90% der Studien wegen ungenügender Methodik kaum verwertbare Ergebnisse liefern werden. Was ist z.B. mit den zahlreichen Giften, denen wir ausgesetzt sind? 40% der gängigen Nervengifte sollen angeblich Medikamente sein - was passiert hier eigentlich genau, in den biochemischen Abläufen in der Zelel genauso wie im Organismus über lange Jahre wie auch in der Gesellschaft über die Jahrhunderte??? zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Warum strampeln wirklich das Herz schützt

Eine Studie ergibt: Wer regelmäßig mit dem Fahrrad statt mit dem Auto oder Bus zur Arbeit fährt, senkt sein kardiovaskuläres Risiko. Doch die Forscher fanden auch Ungereimheiten. mehr »

Älteste Pockenviren entdeckt

Die Mumie von Pharao Ramses V. weist Narben auf – Bislang dachte man, er sei an Pocken gestorben. Neue DNA-Forschungen bei einer anderen Mumie ergeben jedoch, dass der tödliche Erreger vielleicht gar nicht so alt ist. mehr »

Koalition kippt Sozialabgaben für Honorarärzte

Ein Änderungsantrag zum HHVG sieht vor, nebenberufliche ärztliche Tätigkeiten im Rettungsdienst von Sozialabgaben zu befreien. mehr »