Ärzte Zeitung online, 10.09.2015

Suizidprävention

"Hausärzten kommt eine Schlüsselrolle zu"

Jedes Jahr versuchen mehr als 100.000 Menschen in Deutschland, sich das Leben zu nehmen. Zur Suizidprävention sind Politiker ebenso gefordert wie Ärzte - und womöglich auch die Architektur.

Von Angela Mißlbeck und Jana Kötter

FRANKFURT/BERLIN. 15 Jahre sind vergangen, seit Victor Staudt versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Er hat überlebt, an diesem Tag am Amsterdamer Bahnhof jedoch seine Beine verloren.

"Wirklich besser geht es mir erst, seit ich 2006 - also sieben Jahre nach dem Versuch - eine Ärztin getroffen habe, die die korrekte Diagnose gestellt hat", sagt Staudt heute. Sie erkannte eine Depression als Auslöser der Angst- und Panikattacken.

Nicht nur das Leben Staudts, der die Depression auch mit Hilfe von Antidepressiva überwunden hat, zeigt, wie wichtig die Sensibilisierung für das Thema ist.

"Vielleicht hätte ich diesen Suizidversuch niemals unternommen, wenn mich jemand - ein Bekannter, mein Arzt, die Familie - jemals richtig angesprochen hätte", sagte der Buchautor bei einer Podiumsdiskussion des Frankfurter Netzwerks Suizidprävention.

Ein Problem auch unter Ärzten

Stigmatisierung und Unwissenheit sind nicht nur in der Bevölkerung ein Problem. "Leider ist das auch unter Fachkollegen verbreitet", sagte Dr. Thomas Götz, Psychiater im Gesundheitsamt Frankfurt, bei der Veranstaltung des Welttages zur Suizidprävention am Donnerstag.

"Die Sensibilisierung von Haus- und Fachärzten ist unverzichtbar. Gerade Hausärzten kommt eine Schlüsselrolle zu."

Der Umgang mit gefährdeten Patienten sei jedoch nicht immer einfach. "Für Hausärzte, die sich dabei unsicher fühlen, ist es daher wichtig, sich fortzubilden", sagte Götz im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

So könne etwa gelernt werden, wie man im hektischen Praxisalltag empathisch nach möglichen Problemen fragen kann.

Das Thema Suizidprävention ist dabei aber nicht nur Thema in den Fachkreisen, sondern auch in der Politik: Im Zusammenhang mit den Bemühungen des Bundestages um eine Neuregelung der Sterbehilfe hatten die Grünen im Frühsommer eine Gesetzesinitiative für mehr Suizidprävention gestartet.

Diese dürfe jetzt nicht im Streit der Parteien untergehen, warnte das Nationale Suizidpräventionsprogramm (Naspro) anlässlich des Welttages."Wir sind froh, dass das Thema nach Jahren der Anstrengung in den Bundestag gekommen ist und wünschen uns eine überfraktionelle Erklärung", sagte Schmidtke. "Wir wollen nicht, dass das Thema dem parteipolitischen Gezänk zum Opfer fällt."

Scharfe Kritik an Debatte

Scharf kritisierte der Würzburger Psychiater Professor Armin Schmidtke vom Naspro, dass die Parlamentarier in der Debatte auch alte Vorurteile wieder angeführt hätten. "Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Personen, denen über Krisen geholfen wird, selten einen Suizidversuch wiederholen", stellte Schmidtke klar.

Unwissenheit herrscht oftmals auch über die betroffenen Patientengruppen. Tatsächlich sind die Suizidraten der älteren Bevölkerung deutlich erhöht, so Schmidtke.

"Jeder zweite Suizid einer Frau in Deutschland ist der einer über Sechzigjährigen", sagte er. Nicht nur Angst vor Demenz, sondern auch soziale Isolierung, Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit nennt er als Hintergründe.

Suizidprävention betrachtet das Naspro - ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) - deshalb als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Schmidtke plädierte dafür, dass die Suizidprävention nicht nur im Sozialgesetzbuch, sondern auch in Lehrplänen und Bauvorschriften verankert wird.

Vor allem die Architektur spielt nach Auffassung der Experten eine wichtige Rolle im Sinn der Methodenrestriktion. Studien würden das Argument widerlegen, dass Suizidenten andere Orte aufsuchen, wenn ein Ort gesichert sei. "Das stimmt nicht."

Für neurologische und psychiatrische Kliniken hat das Naspro zudem ein Begutachtungsverfahren zur Suizidprävention entwickelt. Dabei werden bauliche Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert.

"Wir sind fest überzeugt, dass das großes Potenzial hat, die Suizidraten zu senken. Wir wissen aber auch, dass es dauern wird", sagte Nadine Glasow vom Naspro. Die Suizidraten in diesen Kliniken sind nach ihren Angaben fast um das sechsfache höher als in der Allgemeinbevölkerung.

[12.09.2015, 15:28:30]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Akuttermine bei Psychotherapeuten erforderlich
Sicherlich - die Hausärzte sollen auch dieses Versorgungsloch flicken.
Es wäre so einfach - wenn es denn genug Zeit und Hausärzte gäbe. Aber bis 2020 werden etwa 25% der Hausärzte fehlen - und der Rest arbeitet jetzt schon am Anschlag.
Es wird Zeit, dass die Psychotherapeuten und Psychiater sich nicht mehr hinter ihrem Anrufbeantworter verstecken dürfen, und Akuttermine für solche Fälle anbieten müssen. Am gleichen Tag.
Für den Fall, dass sie sich dadurch fachlich oder organisatorisch überfordert fühlen, können sie gerne in Hausarztpraxen eine Weiterbildung in Akutversorgung machen. zum Beitrag »

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