Ärzte Zeitung, 05.11.2015

Forschungsprojekt

Schulung soll helfen, Gewalt zu erkennen

Damit Ärzte Opfer von Gewalt leichter erkennen, sollen sie Hilfestellung bekommen.

DÜSSELDORF. Das Gesundheitswesen ist auf die Versorgung von Gewaltopfern nur unzureichend eingestellt. "Es mangelt an Strukturen, Wissen und Ressourcen", kennzeichnete Professorin Stefanie Ritz-Timme beim "Dialog Versorgungsforschung NRW" in Düsseldorf die aktuelle Lage.

Dabei ist Gewalt kein seltenes Phänomen. Insbesondere Frauen und Ältere seien stark betroffen, sagte die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin an der Universitätsklinik Düsseldorf, das eine rechtsmedizinische Ambulanz für Gewaltopfer betreibt. Zwar gebe es inzwischen viele Leitlinien und Ansätze für die adäquate Versorgung von Betroffenen. "Sie kommen aber nicht in der Praxis an."

Ritz-Timme hat in zwei Forschungsprojekten untersucht, welche Barrieren die Umsetzung von Leitlinien und Empfehlungen verhindern, und auf dieser Basis Schulungs- und Interventionsansätze erarbeitet. Einbezogen waren Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen.

Viele niedergelassene Ärzte fühlten sich durch die Situation überfordert, wenn ein Gewaltopfer in die Praxis kommt, berichtete sie über ein Projekt in 67 Praxen. Die Hauptprobleme seien das fehlende Wissen und die mangelnde Vernetzung mit psychosozialen Hilfsangeboten.

Eine gezielte Schulung kann nach den Erfahrungen für Abhilfe sorgen und die Praxen stärken. Das gilt auch für das Erkennen von Gewaltopfern. Vor der Schulung hatten die Ärzte angegeben, sie würden im Quartal ein bis fünf Betroffene in ihrer Praxis sehen, nach der Schulung stiegen die Zahlen auf 16 bis 102.

"Es gibt kein Problem, die Praxen gut aufzustellen", betonte die Rechtsmedizinerin. Aber: Eine flächendeckende Schulung und Vernetzung aller Ärztinnen und Ärzte ist nicht leistbar, sagt sie.

Dennoch gebe es Möglichkeiten, die Versorgung von Gewaltopfern zu verbessern. Ritz-Timme setzt große Hoffnungen auf das "Gewaltopfer-Beweissicherungs- und Informationssystem" (GOBSIS). Das Informationsportal und Dokumentationssystem ist ein Gemeinschaftsprojekt der Düsseldorfer Rechtsmedizin, der Fachhochschule Dortmund und des Zentrums für Telematik und Telemedizin.

GOBSIS bietet Ärzten konkrete Handreichungen sowie eine telemedizinische Beratung zur gerichtsfesten Dokumentation und Spurensicherung. Es wird zurzeit in Kliniken und Praxen erprobt. (iss)

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