Ärzte Zeitung, 26.11.2013

IV-Versorgung

Warnung vor der "Ikea-Medizin"

Krankenkassen und Ärzte sind bisher keine Antreiber bei der Etablierung der integrierten Versorgung. Stoßen nun Managementgesellschaften in diese Lücke? Diese Vorstellung löste bei einem Forum der Barmer GEK keine Begeisterung aus.

Von Dirk Schnack

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Grundsätzlich hat die IV Potenzial, die Versorgung zu verbessern: Professor Heinz Lohmann, Henning Kutzbach, Professor Wolfgang Greiner, Dr. Monika Schliffke, Dr. Marret Bohn und Wolfgang Gagzow (v.l.).

© Dirk Schnack

LÜBECK. Integrierte Versorgung (IV) könnte schon bald durch Managementgesellschaften forciert werden. Zugleich sind aber viele Hürden aus dem Weg zu räumen, damit IV-Modelle die Versorgung qualitativ und flächendeckend voranbringen können. Dies wurde beim Norddeutschen Dialog der Barmer GEK in Lübeck deutlich.

Mehr Evaluation, mehr Verbindlichkeit, bessere Aufklärung und Information: Professor Wolfgang Greiner, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, hatte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen für die IV parat.

Der Gesundheitsökonom aus Bielefeld hat auch beobachtet, dass integrierte Versorgung Krankenkassen und Ärzte bislang nicht flächendeckend begeistern konnte.

Die Kassen schauten unter Sparzwängen und aus Gründen der Beitragssatzstabilität vornehmlich auf die Kosten. Unter Ärzten hat er wenige stark Engagierte ausgemacht, aber auch viele "Trittbrettfahrer".

Ergebnis: Einige Aktive hätten angesichts der Hürden frustriert aufgegeben. Dennoch machte Greiner deutlich, dass er mit der IV Chancen für eine bessere Versorgung verbindet.

Auch Gesundheitsunternehmer Professor Heinz Lohmann sieht Entwicklungspotenzial. Er erwartet, dass Managementgesellschaften künftig Angebote mit durchgängiger Behandlung über die Sektorengrenzen hinweg schnüren und den Patienten als Gesamtpaket vorlegen.

"Ikea-Medizin" ist nicht gewünscht

Die medizinische Behandlung im Paket wie eine Pauschalreise - mit dieser Vorstellung konnten sich die Ärzte unter den Zuhörern nicht anfreunden.

Lohmann aber begründete seinen Ausblick unter anderem mit der Entwicklung in anderen Branchen und sagte: "Der Patient will keine Ikea-Medizin und sich nicht selbst die Einzelteile der Behandlung zusammensuchen, sondern eine durchgängige Behandlung und Unterstützung."

Neben den Brüchen zwischen den Sektoren nannte Dr. Renée Buck, Abteilungsleiterin im Kieler Gesundheitsministerium und Zuhörerin in Lübeck, die mangelnde Abstimmung zwischen den Professionen als Hürde für eine bessere Versorgungsqualität.

Auf dem Podium waren sich die grüne Landtagsabgeordnete Dr. Marret Bohn, Henning Kutzbach (Barmer GEK Mecklenburg-Vorpommern), Schleswig-Holsteins KV-Chefin Dr. Monika Schliffke und Wolfgang Gagzow (Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern) einig, dass die IV zur Versorgungsverbesserung beitragen könnte - wenn die Prozessqualität verbessert und die rechtlichen Fragen in Zusammenhang mit der Integrationsversorgung geklärt werden.

Greiner und Lohmann erinnerten daran, dass es außer Ärzten und Krankenkassen weitere potenzielle Partner gibt, die in der IV eine wichtige Rolle übernehmen könnten - dazu zählten sie etwa Apotheker und die pharmazeutische Industrie.

[26.11.2013, 12:01:18]
Ulf Werner 
Gute Medizin braucht ein professionelles Management …
... das gilt für die Einzelpraxis, für ein Ärztenetz und insbesondere für ein sektorenübergreifendes IV-System nach §§ 140a ff SGB V. Das ist nicht neu. Und die erfolgreichsten und bekanntesten IV-Projekte werden von professionellen Managementgesellschaften gesteuert. Das gilt für Gesundes Kinzigtal ebenso für Qualität und Effizienz (QuE), Ärztenetz Südbrandenburg oder UGOM. Managementgesellschaften sind somit längst etablierter Bestandteil und Motoren der Integrierten Versorgung und wollen nicht erst - wie in dem Artikel beschrieben – in diese Lücke stoßen. Sie sind längst da, und das zu Recht.

So erfüllt beispielsweise die Managementgesellschaft im Kinzigtal, die zu 2/3 im Besitz des regionalen Ärztenetzes ist, eine Vielzahl von Funktionen zum Nutzen der Kassen und der Ärzte (um hier nur eine Leistungserbringer-Gruppe zu nennen). Exemplarisch seien einige der Nutzen genannt:
1. Die Mitarbeiter der regionalen Managementgesellschaft verfügen über ein langjähriges Wissen in der Steuerung, Controlling und Evaluation eines sektorenübergreifenden IV-Systems inklusiver regionaler Versorgungsprogramme.

2. Managementgesellschaften sind regional organisiert und ihre Mitarbeiter kennen das Versorgungsgeschehen vor Ort besser als beispielsweise die Mitarbeiter einer bundesunmittelbaren Krankenkasse.

3. Eine den Interessen der Ärzte und der Kassen verpflichtete Managementgesellschaft sorgt für einen notwendigen Interessenausgleich zwischen den beiden Parteien. Zudem gleicht sie bestehende organisationskulturelle Unterschiede zwischen dem freiberuflich tätigen Arzt in seiner Praxis und der hierarchischen Großorganisation einer Krankenkasse aus.

4. Managementgesellschaften tragen nicht nur dazu bei, die Versorgung in einer Region zu verbessern – wie das nachweislich in den etablierten IV-Systemen der Fall ist –, sondern entlasten auch die Ärzte, die sich häufig über Jahre ehrenamtlich in ihrem Ärztenetz engagiert haben. Mit einer professionellen Managementgesellschaft können sich diese Ärzte wieder auf die Medizin und die Versorgung ihrer Patienten konzentrieren.

Ulf Werner
Pressesprecher OptiMedis AG
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