Ärzte Zeitung, 19.02.2015

Unterfinanzierung

Herausforderung MS-Patient

Etwa 130.000 Menschen in Deutschland sind an Multipler Sklerose erkrankt. Sie adäquat zu behandeln bleibt eine Herausforderung - für Ärzte und für das gesamte System. Die Mediziner klagen über die Unterfinanzierung.

Von Martina Merten

Herausforderung MS-Patient

MS ist heute nur noch ausnahmsweise ein Fall für die konventionelle Kollektivversorgung.

© DOC RABE Media / Fotolia.com

BERLIN. Weniger als 50 Prozent aller an Multipler Sklerose erkrankten Patienten erhalten eine leitliniengerechte Therapie. Die Krankheitssymptome bleiben häufig unerkannt und unbehandelt.

Darauf wies Dr. Olaf Hoffmann, Ärztlicher Direktor des St.-Josefs-Krankenhauses Potsdam-Sanssouci, hin.

"Ein Grund ist, dass auch unter den derzeitigen Bedingungen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) die Behandlung von MS-Patienten unterfinanziert ist", betonte Hoffmann am Rande eines Cognomed-Forums über neue Aspekte zur therapeutischen Versorgung von MS-Patienten in Berlin.

Jährlich Kosten von 38.000 Euro

Deutschlandweit sind geschätzt 130.000 Menschen an MS erkrankt. Zwei Drittel davon sind Frauen. Bei 80 Prozent der Betroffenen tritt die Erkrankung in Schüben auf. Rund 15 Prozent werden stationär behandelt.

Die Hälfte der Betroffenen bleibt nach 15 Jahren behindert. Etwa 45 Prozent werden innerhalb von zehn Jahren berentet, sagte Dr. Björn Tackenberg.

Die jährlichen Kosten, die den Kostenträgern durch die Behandlung von MS-Patienten entstehen - größtenteils durch die Übernahme spezieller Therapeutika sowie durch Frühverrentung - bezifferte der geschäftsführende Oberarzt am Universitätsklinikum Marburg auf 19.000 Euro pro Jahr.

Dazu addieren sich volkswirtschaftliche Kosten in etwa gleicher Höhe, so Tackenberg. Diese Kosten, ergänzte Dr. Dieter Pöhlau, Vorsitzender des Landesverbandes NRW der Deutschen MS-Gesellschaft, fielen nicht einmalig an, sondern dauerhaft.

Während ein großer Teil der MS-Patienten vor rund zehn Jahren noch ausschließlich im Rahmen des Kollektivvertrags behandelt wurde, deckt dieser 2015 lediglich noch 42 Prozent ab, berichtete Tackenberg.

40 Prozent würden inzwischen im Rahmen von Hausarztverträgen nach Paragraf 73b SGB V versorgt, der Rest werde in Spezialambulanzen (Paragraf 116 b), im Rahmen Integrierter Versorgungsverträge (Paragraf 140a) oder besonderer ambulanter ärztlicher Versorgung (Paragraf 73c) behandelt.

Ost-West-Unterschiede

Etwa die Hälfte aller Patienten erhält regelmäßig eine Pharmakotherapie mit spezifischen Wirkstoffen. Dieser Anteil nimmt mit zunehmendem Alter ab, teilte Dr. Gabriele Petersen vom Referat Risikostrukturausgleich beim Bundesversicherungsamt Bonn mit.

Die Quote liege mit 50,2 Prozent im Osten etwas höher als im Westen (48,3 Prozent).

Allerdings erhalten Patienten, die in den neuen Bundesländern wohnen, eine geringere Tagesdosis (DDD) als im Westen, haben die Untersuchungen von Petersen ergeben.

Warum es regionale Unterschiede im Arzneimittelverbrauch von GKV-Patienten gibt, ist Petersen zufolge weiter zu untersuchen.

Nach Ansicht von Professor Martin Stangel ist für eine erfolgreiche Behandlung von MS-Patienten insbesondere die ständige Überwachung einer laufenden Therapie wichtig.

"Eine Therapie ist so lange schnell anzupassen, bis die richtige gefunden ist", betonte der Leiter der Abteilung für klinische Neuroimmunologie und Neurochemie an der MH Hannover. Und: Nach jedem Wechsel der Therapie sei eine Kernspintomographie notwendig, so Stangel.

Drei Wirkstoffe zur Behandlung der MS haben bislang das AMNOG-Verfahren durchlaufen. Zwei davon habe der GBA keinen Zusatznutzen zuerkannt, sagte Dr. Lili Grell vom MDK Westfalen-Lippe.

Das dritte, Fingolimod, hat nach Auffassung des GBA ebenfalls keine therapeutische Verbesserung gebracht, jedoch wegen geringerer Nebenwirkung einen Zusatznutzen zugesprochen bekommen.

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