Ärzte Zeitung, 07.04.2016

Psychiatrie

Ein Arzt lotst Patienten durch die Behandlung

Mit einem flexiblen Mix aus stationärer, teilstationärer und ambulanter psychiatrischer Behandlung ist es dem St.-Marien-Hospital in Hamm gelungen, die stationären Behandlungstage zu reduzieren. Nun wird das Modell evaluiert.

Von Ilse Schlingensiepen

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Ein Weg, mehrere Etappen: Die Integrative Psychiatrie ermöglicht Flexibilität in der Behandlung.

© Ivelin Radkov / Fotolia.com

KÖLN. Das Modell der integrativen Psychiatrie, das im St. Marien-Hospital in Hamm seit Anfang 2014 erfolgreich erprobt wird, kommt auf den wissenschaftlichen Prüfstand. Die Universität Witten/Herdecke wird über 20 Monate die Ergebnisse des integrativen Ansatzes mit denen der Regelversorgung vergleichen.

Kernpunkt des Modells ist die Aufhebung der Trennung zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Krankenhausbehandlung der Patienten mit psychischen Erkrankungen. Die Auswahl des geeigneten Behandlungsangebots hängt zu jedem Zeitpunkt von der individuellen Situation des Patienten ab.

Dabei erhalten die Kranken ein konstantes Behandlungsteam, das den gesamten Krankenhausaufenthalt und bei Bedarf die Versorgung auch über das "Home Treatment" sicherstellt. So sollen Behandlungsbrüche vermieden werden.

"Mit weniger Betten besser versorgen"

Pro Jahr werden im St. Marien-Hospital nach dem Modell rund 3500 Patienten stationär, tagesklinisch oder ambulant versorgt, berichtet Professor Karl Beine, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Seit der Einführung des integrativen Modells hat sich die Zahl der stationären Behandlungstage leicht reduziert.

"Wir können mit etwas weniger Betten mehr Menschen anders und besser versorgen", sagt Beine der "Ärzte Zeitung".

Der "Integrativen Psychiatrie Hamm" liegt ein Vertrag nach Paragraf 64b SGB V ("Modellvorhaben zur Versorgung psychisch kranker Menschen") zugrunde. Vertragspartner sind alle gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherer.

Sie stellen der Klinik für die Krankenhausbehandlung der Patienten ein Gesamtbudget zur Verfügung, das unabhängig davon ist, welche Versorgungsform im Einzelfall gewählt wird. "Das gibt uns eine viel höhere Flexibilität in der Behandlung", sagt Beine.

Bei jedem Patienten, der in die Klinik überwiesen wird oder als Notfall kommt, entscheidet ein multiprofessionelles Team über die notwendigen Behandlungsschritte. In dem Team arbeiten Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Spezialtherapeuten und Pflegekräfte zusammen. "Es ist ein integratives Modell nach innen und nach außen", betont Beine. Die Letztverantwortung liege aber beim Arzt.

Hohe Akzeptanz bei Niedergelassenen

Bei den niedergelassenen Ärzten in der Region stößt das Konzept nach seinen Angaben auf eine hohe Akzeptanz. Die meisten Patienten kämen auf Überweisung des Hausarztes oder eines fachärztlichen Kollegen. "Sie sind meist schwer krank und haben einen großen psychosozialen Unterstützungsbedarf."

Der Chefarzt sieht es als großenVorteil des integrativen Ansatzes, dass er es ermöglicht, von Anfang an die gesamte Behandlungskette in den Blick zu nehmen. "Das Modell ist auf Personen ausgerichtet, nicht auf Episoden."

Für die Klinik sei die Umstellung mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden gewesen. Das lohne sich aber. "Ich bin überzeugt davon, dass unser Modell richtig und zukunftsweisend ist", sagt Beine.

Um das belegen zu können, hat er sich von Anfang an für eine Evaluation starkgemacht und sich um Forschungsgelder bemüht - mit Erfolg. Die Studie der Uni Witten/Herdecke wird vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium und dem Landeszentrum Gesundheit NRW gefördert.

Die Wissenschaftler wollen zum einen die Behandlungskontinuität und -qualität in Hamm analysieren und zum anderen die Zufriedenheit der Patienten, der Angehörigen und der Mitarbeiter. Außerdem werden sie die Kostenentwicklung unter den Bedingungen des Gesamtbudgets mit der in der psychiatrischen Regelfinanzierung vergleichen.

Nach Einschätzung von Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) kann das integrative Konzept bundesweit wegweisend für die Entwicklung in der psychiatrischen Behandlung sein. Das Modell sei ein wichtiger Schritt zu einer sektoren- und professionsübergreifenden Versorgung. "Mit der wissenschaftlichen Auswertung leisten wir eine direkte Investition in die Zukunft einer passgenauen, patientenorientierten Versorgung", sagt Steffens.

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