Ärzte Zeitung online, 15.06.2012

Triumph des Hausarztvertrags

Mehr Aufgaben für die Ärzte - auch das steckt im Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg. Warum die Ärzte dennoch weniger gestresst sind und der Vertrag für chronisch Kranke gut ist, erklärt Professor Ferdinand Gerlach im Videointerview.

Professor Ferdinand Gerlach im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh.

BERLIN (af). Chronisch kranke Menschen werden im Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg besser versorgt als in der Regelversorgung. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler nach der Evaluierung des Vertrags.

Die eingeschriebenen Patienten würden intensiver betreut. Es komme zu mehr Arzt-Patienten-Kontakten, berichteten die Autoren der Untersuchung am Freitag auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. Die eingeschriebenen Patienten würden intensiver betreut.

Rund 1,1 Millionen Versicherte der AOK Baden-Württemberg sind in den Vertrag eingeschrieben. Etwa zwei Drittel davon seien chronisch krank, meldet die Südwest-Ortskrankenkasse. Etwa 3500 Hausärzte nehmen an dem Vertrag teil.

Die Professoren Ferdinand Gerlach und Joachim Szecsenyi von den Universitäten Frankfurt und Heidelberg berichteten, dass die Zahl der ungesteuerten Facharztbesuche im Untersuchungszeitraum von Mitte 2008 bis Ende 2010 bei den am Hausarztvertrag teilnehmenden Patienten um 12,5 Prozent zurückgegangen seien.

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"Die Einschreibungen in strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen waren deutlich höher", sagte Szecsenyi. Die HzV unterstütze somit die bekannte positive Wirkung der DMP zum Beispiel bei der Compliance.

Pauschalen ohne Nebenwirkung

Außer der höheren Einschreibequoten in die DMP Diabetes mellitus, KHK, Asthma Bronchiale und COPD ergaben sich weitere Effekte.

Diese waren ein Rückgang der unkoordinierten Facharzt-Inanspruchnahme bei den HzV-Versicherten um 12,5 Prozent, ein geringerer Anstieg der Arzneimittelkosten und weniger Polymedikation.

Dies führen die Autoren der Untersuchung auf die mit der HzV einher gehende Fortbildung der Hausärzte in Qualitätszirkeln zurück.

Die pauschale Vergütung, die AOK spricht von 30 Prozent mehr als in der Vergütung nach EBM, hat offenbar keine Nebenwirkungen: Eine Abschiebung von schweren Fällen zum Facharzt sei nicht nachweisbar.

Die Patienten würden im Gegenteil sogar in mehr Arztkontakten intensiver betreut, sagte Szecsenyi.

Zufriedenere Ärzte

Auch bei Ärzten zeigt der Vertrag Wirkung. "Die teilnehmenden Hausärzte sind mehrheitlich mit ihrem Beruf zufriedener", sagte Szecsenyi, bei der Vorstellung der Evaluierungsergebnisse.

Und dies, obwohl sie etwas mehr arbeiten müssten als ihre Kollegen in der Regelversorgung. Zudem zeige sich eine Verbesserung der Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten.

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Der durch den Vertrag verstärkte Einsatz von besonders qualifiziertem Praxispersonal, den "Verahs" führe zu einer spürbaren Entlastung der Hausärzte bei Hausbesuchen und beim Medikamentenmanagement, sagte Ferdinand Gerlach, Leiter der Abteilung an der Universität Frankfurt.

Die Forscher an Gerlachs Frankfurter Institut fragten auch nach der Implementierung einer Leitlinie. Ihr Fazit: HzV-Patienten mit Herzinsuffizienz erhalten signifikant häufiger eine medikamentöse Therapie gemäß der DEGAM-Leitlinie.

Aber: Die Verordnung von ACE-Hemmern, AT1-Blockern und Betablockern konnte nicht weiter gesteigert werden.

AOK schreibt schwarze Null

Rund 250 Millionen Euro hat die AOK im Jahr 2011 in den Vertrag investiert. Den Löwenanteil refinanzierte die Kasse, indem sie 180 Millionen Euro weniger an die Kassenärztliche Vereinigung überwiesen hat.

Diese Zahlen nannte der Chef der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann. Die verbleibenden 70 Millionen resultierten Herrmann zufolge zur Hälfte aus rationalerer Arzneimittelverordnung, eingesparten Krankenhausaufenthalten und entfallenen KV-Einzelleistungen.

Im Untersuchungszeitraum waren bei den stationären Kosten allerdings noch keine Einsparungen nachweisbar gewesen.

Die AOK Baden-Württemberg schreibe mit dem Vertrag eine "schwarze Null", sagte Hermann. Er sei von vorneherein nicht als Sparmaßnahme angelegt gewesen.

Die Ergebnisse des Hausarztvertrages dürften sich bei einer Fortschreibung der Evaluierung weiter verbessern, sagte der Sprecher des AOK-Bundesverbandes, Udo Barske, in einer ersten Reaktion.

Die Zahlen zeigten, dass der Vertrag für beide Seiten gut sei, für die Ärzte und für stabile Finanzen der Kassen.

Konsequenzen für das SGB V gefordert

Die Politik müsse die Ergebnisse der Evaluierung zur Kenntnis nehmen, sagte der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Dr. Ullrich Weigeldt. Die Änderungen des Paragrafen 73b des SGB V, die die weitere Entwicklung der Hausarztverträge behinderten, müssten zurückgenommen werden, forderte Weigeldt.

Der Hausarztvertrag ermögliche den Hausärzten eine klare betriebswirtschaftliche Kalkulation, sagte Dr. Berthold Dietsche. Das sei ein Zukunftsmodell für die Praxen, so der Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg.

Der Hausarztvertrag sei keine Bedrohung für die Fachärzte, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Norbert Metke. Die Spezialisten im Südwesten bekämen seit dem Start des Vertrages von ihren Hausarztkollegen nicht weniger Patienten überwiesen.

Positiv bewertete der Medi-Vorsitzende Dr. Werner Baumgärtner den Rückgang der ungesteuerten Facharztbesuche. Das könne Wartezeiten verkürzen helfen.

Haus- und Fachärzte sollten verstärkt kooperieren, um den ambulanten Sektor gegenüber dem stationären zu stärken.

Kritik von den Fachärzten

Baumgärtner plädierte für auf den Hausarztvertrag aufsetzende Facharztverträge nach Paragraf 73c SGB V als Schutz für die freiberuflichen Fachärzte vor der Konkurrenz der Krankenhäuser. In den Verträgen würden nämlich die Schnittstellen eindeutig festgelegt.

Als "Rosstäuscherei" bezeichnete der Vorsitzende des Deutschen Facharzt-Verbands, Dr. Thomas Scharmann, die Hausarztverträge mit angedockten Facharztmodulen.

Als Partner seien die hochspezialisierten Facharztgruppen gefragt, nicht die Versorgerfachärzte wie Augenärzte und Urologen. Es falle auf, so Scharmann, dass andere Kassen das AOK-Modell nicht kopierten.

Auch aus der Politik gab es am Freitag bereits erste Reaktionen. "Die Ergebnisse klingen gut", sagte die gesundheitspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Biggi Bender der "Ärzte Zeitung".

Allerdings müssten sie noch auf eine Verbesserung der patientenrelevanten Endpunkte hin überprüft werden.

Die Verschlechterung der Hausarztverträge ab dem Jahr 2014 lehnten die Grünen ab, sagte Bender. Eine Rückkehr zum alten Paragrafen 73b mit dem Zwang, Hausarztverträge abzuschleßen, wollten sie aber nicht. Die freie Vereinbarung müsse Vorrang haben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Jetzt ist Geduld gefragt

[20.06.2012, 16:11:41]
Thorsten Schaff 
Ergänzungen
Zu diesem Beitrag erreichte die Redaktion folgendes Statement von Werner Baumgärtner:

Ohne funktionierende Hausarztverträge machen Facharztverträge im Sinne eines neuen ambulanten Versorgungskonzeptes keinen Sinn. Ohne Facharztverträge wird aber auch die hausarztzentrierte Versorgung kein Zukunftsmodell. Herrn Dr. Scharmann, dem Vorsitzenden des deutschen Facharztverbandes, haben weder die Ergebnisse noch meine Ausführungen gefallen, was ich natürlich bedauere.

Tatsache ist, dass Kollege Scharmann weder die Verträge zu kennen scheint, noch darüber diskutieren wollte. Anders sind weder seine Einlassungen noch sein Verhalten beim Hauptstadtkongress zu verstehen. Er wollte offensichtlich nicht diskutieren, sondern nur seinen Kropf leeren, denn er hat die Veranstaltung verlassen, während der AOK-Chef Dr. Hermann seine Frage beantwortet hat.

Fakt ist, dass die Facharztverträge so angelegt sind, dass sie die Behandlung von chronisch kranken Patienten verbessern. Diese Patienten sind das Klientel der Versorgerpraxen! Wir wollen eine bessere, eine kalkulierbare und feste Vergütung für die Versorgerpraxen.

Für mich haben diese Praxen zwei Hauptprobleme: Erstens erhalten sie keine festen und angemessenen Preise für ihre Arbeit und haben darüber hinaus auch noch laufend mit Umverteilung zu kämpfen. Und zweitens stehen sie in Konkurrenz zu den dualfinanzierten Krankenhäusern.

Unsere Facharztverträge sind so angelegt, dass sie diese Probleme zumindest für den Selektivvertrag lösen sollen. Es gibt erstens feste Preise und eine höhere Vergütung als im Kollektivvertrag und zweitens sind die Schnittstellen zwischen Haus- und Fachärzten und dem Krankenhaus genau definiert.

Mich hätte ja interessiert, wie Herr Dr. Scharmanns Konzept ausgesehen hätte, aber leider war er an einer Diskussion darüber nicht interessiert.

Dr. Werner Baumgärtner
Vorstandsvorsitzender MEDI Baden-Württemberg e.V. zum Beitrag »

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