Ärzte Zeitung, 13.01.2009

Konzept für ein würdevolles Sterben zu Hause

Schwerkranken Patienten ein würdevolles Sterben zu Hause zu ermöglichen sowie Angehörige und Hausärzte zu entlasten - das ist das Ziel des neuen DAK-Modells zur Palliativbehandlung, das im Rhein-Neckar-Kreis gestartet worden ist.

Von Marion Lisson

Konzept für ein würdevolles Sterben zu Hause

Zu Hause liebevoll versorgt, bis das Leben zu Ende geht - das wünschen sich die meisten Menschen.

Foto: imago

Vertragspartner der DAK ist dabei der Mannheimer Anästhesist und Schmerztherapeut Dr. Stefan Schramm, der mit seiner Managementgesellschaft in Mannheim die Arbeit des Palliativnetzwerkes Rhein-Neckar e.V. koordiniert.

Konzept für ein würdevolles Sterben zu Hause

Überzeugt vom neuen Modell: Schmerztherapeut Dr. Stefan Schramm.

Foto: mm

Bei dem Projekt, das zunächst in Mannheim und Weinheim anläuft, machen derzeit außer fünf niedergelassenen Schmerztherapeuten und zwei onkologischen Großpraxen auch zehn niedergelassene Hausärzte mit. Mit ihrer Unterschrift unter den IV-Vertrag verpflichten sich die Allgemeinmediziner unter anderem, selbst keine Klinikeinweisung ihres Patienten zu veranlassen. Stattdessen sind sie verpflichtet, in problematischen Fällen zunächst den für ihre Region zuständigen Schmerztherapeuten - den Case-Manager - einzuschalten.

Klinikeinweisung ist oft nicht nötig

"Unser Case-Manager besucht dann den Patienten und schaut, ob eine Klinikeinweisung nötig ist", berichtete Schramm bei der Vorstellung des DAK-Projektes in Mannheim. Die stationäre Behandlung entfalle zum Beispiel in Fällen, in denen dem Kranken möglicherweise nur ein Katheter gelegt werden müsste.

Die Lebensqualität von Patienten zu verbessern und ihr Wunsch, zu Hause versorgt zu werden, habe bei dem neuen Netz Priorität, so Schramm, der auch schon mit anderen Krankenkassen Verhandlungen aufgenommen hat. Das beinhalte eine konsequente Schmerztherapie. "Nicht Schmerzen, sondern positive Aspekte des Lebens sollten den Alltag der Menschen dominieren. Das Ziel ist es hierbei nicht, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben", sagte er.

Der Einsatz von Schmerzpumpen gehöre in diesem Sinne dazu. Regelmäßige Hausbesuche erfolgten durch die beteiligten Schmerztherapeuten, Pflegedienste und Hausärzte. Laut Vertrag garantiert das Mannheimer Modell den betroffenen Patienten eine 24-stündige Notrufbereitschaft - Feiertage und Wochenenden inklusive. "Jeder Patient bekommt eine Notrufnummer und kann uns rund um die Uhr erreichen. Sei es, weil die Batterie seines Atemgeräts ausgewechselt werden muss oder weil er blutet", sagt Schramm.

Patienten verfügten dabei über die Telefonnummer des Pflegedienstes, nicht über die der beteiligten Ärzte selbst. "Es ist Aufgabe des Pflegedienstes zu beurteilen, ob ein Arzt eingeschaltet werden muss oder noch nicht" berichtet Schramm. Die Palliativmediziner würden dann von den Mitarbeitern benachrichtigt.

Besonders in der Sterbephase sei es notwendig, für eine sehr gute Behandlung bei Schmerzen, Atemnot, Durstgefühl und Angst zu sorgen. In Deutschland bestünden trotz vieler Fortschritte noch erhebliche Defizite. "Viele Hausärzte fühlen sich dabei oft überlastet", so Schramm. Es ginge im übrigen nicht darum, Clans abzustecken, betont der Anästhesist. Den Hausärzten sollten ihre Patienten in keiner Weise entzogen werden.

Im Gegenteil: Man baue auf eine enge Kooperation mit dem behandelnden Hausarzt. "Ohne Unterstützung der Hausärzte funktioniert kein Modell", machte auch DAK-Vertragschef Wolfgang Kemmer in Mannheim deutlich. Im süddeutschen Singen laufe seit 2005 ein ähnlicher IV-Vertrag bereits mit großem Erfolg.

Beteiligung am Netz wird über Pauschalen vergütet

Mit dem Projekt versprechen sich die Kassen Einsparungen, die nicht zuletzt durch eine verstärkte Kommunikation zwischen Hausärzten, Palliativmedizinern, Pflegefachkräften, Psychologen und Seelsorgern möglich sein sollen. Dadurch könnten Klinikaufenthalte oft vermieden werden, zeigen sich Anästhesist Schramm und Kemmer überzeugt. Gleiches gelte auch für Notfalleinsätze und Doppeluntersuchungen.

In Nordbaden wird den Hausärzten ihre Beteiligung am Netz über Pauschalen vergütet. Deren Höhe hänge im Einzelnen von der Qualifikation der Mediziner und der Erkrankungsschwere der Patienten ab. Über die genauen Beträge wollten beide Vertragspartner jedoch nichts sagen. DAK-Vertragschef Wolfgang Kemmer kündigte an, die integrierte Versorgung in Baden-Württemberg auszubauen und weitere qualitätsgesicherte Konzepte entwickeln zu wollen. Rund 40 IV-Verträge existierten bislang landesweit, so Kemmer.

Der Case-Manager hat alle Fäden in der Hand

Nach einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums möchten 75 Prozent der todkranken Patienten zu Hause im Kreis der Familie in Geborgenheit sterben, aber nur 33 Prozent können bis zum Lebensende in ihrem Zuhause bleiben. Ein gemeinsames IV-Modellprojekt des niedergelassenen Mannheimer Anästhesisten Dr. Stefan Schramm mit der DAK Baden-Württemberg setzt hier an. Case-Manager sollen sich rund um die Uhr um die qualifizierte Versorgung der Patienten zu Hause kümmern. Ziel ist es, das Lebensgefühl von Patienten zu verbessern, Angehörige und Hausärzte zu entlasten sowie bisherige Kosten für Klinikeinweisungen zu senken. (mm)

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