Ärzte Zeitung, 06.04.2009

Die Causa Jens - die Würde und das Sterben

Vor 14 Jahren plädierten der Tübinger Gelehrte Walter Jens und der Theologe Hans Küng in dem Buch "Menschenwürdig sterben" für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Gilt der Wunsch von Jens, mittlerweile an Demenz erkrankt, unverändert?

Von Pete Smith

"Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken." Tilman Jens

"Lieber Schur, Sie erinnern sich wohl an unser erstes Gespräch. Sie haben mir damals versprochen, mich nicht im Stich zu lassen, wenn es soweit ist. Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr."

Als Sigmund Freud, vom Krebs zermürbt, am 21. September 1939 seinem Hausarzt Dr. Max Schur jenen Brief schrieb, in dem er ihn an einen früheren Pakt erinnerte, zögerte dieser nicht, das Versprechen, das er einst gab, einzulösen. In seinem "Plädoyer für Selbstverantwortung", das der Tübinger Philologe Walter Jens zusammen mit dem Theologen Hans Küng 1995 unter dem Titel "Menschenwürdig sterben" veröffentlichte, zitiert Jens jenen Brief und fügt ihm einen eigenen Kommentar an: "Millionen von Menschen könnten, wie Hans Küng und ich, gelassener unserer Arbeit nachgehen, wenn wir wüssten, dass uns eines Tages ein Arzt zur Seite stünde: kein Spezialist, sondern ein Hausarzt wie Dr. Max Schur es war, einer der bewundernswertesten Männer dieses Jahrhunderts, der nicht zögerte, seinem Patienten Sigmund Freud die tödliche Morphium-Dosis zu geben…"

Das ist knapp 14 Jahre her. Walter Jens ist inzwischen verstummt. Er ist dement. Seine Thesen von einst erscheinen heute in einem neuen Licht. Das verdeutlichen zwei Neuerscheinungen, eben jener wieder aufgelegte, aktualisierte und durch einen Beitrag von Jens‘ Ehefrau Inge ergänzte Band "Menschenwürdig sterben" sowie die persönliche Chronik "Demenz. Abschied von meinem Vater", die der Frankfurter Journalist Tilman Jens, Sohn des Tübinger Gelehrten, vorgelegt hat.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar - darf dieser Satz getilgt werden, wenn es ans Sterben geht?" Professor Walter Jens. Foto aus dem Jahr 2005

"Die Würde des Menschen ist unantastbar - darf dieser Satz getilgt werden, wenn es ans Sterben geht?", fragte Walter Jens 1995 auf einer Podiumsveranstaltung der Tübinger Universität. "Nicht nur um des menschenwürdigen Sterbens, sondern auch und gerade um des durch einen gelassenen Vorausblick auf die letzten Tage ermöglichten menschenwürdigen Lebens willen plädiere ich nachdrücklich für eine Entkriminalisierung des Problems." Walter Jens hat mit seiner Frau Dr. Inge Jens am 3. August 2006 eine Patientenverfügung unterschrieben, in der es heißt: "…wenn ich geistig so verwirrt bin, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin, wo ich bin, und Familie und Freunde nicht mehr erkenne…, dann verlange ich, dass alle medizinischen Maßnahmen unterbleiben, die mich am Sterben hindern…"

Genau darum geht es. Gilt diese Verfügung auch heute noch? Jens‘ Familie, die ihrem Inhalt weiterhin grundsätzlich zustimmt, verneint im konkreten Fall. Die Fakten erscheinen eindeutig: Walter Jens weiß tatsächlich nicht, wer und wo er ist und erkennt auch seine Frau sowie seine beiden Söhne nur in seltenen lichten Momenten. Doch er leidet keine Schmerzen und ist körperlich gesund. "Es gibt Augenblicke", schreibt Inge Jens, "in denen ihm das Leben nicht zur Qual wird, in denen er lächelt, ja, lacht und sich deutlich ‚dazugehörig‘ fühlt." Daneben gebe es auch Situationen, in denen er weint, "Nein, nein, nein!" stammelt und den Wunsch äußert zu sterben: "Ich will weg." Oft folge darauf jedoch ein abrupter Sinneswandel: "Hilf mir, ich muss sterben." Oder: "Nein! Ich will nicht sterben." Welcher Wunsch gilt? Inge Jens hat sich entschieden. "Ich weiß nur - in Übereinstimmung übrigens mit Hans Küng -, dass ich meinem Mann - in seinem gegenwärtigen Zustand - seinen Sterbewunsch nicht erfüllen und auch nicht zulassen kann, dass es ein anderer für mich tut."

Gilt die Patientenverfügung von 2006 auch heute?

Darin ist sie mit ihrem Sohn Tilman einig, der in seiner Chronik "Abschied vom Vater" jenen Moment beschreibt, der alle Diskussion verstummen ließ. Zwei Tage nach Neujahr 2007 habe sein Vater in einem hellen Augenblick geäußert: "Ihr Lieben, es reicht. Mein Leben war lang und erfüllt. Aber jetzt will ich gehen." Niemand widersprach. Minuten schwiegen sich Mann und Frau, Vater und Sohn an. Plötzlich habe sein Vater gelächelt und gesagt: "Aber schön ist es doch!" Mit diesem Bekenntnis wurde der frühere Pakt mit Jens‘ Hausarzt, einem namenlos bleibenden Dr. Schur, obsolet.

Tilman Jens hat für sein Buch reichlich Prügel einstecken müssen. Zentral war dabei seine These, dass des Vaters Demenz nicht zufällig manifest wurde zu einem Zeitpunkt, da in den Medien seine Jahrzehnte lang verschwiegene oder verdrängte Mitgliedschaft in der NSDAP diskutiert wurde. Die angedeutete Kausalität empörte Kommentatoren ebenso wie die pietätlose Entblößung des Vaters als unmündiger Greis. Jens wurde sogar als "Vatermörder" beschimpft. Darüber verschwiegen viele Rezensenten, was Tilman Jens‘ Buch auch und vor allem ist: die Chronik eines Loslassens, zudem eine Reflexion über die Würde des Menschen am Ende eines Lebens, unterfüttert jedoch durch persönliches Erleben. Ein lesenswertes Buch.

Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloh 2009. 17,95 Euro. ISBN 978-3-579-06998-2

Walter Jens und Hans Küng: Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Erweiterte und aktualisierte Neuausgabe. München 2009. 16,95 Euro. ISBN 978-3-492-05276-4

[06.04.2009, 16:23:03]
Lutz Barth 
Causa Jens - ein Einzelschicksal
Die Frage, ob der Wunsch von W. Jens weiterhin Geltung beansprucht, soll hier nicht beantwortet werden, wohl aber der Umstand, dass ich persönlich in einer solchen Fallkonstellation meinen Willen beachtet wissen möchte! Wir müssen Obacht geben, dass die causa Jens nicht dazu führen wird, dass im Allgemeinen den Gesunden für den Fall ihrer späteren Demenzerkrankung die Möglichkeit abgesprochen wird, in einer Verfügung Festlegungen für den selbstbestimmten Tod zu treffen. Das Leben mit Demenz kann – wie vielfach geschrieben wird – durchaus lebenswert und sinnstiftend sein; hieraus aber eine allgemeingültige moralische Regel ableiten zu wollen, dass der Demenzkranke nicht im Voraus über seinen Tod bestimmen kann, weil er gleichsam eine andere Person geworden sei und im Übrigen sich Lebensfreude durch ein Lächeln zu artikulieren vermag, ist nicht anbefohlen. Insofern ist das Schicksal des Herrn Jens ein Einzelschicksal, aus dem keine (!) weiteren moralischen Anweisungen folgen. Nehmen wir das Selbstbestimmungsrecht ernst, dann korrespondiert mit der Wahrnehmung der Selbstbestimmung auch die Last der Verantwortung, da der einmal geäußerte Wille nach Beachtung verlangt und zwar gerade in den Fällen, in denen der autonome Patient sich nicht mehr äußern kann. Von daher ist der Fall einer Demenzerkrankung geradezu ein klassischer Anwendungsfall für eine Patientenverfügung, wenn wir denn eine Behandlung ausgeschlossen wissen wollen. Für uns dürfen wir – entgegen dem mainstream – eine abweichende Beurteilung von „lebenswert“ vornehmen, so dass wir mit Blick auf unsere individuelle Entscheidung das „Dammbruchargument“ zwar vernehmen, hierauf aber nicht zu hören brauchen.

Lutz Barth
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