Ärzte Zeitung, 15.07.2009

Es geht um Lebensqualität am Ende des Lebens

Schwerstkranke sollen zu Hause sterben können - das ist das Kernziel der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). In Nordrhein nimmt ihre Umsetzung jetzt immer mehr Gestalt an.

Von Ilse Schlingensiepen

Versorgung eines schwerstkranken Patienten: In Nordrhein sind inzwischen 33 Palliativ-Netzwerke aktiv.

Foto: dpa

DÜSSELDORF. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNo) und die Krankenkassen haben mit einer Reihe von Palliative Care Teams (PCT) die Verhandlungen über den Beitritt zum nordrheinischen SAPV-Vertrag aufgenommen. "In Dormagen werden wir wahrscheinlich bald den ersten Vertrag unterschreiben", kündigt Cornelia Prüfer-Storcks an, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg.

In Nordrhein sind bereits 33 Palliativ-Netzwerke aktiv. "Diese 33 Netze sind eine gute Basis, um rheinlandweit die Versorgung sicherzustellen", sagt Prüfer-Storcks. Die KVNo und die Kassen gehen davon aus, dass die Netze die Keimzelle für die künftigen PCT werden, sich aber nicht alle bisher beteiligten Palliativmediziner daran beteiligen werden. Nur Ärzte und Pfleger, die ausschließlich oder überwiegend in der Palliativmedizin tätig sind, können im PCT mitmachen. "Das ist nichts, was man nebenher machen kann", sagt sie.

Die Mediziner müssen die 160-stündige Weiterbildung in der Palliativmedizin absolviert haben. Die extrabudgetäre Vergütung der SAPV solle nur an die Mediziner und Pfleger fließen, die bereits bisher die Palliativversorgung sichergestellt haben. "Es geht nicht um Ärzte, die sich erst jetzt für das Thema interessieren, da es eine neue Vergütung gibt", so Prüfer-Storcks.

Für die Koordination der Versorgung erhalten die PCT in Nordrhein pro Patient einmal 300 Euro. Für die ärztliche und die pflegerische Beratung gibt es jeweils 20 Euro je Einsatz bis maximal 80 Euro täglich. Der Vertrag ermöglicht die Inanspruchnahme einer Teil- oder einer Vollversorgung.

Für die Teilversorgung erhalten Pfleger und Ärzte 40 Euro pro Einsatz bis maximal 135 Euro täglich. Für die ärztliche und pflegerische Vollversorgung fließen 225 Euro am Tag. "Es war uns daran gelegen, das so flexibel und unbürokratisch wie möglich zu handhaben", sagt Prüfer-Storcks. Die SAPV müsse bedarfsgerecht zum Einsatz kommen. Dazu gehöre, dass sie auch nur punktuell, bei besonderen Problemen abgerufen werden kann, wenn sonst die Versorgung durch den vertrauten Hausarzt sichergestellt ist. "Der Arzt muss selbst überprüfen, ob er die Versorgung wahrnehmen kann oder einen Kollegen hinzuziehen muss", sagt sie.

Da in Nordrhein bereits ambulante Palliativnetze aktiv sind, hat die Region gute Voraussetzungen für den ersten flächendeckenden Aufbau von SAPV-Strukturen. Angefangen hatte es mit einem Pilotprojekt in Köln, das wegen seines Erfolgs schnell auf andere Regionen ausgeweitet wurde.

Während im ersten Quartal 2006 zunächst 24 Patienten palliativmedizinisch versorgt wurden, waren es Ende 2008 bereits 2613 Patienten. "Wir starten mit der SAPV nicht aus dem Nichts", sagt der KVNo-Vorstandsvorsitzende Dr. Leonhard Hansen.

Grundlage für die allgemeine ambulante Palliativversorgung waren zunächst Verträge zwischen der KVNo und den Primärkassen, dann folgten im dritten Quartal 2007 die Ersatzkassen und im vierten Quartal 2007 die Betriebskrankenkassen. Der neue SAPV-Vertrag in Nordrhein ist kassenartenübergreifend mit allen Kassen abgeschlossen worden. Es sei allen Seiten von Anfang an klar gewesen, dass sich das Thema Palliativmedizin nicht für den Wettbewerb eignet, sondern ein niederschwelliges Versorgungsangebot für alle Versicherten notwendig ist, sagt Hansen. "Das ist der kollektivvertraglichste aller Verträge, die ich je in meiner Amtszeit abgeschlossen habe."

Bei der Versorgung der Menschen in ihrer letzten Lebensphase müsse der Fokus auf der Lebensqualität, nicht der Lebensverlängerung liegen. Sie müssten die Möglichkeit bekommen, zuhause zu sterben. "Es ist unsere urärztliche Aufgabe, das mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu tun."

Bei der Palliativversorgung müssten drei Säulen zusammenspielen: die spezialisierte ambulante Palliativpflege, Hausärzte und qualifizierte Palliativmediziner sowie Angehörige und Hospizdienste, sagt Hansen.

Die Palliative Care Teams sind nach dem nordrheinischen Vertrag verpflichtet, mit ambulanten Hospizdiensten sowie spezialisierten Apotheken zusammenzuarbeiten.

SAPV-Vertrag in Nordrhein

In Nordrhein haben die Kassenärztliche Vereinigung und alle Krankenkassen zum zweiten Quartal 2009 einen Vertrag zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung nach Paragraf 132 d Sozialgesetzbuch V abgeschlossen. Dem Vertrag können regionale Palliative Care Teams (PCT) beitreten, in denen mindestens drei qualifizierte Palliativ-Ärzte und vier examinierte Pflegekräfte mit einer Palliative-Care Zusatzausbildung arbeiten müssen. Die AOK Rheinland/Hamburg erwartet, dass im ersten Jahr rund 600 ihrer Versicherten nach den Bedingungen des neuen Vertrags versorgt werden. Dafür eingeplant sind im Haushalt zunächst 2 bis 2,5 Millionen Euro.

Die Kassen hoffen, dass sich die zusätzlichen Ausgaben langfristig über eine geringere Zahl von Klinikeinweisungen refinanzieren werden. (iss)

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