Ärzte Zeitung, 09.09.2010

Ein Votum für das Sterben in Würde

Eine Charta nimmt sich der Rechte von Sterbenden an. Ein großer Erfolg - aber erst der Anfang.

Von Sunna Gieseke

Ein Votum für das Sterben in Würde

Sterbende Menschen brauchen vor allem Zuwendung und Linderung ihrer Leiden.

© imago/Dean Pictures

BERLIN. Bei Themen wie Sterben und Tod ducken sich viele Menschen immer noch häufig weg. Eine "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen" will dies nun ändern und eine gesamtgesellschaftliche Diskussion anstoßen. Die Träger der Charta sind die Bundesärztekammer (BÄK), Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und Deutscher Hospiz- und Palliativverband (DHPV).

Zwei Jahre lang haben die Träger an einem dazu eingerichteten Runden Tisch mit 50 Verbänden an der Charta gefeilt. Nun sollen die fünf Leitsätze und Erläuterungen eine Orientierung für eine Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativversorgung bieten. Zwar habe es in den letzten 25 Jahren Fortschritte in der Betreuung schwerstkranker Menschen gegeben, noch immer würden viele Menschen von entsprechenden ambulanten und stationären Angeboten allerdings nicht erreicht.

"Die Charta soll aufzeigen, wie eine Palliativversorgung aussehen muss, die sich nach den tatsächlichen Bedürfnissen unheilbar kranker und sterbender Menschen richtet", sagte BÄK-Präsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe anlässlich der Vorstellung der Charta in Berlin.

Ärzte setzten sich dafür ein, Schwerstkranken "ein Sterben unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen". Damit setzten Ärzte "Bestrebungen nach einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen eine Perspektive des menschlichen Miteinanders" entgegen, so Hoppe.

Ein Votum für das Sterben in Würde

"Die Charta soll aufzeigen, wie Palliativversorgung aussehen muss." Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer

© iss

DGP-Präsident Professor Christof Müller-Busch betrachtet die Charta als einen noch nicht abgeschlossenen Prozess. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns", so Müller-Busch. Er forderte, dass das Thema Tod und Sterben in der Gesundheits- und Sozialpolitik künftig "angemessen berücksichtigt" werden müsse.

Bei der Umsetzung einiger Bereiche der Charta dränge die Zeit, betonte DHPV-Vorstandsvorsitzende Dr. Birgit Weihrauch. Unter anderem müsse die Palliativversorgung hochbetagter Menschen mit "hohem Zeitdruck angegangen" werden.

Gesundheits-Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) betonte, die Palliativversorgung habe in der Politik "einen hohen Stellenwert". Schließlich hätten GKV-Versicherte seit drei Jahren Anspruch auf eine ambulante Palliativversorgung (SAPV). Hierzu gebe es bereits "eine Reihe von Verträgen".

Zudem plane die Koalition, das Betäubungsmittelgesetz zu ändern. Damit hätten Ärzte in der SAPV künftig die Möglichkeit, Notfallvorräte von Opioiden vorzuhalten.

Selbstverständnis

Der Entwicklungsprozess für die Charta soll auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene erfolgen. Einbezogen werden Organisationen und Institutionen, die in diesem Bereich gesellschaftliche und gesundheitspolitische Verantwortung tragen. Dabei sollen alle Entscheidungen und Vereinbarungen im Konsens erzeugt werden - Mehrheitsentscheidungen gibt es nicht. Damit soll erreicht werden, dass sich alle Beteiligten verpflichtet fühlen, die Charta zu verabschieden und umzusetzen. Zentrale Institution für die Ausarbeitung und Konsensbildung soll ein Runder Tisch sein.

Internationaler Prozess

Die Entwicklung der Charta in Deutschland hat eine Vorgeschichte: Beim 10. Kongress der European Association for Palliative Care (EAPC) sind vor drei Jahren die sogenannten "Budapest Commitments" vereinbart worden. Damals wurde beschlossen, sich beim Ziel, die Betreuung Schwerstkranker und Sterbender zu verbessern, auf fünf Bereiche zu fokussieren und diese zu fördern: Aus-/Fort- und Weiterbildung, Forschung, Politik, Qualitätsmanagement und allgemeine Zugänglichkeit der Versorgung mit Arzneimitteln. Inzwischen beteiligen sich 19 Länder an diesem Prozess.

Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland

1. Leitsatz - Gesellschaftspolitische Herausforderungen - Ethik, Recht und öffentliche Kommunikation:
Sterben soll unter würdigen Bedingungen möglich sein. Insbesondere ist den Bestrebungen nach einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen durch eine Perspektive der Fürsorge und des menschlichen Miteinanders entgegenzuwirken. Dem Sterben als Teil des Lebens ist gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

2. Leitsatz - Bedürfnisse der Betroffenen - Anforderungen an die Versorgungsstrukturen:
Bestehende Versorgungsstrukturen müssen vernetzt und bedarfsgerecht mit hoher Qualität so weiterentwickelt werden, dass alle Betroffenen Zugang dazu erhalten. Die Versorgungskontinuität muss gewährleistet sein.

3. Leitsatz - Anforderungen an die Aus-, Weiter- und Fortbildung:
Der Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen muss thematisch differenziert und spezifiziert in die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Beteiligten in den verschiedensten Bereichen integriert werden. Der jeweils aktuelle Erkenntnisstand muss in die Curricula einfließen.

4. Leitsatz - Entwicklungsperspektiven und Forschung:
Jeder schwerstkranke und sterbende Mensch hat ein Recht darauf, nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse behandelt und betreut zu werden. Neue Ergebnisse zur Palliativversorgung aus Forschung und Praxis werden dafür kontinuierlich erhoben und im Versorgungsalltag umgesetzt. Um die Versorgungssituation schwerstkranker und sterbender Menschen sowie ihrer Angehörigen und Nahestehenden kontinuierlich zu verbessern, muss die interdisziplinäre Forschung weiterentwickelt werden und der Transfer in die Praxis gewährleistet sein.

5. Leitsatz - Die europäische und internationale Dimension:
Die internationale Vernetzung von Organisationen, Forschungsinstitutionen und anderen im Bereich der Palliativversorgung Tätigen soll vorangetrieben werden. International etablierte und anerkannte Empfehlungen und Standards zur Palliativversorgung sind zu berücksichtigen. Eine nationale Rahmenpolitik wird angestrebt. Durch den systematischen Austausch zwischen Organisationen kann von den jeweiligen Erfahrungen profitiert werden. Zudem liefert der Dialog Impulse und Anregungen für die weitere Arbeit.

Das Dokument im Original kann abgerufen werden unter: www.charta-zur-betreuung-sterbender.de

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Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
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[04.10.2010, 15:50:54]
Falk Hörnke 
Hospizbewegung: "Den Tagen mehr Leben geben"

Ein besonderes Buch zum Hospizleitspruch von Cicely Saunders, kann wärmstens empfohlen werden: "Den Tagen mehr Leben geben". Es handelt von einem außergewöhnlichen Hospizkoch und seinen sterbenskranken Gästen.

Der Fernsehjournalistin und Autorin Dörte Schipper ist ein bemerkenswert spannendes und überraschendes Buch gelungen über das Sterben – und das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Dem Buch vorausgegangen ist eine Fernsehdokumentation in der ARD, für die die Autorin mit dem Erich-Klabunde-Preis ausgezeichnet wurde.

Dörte Schipper
DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
Vorwort von Udo Lindenberg
Bastei Lübbe Verlag
253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag - Buchhandel und Internet
ISBN 978-3-7857-2385-2

"Ich definiere mich als Koch nicht mehr darüber, wie viel gegessen wird, sondern, ob ich die Menschen damit erreiche." Früher war er Küchenchef in einem Nobelrestaurant. Heute kocht er im "Leuchtfeuer", einem Hamburger Hospiz. Die meisten seiner Gäste haben Krebs im Endstadium.
Ob Steak, Labskaus, Coq au Vin oder eine aufwändige Torte, Ruprecht, der Koch, erfüllt jeden kulinarischen Wunsch. Tagtäglich erlebt er aufs Neue, wie wichtig es den Bewohnern im Hospiz ist, noch einmal ihre Lieblingsgerichte genießen zu können. Kräuter, Gewürze, den individuellen Geschmack zu treffen, ist für den Koch nicht immer leicht. Oft geht es nur um Nuancen, und er braucht mehrere Anläufe. "Wenn ich es schaffe, ein Essen genau so zu kreieren, wie ein Sterbenskranker sich das vorgestellt hat, kann ich mich jedes Mal aufs Neue darüber freuen."

Seit der Gründung des Hospizes vor elf Jahren ist der Koch sein eigener Chef de Cuisine in einem Zuhause für Todkranke. Mitten in St. Pauli bietet das Hospiz Platz für elf Bewohner. Die meisten leben hier nicht länger als ein paar Wochen. In der Eingangshalle hängt in großen Buchstaben der Leitspruch des Hauses: "Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Diese Worte hat der Koch verinnerlicht. Das Leben der Kranken verlängern kann er nicht, es versüßen schon. Vor elf Jahren, als er den Job annahm, wurde er öfters gefragt, ob es nicht absurd sei, für Todkranke zu kochen. Er selbst hat sich diese Frage nie gestellt. Die Bedeutung, die Essen haben kann, ist ihm durch die Arbeit im Hospiz immer klarer geworden. Seine Erkenntnis klingt so einfach, fast banal: "Essen heißt, ich lebe noch!"

Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen außergewöhnlichen Koch und die Lebensgeschichten seiner Gäste.
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