Ärzte Zeitung, 13.12.2011

Euthanasie-Gesetz mit vielen Fragezeichen

Zukunftsweisend und nachahmenswert: So würdigen Befürworter das seit 2001 geltende Euthanasie-Gesetz in den Niederlanden. Eigentlich soll es sterbenskranken Menschen die Chance geben, selbstbestimmt mit professioneller Hilfe von Ärzten aus dem Leben zu scheiden. Doch Gesetze allein reichen nicht aus.

Von Harm van Maanen

Ein Euthanasie-Gesetz, das viele Fragen unbeantwortet lässt

Von Anfang an umstritten: die niederländische Euthanasie-Regelung.

© dpa

Nachbarn, die mit ihm Kontakt haben, erleben einen Mann, der zumindest von außen betrachtet keinen resignierten Eindruck macht. Er zeigt soziales Interesse, schaut begeistert Fußball und kümmert sich wie eh und je um seinen Garten.

Dann jedoch kommt die Überraschung. Meijer mag nicht mehr leben. Alle seine Nachbarn und Freunde informiert er, die meisten ungefragt. Der Sterbewunsch des Rentners wird zum öffentlichen Thema, er löst Irritationen und Ratlosigkeit aus.

Meijer geht in die Sprechstunde seines Hausarztes und erklärt ihm, dass er sterben will. Euthanasie heißt das Stichwort, sein Hausarzt soll ihm die tödliche Injektion setzen.

Die Rechtslage in den Niederlanden sieht so aus: Der Hausarzt muss zur Überzeugung gelangen, dass der Patient freiwillig und nach reiflicher Überlegung um Sterbehilfe bittet.

Die Kriterien nicht erfüllt

Er muss außerdem überzeugt sein, dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist. Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang "unerträgliches Leid"?

Leid wird vom Patienten subjektiv empfunden - doch nach welchen Kriterien beurteilt der Arzt, ob das Leiden tatsächlich "unerträglich" ist?

Meijers Hausarzt trifft seine Entscheidung nicht allein. Er muss laut Gesetz einen unabhängigen zweiten Arzt hinzuziehen, der den Patienten gesehen und seinen Sterbewunsch geprüft hat.

Harm van Maanen

Ein Euthanasie-Gesetz, das viele Fragen unbeantwortet lässt

© David Ausserhofer

Er lebt in Deutschland, ist Niederländer, dort geboren und in beiden Kulturen aufgewachsen: Harm van Maanen, seit drei Jahren Executive Vice President von Springer Medizin, liegt es eigentlich fern, sich öffentlich zu medizinethischen Problemen zu äußern. Das holländische Euthanasie-Gesetz aber hat ihn so stark beschäftigt, dass er eine Ausnahme macht. "Dieses Gesetz ist gut gemeint", sagt er, " doch seine Wirkung kann fatal sein".

Die beiden Ärzte, bei denen Meijer vorspricht, scheinen von seinen Argumenten zunächst nicht überzeugt zu sein. Sie lehnen sein Ansinnen ab. Unerträgliches Leid? Er erfüllt die gesetzlichen Kriterien nicht.

Seinen Nachbarn wird er hinterher berichten, dass ihn die Ablehnung extrem geschockt und er der Entscheidung der Ärzte heftig widersprochen habe. Der Rentner hat bereits alles für seinen Tod in die Wege geleitet.

Meinung doch noch geändert

Er hat den Tag der Euthanasie geplant und den Termin für seine Beerdigung festgelegt. Er hat seine Kinder und Angehörige in Amerika informiert. Ihre Flüge sind gebucht, sie sollen dabei sein, wenn er stirbt. Alles ist formal geklärt, alles geregelt, das kann niemand mehr rückgängig machen, sagt er.

Und dann passiert etwas Bemerkenswertes. Die Ärzte korrigieren ihre Meinung und geben jetzt doch grünes Licht für die Euthanasie.

Warum? Weil der Druck zu groß ist und der Tierarzt sie vor vollendete Tatsachen gestellt hat? Weil seine Autorität als Medizinkollege die Ärzte besonders beeindruckt? Über Motive wird man nur spekulieren können.

Wie geht seine Familie mit der Entscheidung um? Gewiss: er ist schwer krank, wird schnell müde und ist wegen seiner metastasierten Leber kurzatmig. Aber er ist nicht bettlägerig.

Hat er seine Entscheidung für die Euthanasie womöglich viel zu früh getroffen? Und wäre es jetzt, kurz vor seinem Tod, nicht an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen, zu reden über Ängste, Zweifel und Gefühle?

Psychologische Hilfe nicht vorgesehen

Hier ist eine extreme Ausnahmesituation entstanden, die alle Beteiligten maßlos überfordert. Die Familie benötigt in dieser Situation eigentlich dringend professionelle psychologische Hilfe.

Die ist allerdings im Euthanasie-Gesetz nicht vorgesehen. Was nutzt dieses Gesetz, wenn die Auswirkungen auch mit Blick auf die Befindlichkeiten der unmittelbar Betroffenen emotional fatal sind?

Das niederländische Euthanasie-Gesetz

Ärzte in den Niederlanden dürfen aktive Sterbehilfe leisten, wenn folgende Bedingungen eingehalten werden:

Ein Patient muss sein Verlangen nach Sterbehilfe unbeeinflusst, freiwillig, "wohlüberlegt" und andauernd zum Ausdruck bringen.

Der Arzt muss prüfen und bestätigen, dass der fragende Patient unerträglich und andauernd leidet und nicht zu heilen ist.

Nach einem angemessenen Zeitraum des Gesprächs darf der Arzt dann aktive Sterbehilfe leisten, wenn er sich zuvor mit einem Kollegen berät, der schriftlich Stellung nimmt.

Nach dem Tod des Patienten ist der Arzt verpflichtet, den Fall einer Kommission zu melden, die aus einem Mediziner, einem Juristen und einem Ethiker besteht. Sie prüft dann die Rechtmäßigkeit.

Rentner Meijer ist inzwischen tot. Der Hausarzt hat seine Aufgabe mit einer Spritze erledigt, ordentlich und gesetzeskonform. Doch was ist schiefgelaufen in der Schlussphase von Meijers Leben?

Keiner der Beteiligten hatte etwas Böses im Sinn. Es ging nicht um die oft zitierten Erbschaften, nicht um Geld, und sicher auch nicht um verspätete zwischenmenschliche Abrechnungen.

Euthanasie-Angebot schafft sich selbst eine Nachfrage

Geblieben ist ein Scherbenhaufen. Da sind Ärzte, die in einer extremen Zwangssituation offenbar dem Druck eines Patienten nachgegeben haben. Wer mag schon in ihrer Haut stecken? Da sind nahe Angehörige, die mit der harten Realität nicht umgehen können.

Da ist Herr Meijer selbst, der sich noch kurz vor seinem Tod eine Zigarre gegönnt, Rotwein getrunken und mit dem (vermutlich stark verunsicherten) Nachbarn am Gartenzaun ein Schwätzchen gehalten hat.

Und da sind andere Nachbarn, die sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass sie bald selbst genau zu dem Arzt in Behandlung gehen, der wenige Tage vorher - wenn auch legal - einem Menschen die tödliche Giftspritze gesetzt hat. Wie soll sich da in der Sprechstunde wieder Vertrauen entwickeln?

Eine fatale Geschichte. Und was besonders irritierend ist: In den Niederlanden scheint die Tötung alter und kranker Menschen immer stärker von der Gesellschaft als völlig normaler Weg akzeptiert zu werden. Das Euthanasie-Angebot schafft sich selbst eine Nachfrage.

Das Gesetz selbst hat darüber hinaus ein gravierendes Defizit: Es regelt nur einen Teil des Sterbe-Prozesses. Der Fall Meijer zeigt: Es wäre ungemein wichtig, dass alle Beteiligten professionell begleitet werden - die Patienten, ihre Angehörigen, und nicht zuletzt die Ärzte, die im Umgang mit Sterbenskranken immer wieder vor schwierigen und extrem belastenden Entscheidungen stehen.

* Name von der Redaktion geändert.

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[13.12.2011, 17:16:51]
Lutz Barth 
"Wilder Aktionismus"?
Nun – eine beeindruckende Diskussionsanmerkung v. Thomas Georg Schätzler, an deren Redlichkeit ich keinen Anlass zu zweifeln habe. Gleichwohl ist es nicht der „wilde Aktionismus“, der dann – gepaart mit einem absoluten Helfersyndrom – unversehens in die aktive Sterbehilfe resp. assistierter Suizid mündet, sondern die legitime Anfrage eines schwersterkrankten Patienten, der seinem Leid schlicht „nur“ durch ein punktuelles Ereignis zu entfliehen gedenkt. Da hilft ihm der Hinweis auf Jonas oder Bloch wenig weiter, sondern einzig seine Erkenntnis, von seinem legitimen Recht der Selbstbestimmung Gebrauch machen zu können und sofern er hierzu eigens nicht mehr in der Lage ist, ggf. auf Hilfe durch einen Dritten hoffen darf.

Und natürlich hat Schätzler Recht, wenn er meint, die professionellen Helfer müssen die „destruktiven Impulse“ aushalten, wenn die Sterbenden bzw. Schwersterkrankten nach Erlösung bitten, wobei freilich zu betonen ist, dass sie diesen Impulsen nicht nachgeben müssen. Insofern ist ja gerade das individuelle Gewissen der Ärzteschaft zu befragen und nicht ein tradiertes Standesethos, das im 21. Jahrhundert mehr als verstaubt ist und so letztlich zum ethischen Gravitationszentrum der gesamten verfassten Ärzteschaft deklariert wird.

Ich denke, die Zeit wird es zeigen, dass der von den Hardlinern bei der BÄK eingeschlagene „Ethikkurs“ sich als der nicht richtige erweisen wird und insgesamt dem hoch stehenden Berufsstand der Ärzteschaft mit seiner hohen ethischen Integrität mehr als abträglich ist. Eine Ärzteschaft, die durch ein ethisches Zwangsdiktat auf Kurs gehalten werden soll, weil man/frau glaubt, ihre „private Moral“ hätten sie abgestreift, wenn sie gleichsam den Arztkittel übergestreift haben, wird ihrem Berufsstand nicht gerecht.

Per Standesrecht eine Gewissensentscheidung vorgeben zu wollen, ist mehr als zweifelhaft und lässt Erinnerungen an die Geschichte wach werden, in der ein gesamten Staatsvolk auf „Werte gleichgeschaltet“ wurde, die für sich genommen unerträglich waren.

Die Verklärung des Arztethos trägt dazu bei, dass die „Ethik“ die Ärzteschaft in die „Unfreiheit“ führt und hier darf denn durchaus das „Prinzip Hoffnung“ bemüht werden: es bleibt zu hoffen, dass die BÄK sich eines Besseren belehren lässt und zwar aus den eigenen Reihen. Stimmen dazu gibt es derzeit viele und insofern muss sich die BÄK ernsthaft die Frage stellen lassen, ob diese nicht schlicht eine Debatte abgewürgt hat, ohne hierbei die Erkenntnisse der Medizinethik als Wissenschaft berücksichtigt zu haben.
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[13.12.2011, 14:45:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen und ... "? - Ein Diskussionsbemerkung
Schwerstkranke, von Tod und Sterben gezeichnete Patientinnen und Patienten verspüren unter einer subjektiven bzw. objektiven Belastungsgrenze und Überforderung den Wunsch nach Endlichkeit, nach Abschied und Erlösung von ihrem Dasein. Im günstigsten Fall kann der Wunsch verbal oder nonverbal konkludent geäußert und das Ende des Leidens eingefordert werden. Häufig ist diese Möglichkeit gerade nicht gegeben. Angehörige, Ärzte und therapeutisches Personal sind dann auf Vermutungen, Ahnungen und Analogien angewiesen.

Ärztinnen und Ärzte, Angehörige und nichtärztliche Berufsgruppen funktionieren in der Regel über ein positives Helfer-Syndrom. Sie regenerieren ihre Empathie und Arbeitsfähigkeit über objektiv und subjektiv empfundene Entlastung oder Linderung, wie infaust die Prognose ihrer Schutzbefohlenen auch sein mag. Ohne positive Rückmeldungen laufen sie Gefahr, in Frustration, Resignation und Aggression zu geraten. Der Wunsch der Sterbenden kollidiert dann mit dem professionellen Selbstverständnis der Helfer. Und diese müssen destruktive Impulse aushalten, wenn die Sterbenden nach Erlösung verlangen.

Unser Rechts- und Wertesystem soll zuallererst das „Mensch-Sein“ als Mosaik vielschichtiger Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Freude und Glück, Krankheit und Gesundheit reflektieren. Da treten Glaube, Hoffnung, Liebe zusammen mit Solidarität und Verantwortung. Im Spannungsbogen von Geburt, Leben, Sterben und Tod gibt es das Prinzip „Liebe“ (Neues Testament), das Prinzip „Verantwortung“ (Hans Jonas) und das „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch).

Doch dann setzt oft das absolute „Helfer-Syndrom“ mit unvermittelter Macht ein. Den Patienten dürfe man doch nicht so einfach sterben lassen, da müsse man doch etwas tun. Man verfällt in einen wilden Aktionismus: aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, Erlösungspflicht.

Können wir, also Sie und ich, so schwer es manchmal fällt, den sterbenskranken Patienten nicht dort abholen, wo er sich gerade befindet? In seiner Todesangst, seinem Lebensüberdruss, seinem Schmerz, seiner Not, seiner Depression? Aber auch in seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds und seiner Vergänglichkeit? Abwarten und begleiten? Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen?

„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen“ … und „Loslassen“.

Dr. med. Thomas. G. Schätzler
aus: Editorial Der Allgemeinarzt 13/2011 (gekürzt)
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[13.12.2011, 09:55:36]
Lutz Barth 
Eine "Normierung" ist gleichwohl wünschenswert und möglich!
Das Befürworter der Sterbehilfe das Gesetz in Niederlande würdigen, hat vornehmlich seinen Grund darin, als dass sich hierin ein Freiheitsverständnis widerspiegelt, von dem wir hierzulande weit entfernt sind. Dass das Sterben im eigentlichen Sinne als kreatürlicher Prozess nicht normierbar ist, dürfte weitestgehend konsentiert zu sein, wenngleich es im wesentlichen darauf ankommen muss, nach einer Regelung zu streben, die insbesondere dem Selbstbestimmungsrecht der Patientinnen und Patienten gerecht wird. Insofern beziehen wir hierzulande unsere Maßgaben aus der Verfassung und da sollte es denn auch möglich sein, einen frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten zu ermöglichen. Dass hierbei die Ärzte zur „Mitwirkung berufen sind“, hat vielschichtige Ursachen, auch wenn sicherlich nicht verkannt werden darf, dass hier die Ärztinnen und Ärzte mit ihrer Entscheidung in einem Team eingebunden sein sollten. Problematisch freilich derzeit ist, dass entgegen allen Voten aus namhaften Gremien die BÄK und ihr folgend die Landesärztekammer Sachsen eine drastische Verschärfung im Standesrecht vorgenommen hat. Ob dies sinnvoll war und ist, steht mehr als zu bezweifeln an, zumal die Suizidbeihilfe als solche nicht strafbar ist und im Übrigen innerhalb der Ärzteschaft sich eine lebhafte Diskussion darüber anbahnt, ob die Arztethik nicht gelegentlich doch die „Pflicht“ begründet, im Einzelfall dem Wunsch des Patienten nach einem frei verantwortlichen Sterben angesichts seines individuellen Leids nachzukommen.

Dass hierzulande die Problematik um das frei verantwortliche Sterben normierungsfähig ist, wird u.a. durch den Alternativ-Entwurf zum StGB dokumentiert und da nimmt es eben auch nicht wunder, dass als erster Schritt dafür plädiert wurde, von einer strikten standesrechtlichen Missbilligung der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid abzusehen. Dass allen voran die BÄK sich hier sperrt, lässt darauf schließen, dass das Arztethos im Kern höher angesiedelt wird, als dass Selbstbestimmungsrecht der Patienten und – was ebenso dramatisch sein dürfte – auch in beängstigender Schlichtheit die Grundrechte ihrer ärztlichen Kolleginnen und Kollegen nicht in ihrem wohlverstandenen Sinne erfasst.
Dies ist nicht nur zu bedauern, sondern gehört in aller Deutlichkeit angemahnt, zumal die BÄK es bis zum heutigen Tage schuldig geblieben ist, für ein derartiges Verbot überhaupt eine Argumentation anzubieten, sehen wir mal von dem „Anrufen des Arztethos“ ab.
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