Ärzte Zeitung, 09.02.2012

Niederländische Ärzte sehen Sterbehilfe-Teams kritisch

Ein Arzt-Patienten-Verhältnis, das sich nur auf Sterbehilfe konzentriert, lehnt die größte Ärztevereinigung Hollands ab.

Niederländische Ärzte sehen Sterbehilfe-Teams kritisch

Über die Pläne zur ambulanten Sterbehilfe in den Niederlanden wird heftig diskutiert: Die Ärztevereinigung KNMG ist skeptisch.

© imagebroker/ imago

KÖLN (iss). Niederländische Ärzte fürchten, dass die geplanten ambulanten Sterbehilfe-Teams unabsehbare Folgen für das Arzt-Patienten-Verhältnis haben könnten.

"Wir halten es für problematisch, dass in diesen Fällen die Beziehung zwischen Arzt und Patient ausschließlich auf die Sterbehilfe konzentriert ist", sagt Eric van Wijlick von der Ärztevereinigung KNMG (Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot bevordering der Geneeskunst) der "Ärzte Zeitung".

KNMG vertritt mehr als 53.000 Ärzte

Die KNMG ist die größte Ärzteorganisation in den Niederlanden. Sie vertritt die Interessen von mehr als 53.000 Ärzten und Studierenden in ethischen, rechtlichen und Qualitäts-Fragen.

Die "Nederlandse Vereniging voor een Vrijwillig Levenseinde" (NVVE) will ab März von Den Haag aus landesweit sechs ambulante Teams aus Ärzten und Pflegekräften einsetzen. Sie bieten Patienten ambulante Sterbehilfe zu Hause an, wenn deren Hausärzte die Euthanasie ablehnen.

Es sei bedenklich, wenn ein Arzt ihm nicht bekannte Patienten nur unter dem Aspekt der aktiven Sterbehilfe aufsucht, sagt van Wijlick.

KNMG sieht noch viele unbeantwortete Fragen

Die gesetzlichen Vorgaben sähen zwar vor, dass Patient und Arzt nach Gesprächen gemeinsam entscheiden müssen, ob Sterbehilfe wirklich die angemessene Lösung ist. "In diesen Fällen besteht aber die Gefahr, dass die Alternativen zur Sterbehilfe schnell aus dem Blick geraten."

Auch bei der von der NVVE geplanten Sterbehilfe-Klinik, zu der die mobilen Teams gehören werden, sieht die KNMG noch viele unbeantwortete Fragen.

Die Ärzte und Pflegekräfte in der Klinik müssten die schwer kranken Patienten dort schließlich 24 Stunden am Tag versorgen. "Wir können uns nicht vorstellen, wie das funktionieren soll", sagt van Wijlick.

Es gebe Ärzte und Patienten, die solche Lösungen für den richtigen Weg halten. "Aber wir sind skeptisch."

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[10.02.2012, 11:50:04]
Christof Oswald 
Anfang oder Ende der Betreuungsvielfalt
Holland ist seit langer Zeit dabei die Nebenwirkungen einer liberalen Politik zur end-of-life-therapy zu durchleben. Mobile Lebensabbruch-Teams sind da bislang die ungeliebteste Variante. Was auf den ersten Blick wie eine palliative Betreuung in den eigenen vier Wänden missverstanden werden mag, verhindert diese jedoch stattdessen und steht noch dazu im "Wettbewerb" der Hausärzteschaft in den Niederlanden. Das Frankenbrunnen-Prinzip in der hollöndischen Sterbehilfe? Schnell hin, schnell wieder weg.

Aus meiner deutschen Sicht und meiner langen klinischen Erfahrung als Pflegekraft auf der Intensivstation und im Feld der Medizinethik, sehe ich persönlich in Deutschland keinen harten Grund aktive Sterbehilfe anzubieten. Wir können heute Menschen medizinisch wie pflegerisch ein lebenswertes Leben, bis in den Tod hinein ermöglichen. Wir sind heute juristisch dazu in der Lage jegliche Therapie, die der Patient nicht (mehr) will bzw. die medizinisch nicht (mehr) indiziert ist, zu unterlassen bzw. wieder abzubrechen. Dies erfordert allerdings eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Grenzen unser Therapie und dessen, was für den Patienten am Besten ist. Darüber müss(t)en wir uns von ihm, bzw. seinen Angehörigen aufklären lassen.

Ich bin vielen Menschen begegnet, die sterben wollten. Allerdings lag dies fast immer daran, dass sie so - mit Schmerzen, in Einsamkeit, usw. - nicht weiterleben wollten. Wir sollten uns also darum bemühen, diese Ursachen zu beheben, und wieder etwas Respekt vor der Bandbreite des Lebens und davor haben, dass wir nicht alles bis ins kleinste Detail vorherbestimmen können. Vielleicht sollten wir damit beginnen von dem Wahn ewig jung und schön sein zu müssen Abstand zu nehmen und wieder ein Altern in Würde schön zu finden.

Christof Oswald
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[09.02.2012, 17:53:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sorge um das Arzt-Patienten-Verhältnis
Von Tod und Sterben gezeichnete Patientinnen und Patienten verspüren unter einer subjektiven bzw. objektiven Belastungsgrenze und Überforderung den Wunsch nach Endlichkeit, nach Abschied und Erlösung von ihrem Dasein. Doch leider viel zu selten kann dieser Wunsch verbal oder nonverbal konkludent geäußert, der Therapieabbruch und das Ende des Leidens eingefordert werden. Direkte Angehörige, vertraute H a u s- Ärztinnen und -Ärzte und die betroffenen Pflegepersonen sind dann auf Vermutungen, Ahnungen und Analogien angewiesen. Etwas, das kein außenstehendes "Sterben auf Rädern"-Team zu leisten im Stande ist. Der vermeintliche Wille der Patienten muss reflektiert, hinterfragt und gefunden werden.

Empathie und Arbeitsfähigkeit wird beim "positiven" Helfersyndrom über objektiv und subjektiv empfundene Entlastung oder Linderung, wie infaust die Prognose der Schutzbefohlenen auch sein mag, gefördert. Ohne positive Rückmeldungen läuft jeder Helfer Gefahr, in Frustration, Resignation und Aggression zu geraten. Der Wunsch der Sterbenden kollidiert dann mit dem professionellen Selbstverständnis. Destruktive Impulse müssen ausgehalten bzw. erkannt werden, wenn Sterbende nach Erlösung verlangen.

Unser Rechts- und Wertesystem soll zuallererst das "Mensch-Sein" als Mosaik vielschichtiger Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Sexualität und Liebe, Hass und Abneigung, Freude und Glück, Krankheit und Gesundheit reflektieren. Da treffen Glaube, Hoffnung, Liebe zusammen mit Solidarität und Verantwortung. Im Spannungsbogen von Geburt, Leben, Sterben und Tod gibt es das Prinzip "Liebe" (Neues Testament), das Prinzip "Verantwortung" (Hans Jonas) und das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch).

Wilder Aktionismus mit aktiver Sterbehilfe, assistiertem Suizid und Erlösungspflicht will dazu m. E. nicht so recht passen. Eher doch "Loslassen"?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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