Ärzte Zeitung, 20.11.2012

Sterbehilfe

Talkshow mit Dilemma

Positionen, die aufeinanderprallen - das ist ein Talkrunden-Konzept. Passt eine Diskussion zur Sterbehilfe hier hin? Eine TV-Kritik.

Von Anja Krüger

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Die Gesprächsrunde bei "hart aber fair" am Montag: (von links) Urologe Dr. Uwe-Christian Arnold, Unternehmensberater Walter Bolinger, Henning Scherf (SPD), Palliativmedizinerin Dr. Barbara Schubert, Kapuzinermönch Bruder Paulus und Moderator Frank Plasberg.

© Oliver Ziebe / WDR

KÖLN. Eine existenzielle Frage: Ist es ärztliche Fürsorge, wenn Ärzte Menschen mit einem ausgeprägten Todeswunsch beim Sterben helfen, oder ist es das genaue Gegenteil?

Wie auch immer die Antwort ausfällt - sie hat eine ungeheure Wucht. Die ethische Last scheint viel zu schwer zu sein für eine Talkrunde, die wie Frank Plasbergs "hart aber fair" auf Konfrontation angelegt ist.

Als Teil der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" diskutierten seine Gäste am Montag über die Frage "Mut zur Menschlichkeit oder Mord - darf ein Arzt beim Sterben helfen?"

Immerhin 76 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass Ärzte das dürfen sollen, zeigt eine Umfrage. Bei Moderator Frank Plasberg sind die Gegner in der Überzahl: Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD), die Palliativmedizinerin Dr. Barbara Schubert und der Mönch Bruder Paul lehnen Sterbehilfe strikt ab.

Befürworter sind der Arzt Dr. Uwe-Christian Arnold und der Schweizer Unternehmensberater Walter Bolinger, dessen an Alzheimer erkrankteFrau sich mit professioneller Unterstützung das Leben nahm.

Das Streitgespräch offenbart rasch ein Dilemma: Das Thema ist für die Runde ungeheuer schwierig, eigentlich zu vielschichtig. Und trotzdem: Genau in so eine Sendung gehört es.

Eine viel gesehene Gesprächsrunde ist der richtige Ort, um die verschiedenen Positionen aufeinander prallen zu lassen. "Wir müssen das Thema aus der Grauzone holen", fordert der Arzt Arnold. Dazu ist eine breite gesellschaftliche Diskussion nötig.

Die vor der Talkrunde ausgestrahlte Reportage "Sie bringen den Tod. Sterbehelfer in Deutschland" hatte eindrucksvoll auf das Thema hingeführt. Hier kommen Patienten mit Todeswunsch, ihre Angehörigen und Ärzte zu Wort.

Befremden über Sterbehelfer

Die Filmemacher begleiteten Arnold, der mehr als 250 Menschen beim Sterben geholfen haben will. Arnold ist nicht gerade ein Sympathieträger. Er vertritt seine Botschaft, dass Menschen ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben haben.

BÄK-Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery ist strikt gegen ärztlich assistierte Sterbehilfe. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Deutsche Ärztetag 2011 den ärztlich assistierten Suizid berufsrechtlich verboten hat.

Strafrechtlich wird Beihilfe zum Suizid aber nicht verfolgt. Montgomery wünscht sich, dass ein höchstrichterliches Urteil diesen Widerspruch klärt.

"Für mich ist es eine entscheidende Kernfrage, ob ein Obergericht sagt: Die Ärzte dürfen in ihrer eigenen Berufsgerichtsbarkeit sich härtere Grenzen auferlegen, als die Allgemeinheit auferlegt bekommen hat, oder nicht", sagt er im Film.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) stellt das berufsrechtliche Verbot infrage: "Ärzte müssen ihrem Gewissen unterworfen sein."

Talkgast Henning Scherf ist befremdet über Sterbehelfer wie den Arzt Arnold. Er erinnert an die Verbrechen der Nazis. Er fürchtet einen Dammbruch, wenn die Sterbehilfe enttabuisiert wird.

Scherf verweist wie die Ärztin Schubert immer wieder auf die Möglichkeiten der Palliativmedizin als Alternative zur Sterbehilfe. Ob sie das ist oder nicht: Auf jeden Fall muss die Versorgung Schwerstkranker verbessert werden.

Nur bei Menschen, die medizinisch und sozial gut versorgt sind, können Ärzte davon ausgehen, dass ihr Todeswunsch aus freien Stücken entstanden und nicht das Resultat von vermeidbarer Not ist.

[21.11.2012, 15:57:48]
Lutz Barth 
BÄK sollte sich einer ethischen Grundsatzdebatte stellen!
Mit der Verlaub: Der Kurzkommentar v. Herrn Dr. Schätzler muss zum nachhaltigen Widerspruch führen, auch wenn angesichts der in seinem Kommentar zum Ausdruck kommenden Botschaften es wohl keinen Sinn macht, ihm zu raten, gelegentlich in sich zu gehen und darüber nachzudenken, über was wir hier philosophieren!

Es geht nicht darum, höchst individuelle Wertentscheidungen in einer Mission besonderer Art zu einer allgemeinen Richtschnur zu erheben, sondern schlicht sich des hohen Ranges nicht nur des Selbstbestimmungsrechts der Patienten, sondern auch der Gewissensfreiheit der Ärzteschaft bewusst zu werden. Dass in einem Wertediskurs hierauf beharrt wird, sei es nun von Unternehmensberatern, Sterbehilfeaktivisten oder Juristen, ist nicht nur legitim, sondern angesichts der in unserem Grundgesetz niedergelegten und damit verbürgten Wertekultur einschließlich der damit verbundenen Implikationen mehr als nur erfreulich, geht es doch im Kern um die Bewahrung der uns allen eingeräumten Freiheitsrechte.

Eine noch so eloquent vorgetragene Rede mit ihren empathischen Zügen vermag hieran rein gar nichts zu ändern, außer der vielleicht hieraus zu ziehenden Erkenntnis, dass Ärzte resp. Ärztefunktionäre sich sicherlich nicht ein gutes Zeugnis ausstellen, wenn sie die unterschiedlichen moralischen und ethischen Wertevorstellungen ihrer Kolleginnen und Kollegen auch mit Blick auf die höchst individuelle Arzt-Patienten-Beziehung nicht zu akzeptieren bereit sind.

Im Übrigen sei es gestattet, darauf hinzuweisen, dass der Kommentator bei seiner „Klage“ gegen die „Kultur des Todes“ und der Seligsprechung einer vermeintlichen medizinischen Humanität völlig außer Acht lässt, dass gerade aus intraprofessioneller Perspektive sich nachhaltiger Widerspruch gegen den ethischen Kurs insbesondere der BÄK regt. Es sind beileibe keine juristisch-perseverierenden Experten oder sonstige Götterboten der ärztlichen Suizidbeihilfe, sondern vornehmlich Ärzte und Medizinethiker aus den eigenen Reihen, die die Ethik etwas breiter zu diskutieren beabsichtigen, als derzeit die BÄK es beabsichtigt.

Anderenorts habe ich bereits darauf hingewiesen, dass es eigentlich nicht nachvollziehbar ist, warum sich die bei der BÄK angesiedelte Zentrale Ethikkommission nicht öffentlich positioniert. Liegt es etwa daran, dass renommierte Mitglieder dieser Kommission eine diametral entgegengesetzte Auffassung vertreten, u.a. auch der Vorsitzende? Neben der kulturellen Reflexion erscheint es also dringend geboten, den Standard einer Wissenschaft, namentlich auch der Ethik, zunächst einmal zu wahren, um so einen der wichtigsten Diskurse jenseits von „Glaubensbotschaften“ oder individuellen Gewissensentscheidungen hinreichend reflektieren zu können.

Zu welcher Gruppe wollen wir denn die Damen und Herren, namentlich Schöne-Seiffert, Birnbacher, de Ridder, Wiesing, Vollmann etc. denn zählen? Sind sie Apologeten einer Kultur des Todes oder ringen diese Damen und Herren vielleicht um einen ethischen Standard, der – dies mag nun in manchen Ohren nicht nur hart, sonder vielleicht arrogant klingen – zum zentralen Inhalt zumindest auch das Toleranzprinzip erhebt, welches für einen aufgeklärten Juristen letztlich eine verfassungsrechtliche Binsenweisheit darstellt?

Ich denke, die BÄK – allen voran diejenigen Funktionäre, die sich in besonderer Weise für die ethisch fragwürdige Verbotsnorm eingesetzt haben – sollten sich einem Diskurs stellen, von dem ich meine, dass er seine zentralen Vorgaben ausschließlich aus der Verfassung erhält. Ethik, also auch eine solche der Arzt- oder Medizinethik bricht eben nicht Verfassungsrecht, so wie eben auch das ärztliche Berufsrecht sich an den normativen Vorgaben mit all seinen Implikationen u.a. an den Gewährleistungsbereichen unterschiedlicher Grundrechte messen lassen muss.
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[21.11.2012, 13:53:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sterbehilfedebatte - "hart aber fair"!
„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen“ … und „Loslassen“! Das sind meine hausärztlich-medizinischen Kernkompetenzen! Und ich weiß im Gegensatz zu selbsternannten juristisch-perseverierenden Experten, Unternehmensberatern, Aktivisten der aktiven Sterbehilfe und Vertretern des ärztlich assistierten Suizids bzw. auch manchen Fernsehjournalisten, wovon ich rede. Meine ganze professionelle Sozialisation in Klinik, Forschung und Praxis, meine privat- und vertragsärztliche Tätigkeit bzw. meine kulturelle Reflexion beziehen sich auf diese zentralen humanmedizinischen Themenkomplexe. Niemand kann und darf mir aufzwingen, während ich mit Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Therapie, Palliation und Prävention beschäftigt bin, g l e i c h z e i t i g darüber nachzudenken, wann und wie ich meine todkranken Patienten am besten um die Ecke bringen könnte.

Es ist eine typische Vermeidungsstrategie und klassische Angstabwehr, wenn es ums Sterben geht, nicht nach Autonomie und Eigenverantwortung zu streben, sondern konflikthaftes Erleben der Sterblichkeit zu externalisieren: Der (fremde) Arzt soll mit ärztlich assistiertem Suizid oder aktiver Sterbehilfe auf eigene Verantwortung das tun, wozu Betroffene oder Dritte nicht willens oder nicht im Stande sind. Um sich bloß nicht mit Sterben, Tod, und Vergänglichkeit auseinandersetzen zu müssen, werden untaugliche Analogien aus waidmännischen und veterinärmedizinischen Bereichen gezogen. Der Fangschuss, der Gnadentod, die Erlösungspflicht von unzumutbarem Leiden oder Behinderung werden bemüht, sind aber der Bewusstheit, der Erlebenswelt und dem Tötungs- bzw. Willkürverbot in der „Conditio humana“ wesensfremd.

Von Ärztinnen und Ärzten statt Linderung und Palliation als zusätzliche Tätigkeitsmerkmale verpflichtend aktives Beschleunigen und Eingreifen in den Sterbevorgang bei ihren (prä)finalen Patienten zu erwarten ist abwegig. Niemand käme auf die Idee, von Feuerwehrleuten mit ihrem professionellen Motto: "Retten – Bergen – Löschen – Schützen" zu verlangen, Brand- oder Unfallopfer mit infauster Prognose einfach liegen und sterben zu lassen bzw. ihr Leiden aktiv zu verkürzen.

So hart dies in manchen Ohren klingen mag, es musste einmal ausgesprochen werden. Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[21.11.2012, 09:30:10]
Lutz Barth 
BÄK sollte externen Sachverstand einbinden!
Der Präsident der BÄK bekräftigt erneut seine ablehnende Haltung zur ärztlichen Suizidassistenz.

„Für mich ist die entscheidende Kernfrage, ob ein Obergericht sagt, die Ärzte dürfen sich in ihrer Berufsgerichtsbarkeit härtere Grenzen auferlegen, als die Allgemeinheit, oder nicht“, so der Präsident der BÄK.

Es ist daran zu erinnern, dass erst unlängst das Verwaltungsgericht Berlin deutlich darauf hingewiesen hat, dass bei einer einschlägigen berufsrechtlichen Regelung sowohl das Grundrecht der Berufsfreiheit als auch die Gewissensfreiheit der Ärzte einschlägig sind.

Nun ist es kein offenes Geheimnis, dass der Präsident der BÄK dem Urteil des VG Berlins nicht die Bedeutung beimisst, wie es vielleicht anderenorts geschieht. Gleichwohl ist allerdings unverkennbar, dass hier mit Blick auf die Grundrechte der insoweit vom Verbot der ärztlichen Suizidassistenz betroffenen Ärzte ein Diskussionsbedarf besteht, der nicht dadurch ausgeblendet werden sollte, in dem man/frau auf eine Entscheidung eines „Obergerichtes“ zuwartet.

Mit der entsprechenden Verbotsnorm in § 16 Ä-MBO als sog. Musterberufsregelung werden grundlegenden Verfassungsrechtsfragen aufgeworfen, die auch ohne eine Gerichtsentscheidung einer Klärung zugeführt werden können. Hierzu mag die BÄK profunden Sachverstand einbinden und eine Expertise erstellen lassen.

Es steht der BÄK nicht gut zu Gesichte, angesichts der aufgeworfenen und vor allem der in Fachkreisen diskutierten grundlegenden Rechtsfragen einfach die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu setzen, dass irgendwann einmal ein staatliches Obergericht zur Entscheidung berufen ist.

Mit Verlaub: Ständeorganisationen haben auch die Grundrechte ihrer Mitglieder zu wahren, zumal, wenn es sich etwa – wie bei dem Grundrecht auf Gewissensfreiheit - um ein Recht handelt, welches zunächst vorbehaltlos gewährleistet ist. Insofern muss schlicht von der BÄK erwartet werden, dass diese offensichtlich in Ermangelung hinreichender verfassungsrechtlicher Kenntnisse externen Sachverstand einbindet, um so die neuralgischen Punkte in der Diskussion im Interesse ihrer Kolleginnen und Kollegen abklären und tunlichst verfassungskonform befrieden zu können.

Ungeachtet dessen geht es nicht um die „härteren Grenzen in der Berufsgerichtsbarkeit“, sondern einzig um die verfassungsrechtliche Würdigung einer satzungsautonomen Regelung in ihrer grundrechtsbegrenzenden Wirkung!

Der berühmte Facharztbeschluss des BVerfG gibt hierüber beredt Auskunft und es wäre sicherlich schon viel gewonnen, wenn dieser Beschluss in seiner vollen Tragweite auch von ranghohen Ärztefunktionären erfasst wird, die da meinen, stellvertretend für die gesamte Ärzteschaft mit einem entsprechenden „Wir…“ eine höchst bedeutsame individuelle Gewissensentscheidung gleichschalten zu können!

Abermals mit Verlaub: So geht das einfach nicht, Herr Präsident Montgomery! Im Interesse einer verfassten Ärzteschaft mit der prinzipiell eingeräumten Satzungsautonomie sollte es ein vordringliches Anliegen sein, auch rechtethische Standards zu wahren, ohne zwar ohne konkrete Aufforderung durch ein „Obergericht“!
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