Ärzte Zeitung, 12.02.2013

Belgien

Sterbehilfe auch für Minderjährige?

In Belgien gibt es Pläne, die aktive Sterbehilfe auszudehnen - und zwar auf Jugendliche ab 15 Jahren und Demenzkranke.

Sterbehilfe auch für Minderjährige?

Belgiens Premierminister Elio di Rupo ist für eine Freigabe der aktiven Sterbebegleitung auch für Jugendliche.

© Olivier Hoslet / epa / dpa

KÖLN. Am 20. Februar beginnt im belgischen Senat eine Anhörung, die weitreichende Konsequenzen haben kann. Auf dem Prüfstand stehen Vorschläge, die seit zehn Jahren in Belgien erlaubte aktive Sterbehilfe auf Minderjährige und an Demenz Erkrankte auszudehnen.

40 Experten, darunter viele Ärzte, sollen zunächst zu der Frage Stellung nehmen, ob die Altersgrenze von 18 auf 15 Jahre gesenkt oder komplettabgeschafft werden soll.

Die wallonische sozialistische Partei des belgischen Premierministers Elio Di Rupo plädiert für eine Freigabe der aktiven Sterbehilfe für alle Patienten, die - unabhängig von ihrem Alter - die ausreichende Urteilsfähigkeit für einen solchen Schritt haben, unheilbar krank sind und an unstillbaren Schmerzen leiden.

Andere Gesetzesinitiativen zielen auf ein Mindestalter von 15 Jahren ab.

Krebs war häufigster Grund für den Sterbewunsch

2012 sind in Belgien 1432 Menschen infolge aktiver Sterbehilfe gestorben, also 26,3 Prozent mehr als 2011. 1055 oder 74 Prozent der Patienten litten der "Commission fédérale de contrôle et d‘évaluation de l'euthanasie" zufolge an Krebs, bei 52 waren neurologische Erkrankungen der Grund für den Sterbewunsch.

Die meisten Betroffenen starben zu Hause, 45 Prozent im Krankenhaus.

Flamen und Wallonen, die sich oft unversöhnlich gegenüberstehen, unterscheiden sich auch in der Inanspruchnahme der aktiven Sterbehilfe: Von 1432 nach aktiver Sterbehilfe Gestorbenen waren 1156 Flamen und 276 Französischsprachige. (iss)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Legalisierter Tabubruch?

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[17.02.2013, 14:24:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Reiner Utilitarismus?
Das hat m. E. nichts mehr mit Humanmedizin und ärztlichem Handeln zu tun. Wenn Staaten innerhalb der EU eigene Gesetzesinitiativen auf den Weg bringen wollen, die Euthanasie als aktive, vorsätzliche Sterbehilfe legalisieren, ausweiten und organisieren sollen, müssen diese Länder auch eigenständige Berufs- und Tätigkeitsbeschreibungen für deren Vollzug auf den Weg bringen.

Und sollte auch nur der Hauch des Verdachts bestehen, dass Demenzkranken oder Minderjährigen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung genommen bzw. über ihre Köpfe hinweg nach reinen Nützlichkeitserwägungen willkürlich über ihre Rechte auf Leben und in Ruhe Sterben entschieden würde, wäre dies ein Fall für den Europäischen Gerichtshof (EuGH) der EU in Luxemburg und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) des Europarates in Straßburg.

Unabhängig von weiteren Entwicklungen ist die in Belgien neben anderen essenziellen Bedingungen für die aktive Sterbehilfe geforderte "ausreichende Urteilsfähigkeit" der in Frage kommenden Patienten mit schwerer Demenzerkrankung ein waghalsiger Widerspruch. Die krassen Unterschiede bei der Inanspruchnahme der aktiven Sterbehilfe zwischen Flamen (60% der Bevölkerung) und Wallonen (40%) sind im Übrigen hochgradig verdächtig für einen eher sozialpsychologisch determinierten, subtilen Selektionsdruck, dem sich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Belgien ausgesetzt sehen könnten und unterstreicht den Vorwurf eines möglicherweise utilitaristischen Populismus.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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