Ärzte Zeitung, 24.10.2014

Sterbehilfe-Debatte

Neue Publikation bietet Überblick

Das Frankfurter Forum widmet sich in einer neuen Publikation in interdisziplinärer Perspektive dem Thema Sterbehilfe und Palliativmedizin.

FRANKFURT/MAIN. Im Bundestag gewinnt die Debatte über Sterbebegleitung und verschiedene Formen der Sterbehilfe an Fahrt, Konturen einer möglichen Gesetzesänderung sind noch unscharf. Zeit, sich der Grundlagen dieses vielschichtigen Themas zu vergewissern.

Einen Beitrag dazu leistet das im Springer Medizin-Verlag neu erschienene Heft 10 in der Reihe "Diskurse" des "Frankfurter Forums für gesundheits- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen" mit dem Titel "Selbstbestimmt leben, in Würde sterben".

Es versammelt Beiträge aus interdisziplinärer Perspektive und beleuchtet Facetten des Themas aus theoretischer wie praktischer Perspektive. So weist etwa der in Frankfurt lehrende Moraltheologe Professor Josef Schuster auf die Bedeutung existenzieller und spiritueller Fragen in der Sterbebegleitung hin.

Schuster warnt davor, das Prinzip der Selbstbestimmung in Opposition zum Prinzip der Fürsorge zu setzen.

Kein "Sterbehilferecht" in Deutschland

Der in Köln lehrende Staats- und Verwaltungsrechtler Professor Wolfram Höfling erinnert daran, dass es ein "Sterbehilferecht" im Sinne einer systematischen normativen Ordnung in Deutschland nicht gibt.

Höfling betont, ein Integrität wie Selbstbestimmung gleichermaßen sicherndes Recht sei eine notwendige Voraussetzung, um die Bedingungen für ein Leben und Sterben in Würde zu gestalten - keine hinreichende Bedingung.

Weitere Beiträge widmen sich den Herausforderungen und Defiziten in der palliativen Versorgung von Patienten - unter anderem mit Blick auf die notwendige Qualifizierung der Angehörigen verschiedener Gesundheitsberufe. Auch die Probleme der oft vor allem von ehrenamtlich Tätigen getragenen hospizlichen Versorgung in ländlichen Regionen werden erörtert.

Der Vorsitzende des Frankfurter Forums, Dr. Jürgen Bausch, erinnert aus der Erfahrung langjähriger ärztlicher Tätigkeit daran, dass "es immer wieder Situationen gegeben hat, wo sich die Ehrfurcht vor dem Leben dahin transformiert, den Tod des unheilbar Leidenden herbeizuwünschen".

Doch das "Grundvertrauen aller Menschen zum Arzt beruht auf seinem Auftrag des Heilens und Linderns von Krankheiten", erinnert Bausch. Wer diese Koordinaten zu Gunsten einer aktiven Sterbehilfe verändere, "unterminiert das Jahrtausende alte Fundament, auf dem der Arztauftrag basiert".

Die stellvertretende Vorsitzende des Frankfurter Forums und ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Gudrun Schaich-Walch, hebt hervor, dass "die Rechtsverbindlichkeit der Patientenverfügung der in unserer Verfassung verankerten Selbstbestimmung Geltung" verschaffe.

Was aber nicht verlangt werden könne, sei, dass ein Dritter zur aktiven Beendigung des Lebens herangezogen wird. "Diesen letzten Schritt muss jeder in eigener Verantwortung gehen", so Schaich-Walch. Veränderungen der geltenden rechtlichen Regelung zum Suizid - in welche Richtung auch immer - erscheinen Schaich-Walch "riskant". (fst)

[26.10.2014, 18:00:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Zum Thema Sterbehilfe und Palliativmedizin
gibt es fast eine Flut z. T. widersprüchlicher Informationen, Meinungen und Meinungsmache. Die problematische Grenzziehung zwischen Sterben-lassen beim Vorliegen einer Patientenverfügung, passiver und aktiver Sterbehilfe, ärztlicher Suizidassistenz bzw. "ärztlicher Freitodhilfe" à la Arnold und "Tötung auf Verlangen" nach § 216 StGB wird in Heft 10 in der Reihe "Diskurse" des "Frankfurter Forums für gesundheits- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen" mit dem Titel "Selbstbestimmt leben, in Würde sterben". fundiert erörtert und argumentativ erläutert (ein zweites Heft erscheint dazu 2015).

Wie isoliert Minderheitsmeinungen zur einfachen juristischen Freigabe der gesetzlich zulässigen Sterbehilfe-Formen, einschließlich sogenannter ärztlicher Freitodhilfe (Arnold), Suizidassistenz bzw. passiver und aktiver Sterbehilfe durch Vereine, Privatpersonen und/oder direkte Angehörige positioniert sind, zeigt die jüngste Äußerung des mir persönlich bekannten Verfassungsrechtlers Prof. Dr. jur. Udo di Fabio (Uni Bonn) und die Argumentationen des Kölner Staats- und Verwaltungsrechtlers Prof. Dr. jur. Wolram Höfling ("Ein „Sterbehilferecht“ oder gar ein „Sterberecht“ als eine systematische normative Ordnung eines bestimmten Lebensbereichs existiert (nicht nur) in Deutschland nicht").
http://frankfurterforum-diskurse.de/wp-content/uploads/2014/10/Heft_10_Vortrag_2.pdf

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[25.10.2014, 16:02:07]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
schon etwas vernünftiger!
Eine Diskussion was ein Arzt tun und lassen darf oder soll, kann nicht im "luftleeren Raum" stattfinden.
Abgeordnete, oder selbst ernannte Ethiker sollten das wissen und bitte berücksichtigen.
Der Arzt ist gebunden an die Berufsordnung seiner Kammer für die es auch eine (Muster-)Berufsordnung der Bundesärztekammer gibt.
Hier geht es schwerpunktmäßig um ärztliche Pflichten und Patientenrechte.
Und zum letzteren auch eine internationale Übereinkunft, die wir auch unterzeichnet haben,
bekannt als
"Deklaration von Lissabon zu den Rechten des Patienten"
(Weltärztebund, Oktober 1981 / September 1995)

Hierin kann man z.B. unter Punkt 4 c) wörtlich lesen:
"Ärzte sollten jedoch immer versuchen, das Leben eines nach einem Selbstmordversuch bewußtlosen Patienten zu retten." zum Beitrag »

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