Ärzte Zeitung, 13.03.2015

Sterbebegleitung

Da sein, um Schmerz und Freude zu teilen

Der Allgemein- und Palliativarzt Dr. Matthias Kreft betreut sterbenskranke Menschen. Eine seiner Kernaufgaben sieht er darin, mitfühlend den Schmerz seiner Patienten zu teilen - aber auch Momente der Freude mit ihnen zu genießen. Die "Ärzte Zeitung" hat ihn begleitet.

Von Christian Beneker

Da sein, um Schmerz und Freude zu teilen

Den Schmerz teilen: Hausarzt und Palliativmediziner Dr. Matthias Kreft und seine Palliativpatientin Frau E.

© Beneker

WESTERSTEDE. Regelmäßig verlässt der Allgemein- und Palliativmediziner Dr. Matthias Kreft aus Westerstede bei Oldenburg seine Praxis und besucht einige der etwa 20 sterbenskranken Menschen, die er im Palliativdienst Ammerland/Uplengen im Monat versorgt. Während er im Auto sitzt und über Land fährt, erklärt er seine Arbeit.

Etwas überspitzt meint er: "Ach, das bisschen Medizin, das wir machen!" Gewiss, auch das gehört zu den Grundsätzen des Palliativstützpunktes "Ammerland & Uplengen", denn Palliativversorgung heißt nicht, die Arbeit einzustellen.

Sondern: "Da ist noch viel, das getan werden kann und getan werden muss." Aber vor allem müsse der Arzt da sein, Sicherheit geben, mit den Sterbenskranken sprechen, meint Kreft.

Gabi Hildebrand sitzt lächelnd und sorgfältig gekleidet auf der Bettkante, ihre Schmerzpumpe auf dem Schoß. "Wir waren heute aus und haben gefrühstückt!", sagt sie und schaut auf ihre Tochter.

"Ich habe zwei Brötchen gegessen!" Kaum zu glauben, dass es der schwer kranken Patientin noch vor wenigen Tagen sehr schlecht ging. Kreft lässt sich auf ein Sesselchen in der Schlafzimmerecke sinken und guckt seine Patientin amüsiert an. "Issjadoll!"

Schon seit Jahren ist Hildebrand sehr krank. "In der letzten Woche dachten wir schon, sie geht", sagt ihre Tochter, die sich jetzt neben die Mutter gesetzt hat. Auf dem Bett liegt aufgeklappt ein Laptop.

Fotos der Kinder und Enkel und des Ehemannes hängen an der Wand. Auf dem Nachttisch türmen sich die Medikamentenschachteln.

Gabi Hildebrands äußere Welt ist auf ein paar Quadratmeter zusammengeschrumpft: Ein Bett, ein Sauerstoffgerät, Benzodiazepine, Antidepressiva und Morphin in Reichweite, die Möglichkeit, durchs Fenster nach draußen zu schauen, die Familie, die im Schlafzimmer ein und aus geht und die regelmäßige Begegnung mit einem Arzt des Palliativstützpunktes.

Kreft plaudert nur ein wenig, fragt nach der Medikation, nach Schmerzen, nach der Atemnot. "Heute ist alles gut", sagt Hildebrand.

Es geht um Empathie

Hilfe für Menschen in Trauer

Menschen in Trauer, die lernen müssen, mit Schmerz umzugehen, wenn ihre Liebsten gegangen sind – für sie bietet „Sturmlicht“ Hilfe. „Wir sind ein Team von sechs Mitarbeiterinnen“, sagt Leiterin Frauke Peters. „Wir betreuen zumeist Familien, die ein Mitglied verloren haben, also Vater oder Mutter oder ein Geschwisterkind.“

Ziel sei die Hilfe beim Abschiednehmen und beim Trauern. „Wir schauen das ganze System Familie an, also nicht das einzelne Geschwisterkind oder das einzelne Elternteil, wir bieten den Kindern Kunsttherapie in Gruppen und Einzelstunden und den Erwachsenen angeleitete Gesprächsrunden“, erläutert Peters.

In der Kunstschule „Abraxas“ in Westerstede etwa haben die Kinder einen Raum ganz für sich allein. Die Eltern haben keinen Zutritt. Hier können die Kinder beim Malen, Töpfern und anderen kreativen Tätigkeiten ihrer Trauer begegnen.

Parallel dazu haben die begleitenden Angehörigen die Möglichkeit, im angeleiteten Gespräch ebenfalls ihrer Trauer Raum zu geben. Hausbesuche und Beratungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von „Sturmlicht“.

Frauke Peters hat die Erfahrung gemacht, dass die Erwachsenen an der „doppelten Trauer“ leiden: Sie haben den Ehepartner verloren und müssen sich auch von einem gemeinsamen Lebensplan verabschieden.

Zugleich erleben sie ihre Kinder, wie sie um Vater oder Mutter trauern. Beides müssen die Erwachsenen auszuhalten lernen. „Wir bieten einen Raum, in dem sie nicht funktionieren müssen, sondern in dem sie sich selbst einmal in den Fokus nehmen dürfen und ihrer Trauer begegnen können“, erläutert Peters.

Hilfe gibt es aber auch bei praktischen Dingen, etwa beim Antrag auf Waisen- oder Witwenrente. Beide, Eltern und Kinder, empfinden es als heilsam, mit Menschen zusammen zu sein, die ein ähnliches Schicksal haben. „Sturmlicht“ beschäftigt drei Kunsttherapeutinnen, muss Miete und Material bezahlen und hat regelmäßige Supervisionen.

„Zusammen mit dem Hospizdienst Ammerland und dem Förderverein des Palliativstützpunktes können wir dieses Angebot an die betroffenen Familien geben“, erläutert die Leiterin. „Trauerarbeit wird nicht von den Krankenkassen unterstützt und finanziert sich somit auch aus Spenden.“

Man kann eine Menge tun, um Angst und Schmerzen und Atemnot zu lindern. Aber erfahrene Sterbebegleiter wissen, dass es vor allem darauf ankommt, mitfühlend den inneren Schmerz ihrer Patienten zu teilen.

Oder die Freude, so wie jetzt. Für ein Foto setzen sich die Patientin und ihr Arzt auf die Bettkante. Sie strahlen.

Die Bedürfnisse der Patienten und ihrer Familien sind sehr unterschiedlich, berichten die Koordinatorinnen der Palliativdienste, Heike Brunken und Bianca Thümler.

Auch Haik Westendorf vom Palliativstützpunkt Landkreis Oldenburg/Delmenhorst gehört dazu. Bevor die medizinische Versorgung im Haus der Sterbenden beginnen kann, besucht eine der Koordinatorinnen deshalb den Patienten, um den Bedarf zu ermitteln.

"Wir schauen, wie die Situation vor Ort ist", sagt Thümler. "Wie ist der Patient eingestellt? Welcher Pflegedienst kommt ins Haus? Welche Medikation braucht der Patient? Gibt es Hilfsmittel? Brauchen die Angehörigen Unterstützung? Und so weiter."

Manche Patienten wollen unbedingt auf der Wohnzimmercouch liegen bleiben "oder in ihrem Sessel sterben" sagt Brunken. "Dann pflegen wir eben im Sessel." Der Patientenwille zählt.

Manche Angehörige sind sehr mitgenommen von der Situation, dann schicken die Koordinatorinnen den Hospizdienst, der Begleitung und Gespräche anbietet.

"Arbeit auf Augenhöhe"

Die drei sind speziell ausgebildete Arzthelferinnen und Krankenschwestern und halten eine 24-Stunden-Rufbereitschaft vor. Jeder Einsatz läuft über ihren Schreibtisch. Sie entscheiden, ob Arzt oder Pflegedienst auf einen Notruf reagiert.

"Das ist Arbeit auf Augenhöhe", sagt Haik Westendorf. "Völlig anders als in der Praxis oder im Krankenhaus."

Kreft betritt eines der vielen Siedlungshäuser, die in den 50er Jahren einmal für die vielen Kriegsvertriebenen an den Rändern vieler westdeutscher Kleinstädte gebaut wurden.

Drinnen ist es, als hätte sich seither kaum etwas verändert, abgesehen von dem großen Flachbildschirm, der schwarz am Fußende des Bettes von Frau E. steht.

Der Wohnzimmertisch ist übersät mit Medikamentenpackungen, Schnabeltassen, Zeitungen, Kanülen, Besteck, Tellern. Auf dem Nachttisch stapeln sich Bücher. Durchs Fenster fällt das Februarlicht.

Frau E. liegt mit angezogenen Beinen in ihrem Bett, ein Sauerstoffschlauch erleichtert ihr das Atmen. Zu beiden Seiten ihres Kopfkissens liegen Stofftiere. Der Kopf von Frau E. ist zur Seite gesunken, die Hände sind wie bei einem Baby hochgezogen.

Erstaunt und nach innen gekehrt schaut sie ihren Hausarzt an, der sich jetzt auf ihre Bettkante gesetzt hat. "Jetzt muss ich doch sterben", sagt sie mit hoher, schwacher Kinderstimme, man versteht sie kaum.

Frau E. leidet an Krebs. Kreft hatte im Auto noch überlegt, was eigentlich der Primärtumor war. Ganz sicher ist er sich nicht. Jetzt sind an der linken Schulter auch Hautmetastasen aufgetreten.

Ein Waschlappen bedeckt die Wunden. "Es geht Ihnen heute gar nicht gut", sagt Kreft halb fragend halb feststellend. "Nee."

Seit 2009 arbeitet der Palliativstützpunkt "Ammerland & Uplengen" mit Sterbenden auf Basis der spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV).

2011 ist der Landkreis Oldenburg/Delmenhorst mit eigenem Koordinationsbüro dazu gekommen. Angefangen hat es, als das Arztnetz "pleXxon" 2008 die SAPV aufbaute und seither beide Stützpunkte organisiert.

Unterstützt wurde das Ganze vom Land Niedersachsen, das an vielen Stellen half, Palliativstützpunkte aufzubauen. So auch hier.

Palliativärzte mit Rufbereitschaft

Im Jahr 2013 versorgten am Stützpunkt "Ammerland & Uplengen" die insgesamt acht Palliativärzte mit Rufbereitschaft und 22 kooperierenden Palliativmediziner, zumeist Hausärzte, bereits 359 Menschen, davon 148 im Hospiz gleich neben der Ammerland-Klinik in Westerstede, mit dem der Dienst zusammenarbeitet.

Immer wieder betont Kreft die Vernetzung der Versorgenden als Grund für den guten Erfolg des Palliativdienstes: die Pflegedienste, Apotheken, der ambulante Hospizdienst Ammerland, Hausärzte, Pfarrer, das Ammerland-Hospiz, die Ammerlandklinik mit Palliativstation, eine Psychologin.

Seit 2013 ist das bundesweit erste ambulante Ethikkomitee als ergänzendes Gremium für schwierige Entscheidungen mit 20 ehrenamtlichen Mitgliedern auch aus nichtmedizinischen Berufszweigen integriert.

"Einmalig in Deutschland" nennt Kreft diese Kombination. Von den 211 durch den Palliativdienst daheim versorgten Patienten mussten nur 29 ins Krankenhaus und nur nun neun von ihnen starben dort. Durchschnittlich dauert die Versorgung 27 Tage.

Heute können 90 Prozent der eingeschriebenen Patientinnen und Patienten durch die Arbeit der Dienste ihrem Wunsch gemäß zuhause sterben, berichtet Kreft.

Für seine Arbeit hat der Dienst 2014 den mit 10 000 Euro dotierten Gesundheitspreis des MSD für besonders gute patientenzentrierte Versorgung bekommen.

Am Bein von Frau E. hat sich eine schmerzende Wunde geöffnet. "Da müssen wir was machen!", sagt Kreft. Auf dem Weg zum nächsten Patienten wird er die Koordinatorinnen des Palliativdienstes anrufen und sie bitten, einen Besuch des Pflegedienstes zu organisieren.

 Jetzt versucht er, ihr Bein möglichst schmerzfrei zu lagern. Frau E. schaut angstvoll an die Decke. Kreft sitzt eine Zeit lang schweigend am Bett der alten Dame.

"Sie sind ganz traurig heute."

"Ja."

"Glauben Sie, Ihr Leben geht einfach so zu Ende, und dann sind Sie weg?"

"Ja."

"Das glaube ich nicht!"

Lesen Sie dazu auch:
Interview: "Palliativ versorgt? Durch Zufall eigentlich"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »