Ärzte Zeitung online, 06.11.2015

Kommentar zur Sterbehilfe

Rechtsfrieden gesucht

Von Florian Staeck

Eine vornehme Aufgabe von Gesetzen besteht darin, Rechtsfrieden zu stiften. Das Gesetz zur "Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" hat ein klares Votum des Bundestags bekommen.

Dass Rechtsfrieden einkehrt, gilt aber als unwahrscheinlich. So frei von Gepolter die Debatte gewesen sein mag - in den Reaktionen von Politikern und Verbänden, die gegen ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe gekämpft haben, schwingt Bitternis mit.

Tatsächlich wird das Gesetz, mit dem Sterbehilfevereine an die kurze Leine gelegt werden, nicht den Endpunkt der Debatte markieren. Zu deutlich sind die Zweifel geworden, ob der Gesetzgeber sich nicht besser in Selbstbescheidung üben sollte.

Es wird genau zu beobachten sein, ob, und wenn ja welche Risiken und Nebenwirkungen es hervorruft, wenn das Parlament versucht, mit Strafnormen den Verlauf der letzten Lebensphase zu normieren.

Ob eine Kriminalisierung von in der Sterbebegleitung tätigen Ärzten zu befürchten ist, darüber sind Ärzte und Ärzteverbände genauso uneins wie die übrige Gesellschaft.

Was bleibt nach 18 Monaten des parlamentarischen Streits um die Suizidbeihilfe? In der weltanschaulich pluralen Gesellschaft ist Konsens über die letzten Dinge rar, ja unerreichbar.

Lesen Sie dazu auch:
Entscheidung ist gefallen: Bundestag legt Sterbehilfevereine an die Kette

[08.11.2015, 00:55:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der Deutsche Bundestag musste unbequeme Grenzen setzen!
Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages waren gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Denn alle Formen der aktiven Sterbehilfe und der Legalisierung eines "Eu-Thanatos", so respektabel und aufrichtig die Gründe dafür im Einzelnen auch sein mögen, entwickeln eine Eigendynamik:

Erst sind es die Sterbenden, die Finalen, die unerträglich mit Schmerz beladenen, die Komatösen, die mit der infausten Prognose, die Apalliker, die Tetraplegiker, die Suizidalen, die Lebensmüden, die Verzweifelten, die Depressiven, die Gestrauchelten und zuletzt die Andersdenkenden, die mit unserer Gesellschaft nicht klar kommen bzw. nicht mehr so in ihr weiter leben wollen oder können...

D a s ist meine persönliche Quintessenz aus der kurzen Zeit der Rückmeldungen aus der Schweiz, den Niederlanden, Belgien und Oregon/USA: Die Sterbehilfe-Kriterien weichen jetzt bereits auf. Und sollten sich kommerzielle-/gemeinnützige Hilfsorganisationen in Zukunft Sorgen machen, wenn der Zustrom Sterbewilliger abebbt, weil die Palliativ- und Schmerz-Medizin besser wird?

"Fangen die Tage an, mit mir zu streiten, sind die Grenzen längst gesetzt" (H. Grönemeyer). Das Gesetz zur "Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" hat ein klares Votum des Bundestags mit einer Grenzziehung bekommen: Professionell arbeitende Humanmediziner in Klinik und Praxis üben kein Geschäft und kein Gewerbe aus. Sie sind als "Professionals" in ihrer Berufsausübung geschützt. Deshalb müssen Landes-und Bundesärztekammer endlich auch eine klare Musterberufsordnung (MBO) in dieser Frage formulieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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