Ärzte Zeitung, 07.09.2011

Hintergrund

Mieser Umgang mit Angehörigen Sterbenskranker?

Der Bericht eines Rechtsanwalts über Willkür und unhaltbare Zustände bei der Genehmigung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung im Norden sorgt für Aufregung - die Krankenkassen wollen die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen.

Von Dirk Schnack

Mieser Umgang mit Angehörigen Sterbenskranker?

Trost für Schwerstkranke - Angehörige kümmern sich. Stellen sie einen Antrag auf SAPV, funktioniert das nicht immer reibungslos.

© Alabiso / imago

Niederträchtiger Umgang mit Wehrlosen oder beste Voraussetzungen für professionelle Betreuung in Geborgenheit - über den tatsächlichen Stand der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) im Norden gehen die Ansichten je nach Interessenslage weit auseinander.

Rechtsanwalt Dr. Peter Holtappels erhebt schwere Vorwürfe, die Kassen sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

"Niederträchtiger Umgang mit wehrlosen Versicherten"

"Mein Vater ist auch an Bronchialkrebs gestorben und hat keine SAPV gebraucht." Solche und ähnlich verletzende Aussagen von Kassenmitarbeitern gegenüber Antragsstellern für SAPV sind in einem Aufsatz Holtappels zu finden.

Darin berichtet er von einem zum Teil "niederträchtigen Umgang mit den wehrlosen Versicherten". Seine Erfahrungen hat er unter dem Titel "Die SAPV und die Krankenkassen in Norddeutschland" auf der Homepage der Palliativstation am Asklepios Westklinikum Hamburg veröffentlicht.

13 gerichtliche Maßnahmen im ersten Halbjahr 2011

Im ersten Halbjahr 2011 hat Holtappels für ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) und ein Hospiz in Schleswig-Holstein 13 Mal gerichtliche Maßnahmen ergriffen, nachdem Krankenkassen Patienten SAPV-Leistungen oder Hospizversorgung abgelehnt hatten.

Bis auf einen Fall erledigten sich laut Holtappels diese Streitigkeiten durch unverzügliches Anerkenntnis der Kassen. Nach seiner Einschätzung scheuen Kassen rechtliche Auseinandersetzungen zu diesem Thema. "Die wollen keinen Ärger", schließt er daraus.

Wer den Rechtsweg nicht einschlägt, bekommt allerdings nach seinen Erfahrungen die ihm rechtlich zustehenden Leistungen nicht immer. Darin sieht er eine Verletzung der den Kassen vom Gesetzgeber auferlegten Sorgfaltspflicht bei der Bearbeitung von SAPV-Ansprüchen.

Sachbearbeiter nicht ausreichend ausgebildet?

Holtappels kritisiert, dass Krankenkassen ihre Sachbearbeiter nach seiner Einschätzung nicht ausreichend für die Bearbeitung von SAPV-Ansprüchen ausgebildet haben. Auch stünden ihnen keine erfahrenen Palliativmediziner zur Beurteilung der komplizierten Sachverhalte zur Verfügung.

Immer wieder hat Holtappels nach eigener Darstellung erfahren, dass auch der MDK seine ihm vom Gesetz gezogenen Grenzen überschreitet, wenn Mitarbeiter etwa die Indikation des behandelnden Arztes ersetzen - denn gestattet ist dem MDK-Arzt lediglich die Kritik an der Indikation.

Holtappels Ziel ist eine Palliativversorgung nach dem Vorbild von Westfalen-Lippe. Die dortige Palliativversorgung hat nach Meinung von Experten das höchste Niveau in Deutschland.

Kassen weisen Kritik zurück

Die Krankenkassen weisen die Kritik zurück. "Keine Missstände im Bereich der SAPV in Schleswig-Holstein", teilten die AOK Nordwest und der Ersatzkassenverband mit. Die AOK spricht sogar von "besten Voraussetzungen, damit alle unheilbar kranken Menschen in Schleswig-Holstein auf Wunsch in der familiären häuslichen Umgebung professionell betreut und in Geborgenheit die letzte Lebenszeit mit ihren Angehörigen verbringen können."

Die Kassen verweisen auf geschulte Mitarbeiter, die sich in schwierigen Fällen Unterstützung vom MDK holen könnten. Anhaltspunkte für Holtappels Vorwurf, der MDK überschreite seine Grenze, sehen die Kassen keine.

vdek bestätigt Gerichtsverfahren

Die von Holtappels angeführten Gerichtsverfahren hat es nach Darstellung des vdek gegeben, weil ein Palliativnetz ohne Vertrag Leistungen erbracht hatte.

Hintergrund: Holtappels vertritt das Palliative Care Team Geesthacht, Lauenburg, Südstormarn (GLS), das kein Vertragspartner der Kassen ist. Die Versorgung in der Region stellt das Netzwerk Palliative Care im Kreis Herzogtum Lauenburg (PACE), eine Kooperation der Ambulanten Dienste von Wohlfahrtsverbänden, sicher.

In diesem Team sind im Gegensatz zum GLS keine niedergelassenen Ärzte engagiert. Nach Ansicht der Kostenträger hätte das von Holtappels vertretene Palliativnetz GLS die Versicherten an den Vertragspartner der Kassen verweisen sollen. 

Anpassungen vereinbart

Nach einer Evaluation der Verträge und Vergütungen in der SAPV haben die Krankenkassen mit den Vertragspartnern in allen acht Regionen Schleswig-Holsteins Anpassungen vereinbart, nach denen es nun angeblich weniger Meinungsverschiedenheiten gibt.

"Die Zufriedenheit der Vertragspartner hat sich dadurch merklich gesteigert", lautet die vdek-Einschätzung. Aber auch für vdek-Leiter Dietmar Katzer steht fest, dass Äußerungen von Kassenmitarbeitern, wie sie in Holtappels Aufsatz zitiert werden, nicht akzeptabel sind.

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