Ärzte Zeitung, 13.10.2011

Honorarforderungen liegen Lichtjahre auseinander

180 Prozent mehr Honorar? Nein, 1,15 Prozent, sagen die Kassen. Beim Streit über Honorare für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung liegen Kassen und Behandlungsteams sehr weit auseinander.

Von Christian Beneker

Honorarforderungen liegen Lichtjahre auseinander

Betreuung von Sterbenskranken: Für die Kassen stehen Pflege- und Unterstützungsleistungen im Vordergrund.

© Klaro

HANNOVER. Die Neuverhandlung der Honorare für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) in Niedersachsen stockt.

Die Seite der Leistungserbringer fordert nach Informationen der "Ärzte Zeitung" um 63 Prozent höhere Honorare.

Die Kassen bieten derzeit die Anpassung an die Grundlohnsumme: für das Jahr 2011 wären das 1,15 Prozent im kommenden Jahr 1,98 Prozent. Weiter könnten die Positionen nicht auseinander liegen. 

Mustervertrag 2009 vereinbart

Im Jahr 2009 wurde ein Mustervertrag vereinbart, der vier Pauschalen vorsieht: 100 Euro für das Eingangsassessment, 39 Euro Tagespauschale für die Beratungs- und Koordinationsleistung und 50 oder 65 Euro Einsatzpauschale als ärztliche Vergütung und eine Pflegepauschale zwischen 23 und 50 Euro, die je nach Aufwand bis zu drei Mal täglich berechnet werden kann.

Für die Leistungserbringer verhandelt eine mandatierte Gruppe. Sie fordert für das Eingangsassessment plus 180 Prozent, bei der Beratungsleistung rund plus 50 Prozent und bei der ärztlichen Vergütung plus 20 Prozent.

"Nach den Erfahrungen der zurückliegenden zwei Jahre hat sich gezeigt, dass das damals vereinbarte Honorar für eine Mischkalkulation von allgemeiner Palliativ-Versorgung und SAPV-Patienten reichen würde", erklärt Hausarzt und Mitglied der Verhandlungsgruppe Dr. Matthias Bernd aus Hannover.

Aufwand zu Beginn und am Schluss der Betreuung am größten

Aber wenn ausschließlich SAPV-Patienten betreut werden, verkürzt sich die Betreuungszeit. Nun ist der Aufwand zu Beginn der Betreuung und am Schluss am größten, und er könne nur durch die dazwischen liegenden Tage refinanziert werden, in denen zwar die Pauschale fließt, aber die Versorgung weniger intensiv sei.

Sinke die Gesamtbetreuungszeit, rutschen die Palliativ-Care-Teams bei der Finanzierung ins Minus, so die Argumentation.

BKK-Landesverband Mitte will evaluationsfähige Daten

"Die Forderung ist vollkommen überzogen", sagt Ilona Seeck-Arndt vom BKK-Landesverband Mitte der "Ärzte Zeitung". "Bevor wir die Forderungen diskutieren, brauchen wir evaluationsfähige Daten."

So sei unklar, wer im Eingangsassessment eigentlich berät und wie viel Zeit dies in Anspruch nimmt. So lange nicht belegt sei, wofür das Geld ausgegeben werde, könne man ein Plus von 63 Prozent der Versichertengemeinschaft nicht aufbürden.

Immerhin arbeiten derzeit 34 Palliativ-Care-Teams in Niedersachsen - so viele wie in keinem anderen Bundesland. 

"Angehörige müssen Kraft genug finden und Nerven behalten"

Für die Kassenseite ist das "Wesen der SAPV-Leistung", wie Seeck-Arndt sagt, vor allem die Unterstützung der Angehörigen durch die psychosoziale Begleitung des Palliativ Care Teams und durch die Pflegeleistungen.

"Bei Schmerzen, Panikattacken und Atemnot der Sterbenden müssen die Angehörigen Kraft genug finden und die Nerven behalten. Nur so kann SAPV ermöglichen, dass die Patienten zu Hause sterben, statt ins Krankenhaus eingewiesen zu werden", sagt Seeck-Arndt.

Bis 15. November müssen Leistungserbringer reagieren

Die Verhandlungsgruppe bilde solche Leistungen in ihren Forderungen aber kaum ab und verhandle "arztzentriert", so Seeck-Arndt. "Ich finde es befremdlich, dass zwar bei den ärztlichen Leistungen nachgefordert wird, nicht aber bei den Pflegeleistungen. Wir bieten die Grundlohnsummenanpassung für alle Leistungen."

Auf der Anbieterseite argwöhnt man, die Kassen spielten auf Zeit. Bis 15. November müssen die Leistungserbringer auf das Kassenangebot reagieren.

[14.10.2011, 09:01:27]
Dr. Peter Holtappels 
SAPV in Niedersachsen
Wenn man in Niedersachsen die Qualität der Palliativversorgung auf einen zeitgemäßen Stand bringen will, wird man nicht umhinkommen, das ganze dortige System zu überdenken. Dabei sollte man realisieren, dass es sich um juristische Regelungsmaterie handelt, weshalb man Juristen beiziehen sollte. Das ist bisher nicht geschehen. Der derzeitige Vertrag dient in juristischen Lehrveranstaltungen als Beispiel für juristisch- handwerkliche Inkompetenz. Die derzeitigen Verhandlungspartner scheinen auch nicht zu wissen, dass Versorgungsverträge nach §§ 132 ff SGB V dem Privatrecht unterliegen. Deshalb sind Vertragsinhalte "im freien Spiel der Kräfte" (BSG) auszuhandeln. Die Höhe der zur Zeit geltenden Vergütungen liegt erheblich unter der in anderen Kassenbezirken. Die Zahl von 33 PCTs dürfte im wesentlichen dadurch zustande kommen, dass die aus Landesmitteln finanzierten Palliativstützpunkte mitgezählt werden. Völlig neu, aber sehr zu begrüßen, ist, dass die Kassen einen Schwerpunkt der SAPV in der psychosozialen Betreuung der Patienten und der Angehörigen sehen. Dafür müssen dann aber auch Mittel bereit gestellt werden. Ceterum censeo: Kassen und Patienten schaut nach Westfalen-Lippe: Dort wird Palliativversorgung geleistet, deren Qualität die in jedem anderen Kassenbezirk übersteigt, weil sie jeder Palliativpatient auch tatsächlich erhält und das ohne Mehrkosten, weil die Einweisungen in Krankenhäuser von ca. 50 % auf 16 % abgesunken sind.  zum Beitrag »

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