Ärzte Zeitung, 15.07.2013

Behandlungsziele bei Depressionen

Arzt und Patient nicht auf einer Wellenlänge

Was ist besonders wichtig bei der Behandlung von depressiven Menschen? Diese Frage stellte das IQWiG Ärzten und Patienten. Das Ergebnis: Beide gewichten die Behandlungsziele recht unterschiedlich.

Von Ilse Schlingensiepen

Arzt und Patient nicht auf einer Wellenlänge

Patient und Arzt haben manchmal unterschiedliche Vorstellungen, was die Behandlung primär leisten soll.

© mangostock / fotolia.com

KÖLN. Wenn es um die Ziele einer Behandlung mit Antidepressiva geht, setzen Patienten deutlich andere Schwerpunkte als Ärzte.

Das zeigt ein Pilotprojekt zur Erhebung von Patientenpräferenzen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Um die Methode des Analytic Hierarchy Process (AHP) zu erproben, haben die Wissenschaftler strukturierte Interviews mit zwölf an einer Depression erkrankten Patienten und mit sieben Ärzten geführt.

In zwei getrennten Gruppen sollten sie jeweils einordnen, wie wichtig ihnen verschiedene Behandlungsendpunkte und -ziele im direkten Vergleich sind.

Einbezogen waren insgesamt elf Kriterien: Remission, Ansprechen auf die Therapie, Vermeidung eines Rückfalls, Verbesserung der sozialen Funktionsfähigkeit und der kognitiven Funktionsfähigkeit, Verringerung von Angst und Schmerz, Vermeidung von Suiziden, von sexuellen Funktionsstörungen und von sonstigen schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen.

Patienten wollen, dass es ihnen schnell besser geht

Ein wesentliches Ergebnis: "Während Patienten in einer akuten depressiven Episode bei der Behandlung mit Antidepressiva ein möglichst schnelles Ansprechen und eine Besserung des eigenen Zustands als absolut wichtigsten Endpunkt beschrieben, stellten die Experten eher das Ziel einer Remission und der Vermeidung eines Rückfalls in den Vordergrund", heißt es im jüngst veröffentlichten Arbeitspapier des IQWiG zu dem Pilotprojekt.

Bei den Patienten landet die Remission bei der Wichtigkeit erst auf Rang sechs, für die Ärzte wiederum kommt das Ansprechen auf die Therapie erst an fünfter Stelle.

Nach dem Ansprechen auf die Therapie haben für die Patienten die Verbesserung der kognitiven Funktionsfähigkeit und die Verringerung von Angst das größte Gewicht.

Bei den Ärzten folgen auf die Remission die Vermeidung eines Rückfalls und die Verbesserung der sozialen Funktionsfähigkeit.

Einig sind sich die beiden Gruppen aber in der Einschätzung, welches die sechs wichtigsten Behandlungsendpunkte sind und welchen fünf sie weniger Bedeutung beimessen.

Ein relativ geringes Gewicht schreiben beide Gruppen der Verringerung von Schmerz, den Nebenwirkungen, der Vermeidung von Suiziden und der Vermeidung sexueller Funktionsstörungen zu.

 

Bei vielen Krankheitsbildern würde eine solche Erhebung - mit anderen Kriterien - sicher eine höhere Übereinstimmung zwischen Patienten und Ärzten ergeben, erwartet IQWiG-Leiter Professor Jürgen Windeler. "Bei anderen wird man Überraschungen erleben."

Wichtig sei, dass man überhaupt herauszufinden versuche, was für Patienten wichtig ist.

Das Pilotprojekt soll die Frage klären, ob sich die Methode des AHP für die Erhebung von Patientenpräferenzen eignet.

In einem nächsten Schritt will das IQWiG zur Diskussion darüber anregen, ob und wie Patientenpräferenzen in die Nutzen- und in die Kosten-Nutzenbewertung einfließen sollen.

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