Ärzte Zeitung online, 26.07.2013

Deutsche Studie: Rauchen teurer als gedacht

Die medizinischen Folgekosten des Rauchens sind bisher offenbar systematisch unterschätzt worden. Deutsche Forscher kommen auf 31 Milliarden Euro Folgekosten. Doch die Studie hat Probleme.

Von Florian Staeck

Krankheitskosten durch Rauchen sind höher als gedacht

Wie hoch sind die medizinischen Folgekosten des Rauchens? Darüber sind Forscher unterschiedlicher Meinung.

© camera lucida / Fotolia.com

MÜNCHEN. Die medizinischen Folgekosten des Rauchens sind fast doppelt so hoch wie bisher angenommen. Das hat eine Studiengruppe des Instituts für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen am Helmholtz Zentrum München ermittelt (BMC Health Services Research 2013, 13:278).

Dabei haben die Wissenschaftler Daten von 3081 Bürgern im Alter von 25 bis 74 Jahren im Raum Augsburg erhoben - unter ihnen Raucher, ehemalige Raucher und Menschen, die nie geraucht haben.

Hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland verursachte Rauchen im Untersuchungsjahr 2008 nach Berechnungen der Forscher direkte und indirekte Folgekosten von 31,3 Milliarden Euro.

Die direkten - medizinischen - Kosten machten dabei 17,9 Milliarden Euro aus. Dieser Anteil ist in früheren Studien um rund die Hälfte niedriger beziffert worden.

Herkömmliche Studien gehen von amtlichen Statistiken beispielsweise zu Morbidität oder Krankheitskosten aus.

"Diese Top-down-Studien betrachten nur den Anteil der bekannten dem Rauchen zuzurechnenden Krankheiten", berichtet die Volkswirtin Margarethe Wacker, Mitarbeiterin am Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen.

Folgekosten wurden systematisch zu niedrig eingeschätzt

Viele Folgekosten werden in einem solchen Design nicht erfasst - Augenerkrankungen oder Osteoporose werden als Beispiele genannt. Insbesondere aber bei durch Rauchen bedingten chronischen Erkrankungen könnten die Kostenschätzungen systematisch zu niedrig angesetzt sein, so Wacker.

Die durchschnittlichen Gesundheitskosten aller Studienteilnehmer belaufen sich auf 3844 Euro pro Jahr. Dabei machen die direkten medizinischen Kosten 57 Prozent dieser Summe aus, 43 Prozent die indirekten Kosten (Kosten des Arbeitsausfalls und für Lohnfortzahlung).

Abseits dieses Durchschnittswerts variieren die Kosten stark: Für ehemalige Raucher liegen sie mit 4398 Euro im Jahr am höchsten, die der aktiven Raucher mit 4159 Euro etwas niedriger.

Signifikant niedriger sind mit 3237 Euro dagegen die Kosten für Nicht-Raucher. Die Mehrkosten im Vergleich zu Nichtrauchern addieren sich somit bei einem aktiven Raucher auf 743 Euro pro Jahr (+ 24 Prozent) und bei einem ehemaligen Raucher auf 1104 Euro (+ 35 Prozent).

Forschungsplattform KORA machte Studiendesign möglich

Möglich wurde das Studiendesign der Münchener Forschergruppe durch das Langzeitprojekt KORA - Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg.

Seit über 20 Jahren wird im Rahmen dieser Forschungsplattform die Gesundheit mehrerer Tausend Bürger im Raum Augsburg untersucht. Medizinische Schwerpunkte von KORA sind beispielsweise Fragen zur Entstehung und zum Verlauf von chronischen Erkrankungen.

Versorgungsforscher untersuchen im Kontext von KORA Fragen zur Inanspruchnahme und zu Kosten der Gesundheitsversorgung.

Im konkreten Fall wurden die Daten - anders als bei anderen Studien zum Thema - auf der Ebene konkreter Probanden erhoben.

"Wir haben die Kosten von Rauchern, Ex-Rauchern und Nichtrauchern verglichen, Kostenunterschiede berechnet und diese im letzten Schritt dann auf die Zahl der Raucher und Ex-Raucher in Deutschland extrapoliert", berichtet Instituts-Mitarbeiterin Wacker.

Doch der KORA-basierte Forschungsansatz bringt eigene Schwierigkeiten mit sich, berichten die Forscher. So sollten die Probanden die Zahl der Arztbesuche in den vergangenen drei Monaten sowie Klinikaufenthalte in den vergangenen zwölf Monaten angeben - ohne, dass dies überprüft werden konnte.

Auch die Angaben zum Rauchverhalten basierten auf Selbstaussagen, die nicht durch biochemische Tests validiert wurden. Zudem gestattete das Studiendesign keine Langzeitbetrachtung - etwa mit Blick auf die Frage, wie sich die mögliche verkürzte Lebenserwartung auf die Gesamtkosten auswirkt.

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