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Ärzte Zeitung, 17.10.2013

Zahl der Knie-Op im Vergleich

Wo neue Knie blühen

Neue Kniegelenke werden in Deutschland ungleich verteilt: Ein aktueller Report belegt erhebliche regionale Unterschiede.

Von Sunna Gieseke

Wo neue Knie blühen

Knie-Operationen sind in Bayern häufiger.

© Mathias Ernert, Orthopädische Universitätsklinik

BERLIN/GÜRTERSLOH. Bayern kriegen fast doppelt so häufig ein neues Knie wie die Patienten in Berlin: Der aktuelle Report "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann Stiftung belegt regionale Unterschiede bei der Häufigkeit von Knie-Operationen, Folgeoperationen und Arthroskopien.

Für den Report wertete eine Expertengruppe der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie (DGOOC) anonymisierte Daten der AOK aus.

Demnach wird im bundesweiten Durchschnitt jährlich etwa 130 von 100.000 Einwohnern ein neues Kniegelenk eingesetzt. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 lag die Rate noch bei 112,5 Operationen pro 100.000 Einwohnern.

Folgeeingriffe nehmen stark zu

Im Jahr 2011 haben im bayerischen Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Winsheim 214 je 100.000 Einwohner ein künstliches Kniegelenk erhalten. Im brandenburgischen Frankfurt/Oder kamen dagegen lediglich 73 Kniegelenkersatz-Operationen auf 100.000 Einwohner.

Die höchsten Raten an Ersatzoperationen haben Bayern, Thüringen und Rheinland-Pfalz, die niedrigsten Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. In einigen Ländern ist die Rate um das 1,8-fache höher als in anderen.

Auf der Ebene der Landkreise steige die Differenz bis zum Dreifachen, bei Männern allein bis zum Vierfachen.

Bei der Häufigkeit von Folgeoperationen gebe es sogar Unterschiede bis zum Fünffachen. Folgeeingriffe nach Kniegelenkersatz-Operationen seien sehr häufig und nähmen stark zu.

Voruntersuchungen durch Arthroskopien verringern die Zahl der Kniegelenksersatz-Operationen offenbar nicht. In Regionen, in denen vergleichsweise viele Spiegelungen durchgeführt würden, würden auch viele künstliche Kniegelenke eingesetzt, heißt es in dem Report.

Zudem sei in städtischen Regionen die Operationsrate pro 100.000 Einwohner geringer als in ländlichen Regionen.

Mehr Op in wohlhabenden Gegenden

Auch sozio-ökonomische Faktoren haben offenbar einen Einfluss auf die Häufigkeit von Operationen.

"In wohlhabenden Gegenden wird häufiger am Knie operiert, obwohl die Menschen in solchen Regionen tendenziell seltener an Arthrose leiden", sagte Stefan Etgeton von der Bertelsmann Stiftung.

Die Versorgungsdichte, ärztliche Empfehlungen und die Nachfrage nach operativen Eingriffen unterschieden sich regional, heißt es in dem Report.

Die Autoren des Reports äußern aufgrund der Ergebnisse zwei Vermutungen: In wirtschaftlich schwachen Regionen gebe es eine Unterversorgung und eventuell eine geringere Nachfrage nach den Knieeingriffen, in wohlhabenden Regionen dagegen eine Überversorgung und möglicherweise eine stärkere Nachfrage.

Viele unnötige Operationen?

Angesichts der Unterschiede sei die Bedarfsgerechtigkeit der Versorgung kritisch zu hinterfragen, so die Autoren.

"Welches Versorgungsniveau angemessen ist, können wir nicht sagen - dafür fehlen verbindliche Leitlinien für dieses Behandlungsgebiet", ergänzte Etgeton.

Und weiter: "Es ist aber offensichtlich, dass nicht-medizinische Faktoren die Versorgung beeinflussen. Ärztliche Leitlinien könnten hier Abhilfe schaffen."

Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, betonte: "Unnötige Operationen sind ein Problem der Patientensicherheit, denn so, wie es kein Medikament ohne Nebenwirkung gibt, gibt es keine Operation ohne Risiko."

[18.10.2013, 09:46:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten?
Kniegelenkersatz- und TEP-OP sind an klinische Infrastrukturen gebunden, die nicht in allen Stadt- und Landkreisen vorhanden sind. Dort liegen die OP- und Arthroskopie-Zahlen mangels Masse deutlich niedriger, als in Regionen mit spezialisierter fach-orthopädischer Versorgung in Praxis und Klinik. Dies wirkt sich sogar in den Metropolen aus. So liegt die Kniegelenkersatz-Erst-OP-Rate in der Freien Hansestadt Hamburg bei 99,79 Eingriffen auf 100.000 Einwohner auffallend niedrig. Im benachbarten Landkreis Cuxhaven z. B., mit dem bekannten orthopädischen Hamburger Seehospital im Ortsteil Sahlenburg (jetzt HELIOS-Klinik), liegt die OP-Rate bei 154,93 auf 100.000 Einw. - statistisch besonders verzerrt dadurch, dass der Landkreis Cuxhaven deutlich d ü n n e r besiedelt ist, als HH.

In diesem Zusammenhang sei die d u m m e Frage erlaubt, ob der "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann Stiftung nicht demnächst in der direkten örtlichen Umgebung von Kur- und Rehabilitationskliniken einen dramatischen Anstieg von durchgeführten REHA-Maßnahmen feststellen wird?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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