Ärzte Zeitung, 17.12.2013

Münster

Eine Stadt macht mobil gegen den Schmerz

Erstmals auf der Welt wird die Versorgung von Schmerzpatienten in einer Stadt analysiert werden. Mit diesem Ziel ist vor drei Jahren das "Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster" gestartet. Erste Ergebnisse stimmen optimistisch.

Von Christoph Fuhr

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Prüfung geschafft: Pflegende wurden zur "Pain Nurse" weitergebildet.

© Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster

MÜNSTER. Mit viel publizistischem Trommelwirbel wurde vor drei Jahren das "Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster" aus der Taufe gehoben.

Die Versorgungsstrukturen von Schmerzpatienten in der westfälischen Stadt sollen systematisch untersucht und Optimierungs-Konzepte entwickelt werden. Der Abschlussbericht über die Ergebnisse wird Anfang 2014 erwartet.

Inzwischen gibt es aber Zwischenergebnisse, die mehr als optimistisch stimmen. So haben etwa in Münsters Altenheimen demente Bewohner weniger Schmerzen als vor zwei Jahren.

Wissenschaftler haben nach Schulungs- und Optimierungsmaßnahmen deutlich weniger Anzeichen für Schmerzen bei diesen Menschen wahrgenommen als noch 2011. Das Aktionsbündnis sieht in örtlichen Altenheimen trotz dieser positiven Zwischenbilanz weiteren Handlungsbedarf.

Nachdem vor etwa zwei Jahren festgestellt worden war, dass jeder zweite Altenheim-Bewohner an Schmerzen leidet, zogen elf Einrichtungen der stationären Altenhilfe Konsequenzen. Viele Mitarbeiter wurden in ihrer Weiterbildung zur "Pain Nurse" speziell im Schmerzmanagement geschult.

Mit Hilfe von Qualitätszirkeln wurden in vielen Häusern Neuerungen auf den Weg gebracht. Das blieb nicht ohne Folgen: Gerade bei Bewohnern mit Demenz können Schmerzen jetzt besser erkannt werden.

Häuser erweitern Schmerztherapie

Auch bei den nicht dementen Schmerzpatienten kann gezielter und effektiver therapiert werden. So wurde etwa das Angebot an nichtmedikamentösen Schmerztherapien in vielen Häusern erweitert. Auch diese Arbeit soll fortgesetzt werden.

Ein weiteres Erfolgserlebnis verbuchte die Stadt im vergangenen Jahr. Alle Krankenhäuser der Westfalenmetropole verfügen jetzt über das Qualitätssiegel "Qualifizierte Schmerztherapie". Die Uniklinik war bereits 2006 zertifiziert worden.

Jetzt haben auch alle anderen Kliniken die von der Gesellschaft für Qualifizierte Schmerztherapie Certkom e.V. verliehene Auszeichnung erhalten. Certkom wurde 2006 unter anderem von der Deutschen Schmerzgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und dem Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gegründet.

Die Forschungsarbeiten im Rahmen des Projekts "Schmerzfreie Stadt" finden in über 35 Einrichtungen in Münster statt: In den sechs teilnehmenden Krankenhäusern werden Patienten mit akuten Schmerzen nach Operationen untersucht, in den 14 Altenheimen geht es sowohl um akute als auch um chronische Schmerzen.

In den 15 ambulanten Pflegediensten sowie in den Hospizen steht der Tumorschmerz und in den zwei beteiligten Schmerzpraxen der chronische Rückenschmerz im Fokus.

Münster war gegen sieben Mitbewerber als Modellstadt für die Aktion schmerzfreie Stadt ausgewählt worden, da Parameter wie Einwohnerzahl, Gesundheits- und Krankheitsdaten, Sozialstruktur und medizinisches Umfeld den Anforderungen an das Projekt entsprachen.

38 Kooperationspartner

Zum Projekteinstieg wurde jeweils der Ist-Zustand des Schmerzmanagements in den jeweiligen Einrichtungen erfasst. Auf Basis der Ergebnisse stellte das Expertenteam des Aktionsbündnisses Änderungsvorschläge zur Schmerzreduktion und/oder Schmerzbewältigung für die jeweiligen Einrichtungen zusammen, die danach in Absprache mit den Akteuren vor Ort implementiert werden.

Ziel ist es, das Schmerzmanagement zu optimieren. Zum Projektende hin werden alle Einrichtungen noch einmal reevaluiert und es wird geprüft, inwieweit die Schmerztherapie durch die neuen Maßnahmen tatsächlich verbessert werden konnte.

Zum Team der medizinisch-wissenschaftlichen Projektgruppe gehören ärztliche Experten der Schmerztherapie und Palliativmedizin sowie pflegewissenschaftliche Mitarbeiter der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.

Wissenschaftlicher Projektleiter ist Professor Jürgen Osterbrink, Pflegewissenschaftler an der Paracelsus-Uni Salzburg.

Das Projekt wird begleitet durch 18 hochkarätige Kooperationspartner aus allen Bereichen des Gesundheitssystems: Krankenkassen, universitäre Forschung, Apotheken, Fachgesellschaften, Verbände und Netzwerke, Kliniken, Ärzte, Pflegende und öffentliche Verwaltung. Als Industriepartner und Hauptförderer des Projekts ist das Unternehmen Mundipharma beteiligt.

Weniger Schmerzen nach der Op

Erfolgreiche Optimierungsmaßnahme des Aktionsbündnisses "Schmerzfreie Stadt Münster": In sechs teilnehmenden Kliniken wurden die postoperativen Schmerzen der Patienten gesenkt. Das Erfolgskonzept: In-House-Schulungen, Fortbildungen im Schmerzmanagement, intensiver Austausch aller Leistungserbringer.

Der von den Patienten angegebene Ruheschmerz am ersten postoperativen Tag sei von im Mittel 2,23 auf 1,98 auf der Numerischen Ratingskala (NRS) gesunken - und das bei nur 180 Tagen Interventionsphase, so das Aktionsbündnis. Die Schmerzversorgung am ersten postoperativen Tag sei dabei verbessert worden, ohne höhere Ausgaben für Arzneimittel zu verursachen.

Interdisziplinäre Kommunikation hat Defizite

Hausärzte haben als erste Anlaufstelle eine zentrale Rolle bei der Schmerzversorgung. Doch wie halten sie es eigentlich mit dem Management des Schmerzes? Das "Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster" hat exakt diese Frage an 77 Hausärzte in Münster gestellt - und dabei mit dem Hausärzteverbund Münster (HVM) kooperiert.

Dabei wurde deutlich, dass pro Quartal rund 24 Prozent der Münsteraner Hausarzt-Patienten ihren Arzt wegen Schmerzen, hauptsächlich Rückenschmerzen, aufsuchen. Die Wirksamkeit der Schmerztherapie überprüfen über 86 Prozent der Ärzte - etwa in Gesprächen oder mit Schmerzskalen. 84 Prozent verordnen Maßnahmen wie Physiotherapie. Bei der medikamentösen Schmerzbehandlung setzen Hausärzte vor allem auf Antirheumatika (NSAR).

Die Studie hat auch ergeben, dass Handlungsbedarf bei der interdisziplinären Kommunikation sowie bei den Fortbildungen besteht. Zwar gibt es offenbar einen sehr gut bewerteten fachlichen Austausch mit dem Palliativnetz Münster.

Die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern wurde aber eher kritisch gesehen. Note "befriedigend" gab es für die Kommunikation mit Klinikärzten, Note "ausreichend" für die Kommunikation mit dem Pflegepersonal.

Verbesserungsoptionen sehen Hausärzte darin, Verantwortlichkeiten in der Schmerztherapie genauer zu definieren - mit einem gut organisierten Case-Management, damit der Hausarzt seine Rolle als erste Anlaufstelle wahrnehmen und Schmerzpatienten unbürokratisch weiterleiten kann.

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