Ärzte Zeitung, 24.02.2014

Demenzversorgung

Nichts geht ohne den Hausarzt

Herr Doktor, habe ich Demenz? Eine Diskussionsveranstaltung in Frankfurt zeigt: Schon bei der Erstdiagnose haben Hausärzte eine Schlüsselrolle, die nicht immer optimal genutzt wird.

Von Christoph Fuhr

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Verunsicherter Mensch: Demenzpatienten brauchen Zuwendung.

© Yuri Arcurs/fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Bei der Versorgung von Demenzpatienten haben Hausärzte eine Schlüsselfunktion: Sie sind erste vertraute Anlaufstelle der Betroffenen, kennen sie und deren Umfeld oft viele Jahre, sehen sie regelmäßig und sind daher am besten in der Lage, schon früh leichte Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und des Verhaltens zu bemerken.

In einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Diagnose Demenz - Was nun?", die vom Frankfurter Bürgerinstitut zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe initiiert worden war, wurde allerdings deutlich, dass es mit der frühen Diagnosestellung bei Demenz auch mit Blick auf die Rolle von Hausärzten immer noch Probleme gibt.

"Geschulte Hausärzte können lernen, die richtige Diagnose zu stellen, denn die meisten Verläufe bei einer Demenzerkrankung sind typisch", sagte Professor Andreas Fellgiebel, leitender Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Mainz.

Erfolgreiches Leuchtturmprojekt

Fellgiebel berichtete über ein von ihm mit initiiertes Leuchtturmprojekt in Rheinland-Pfalz - ein hausarztbasiertes Modell zur Demenzversorgung, bei dem der Schwerpunkt auf eine Schulung in Demenz-Basisdiagnostik und -Therapie gelegt wurde.

Darüber hinaus sollten teilnehmende Hausärzte für die psychosoziale Unterstützung der Betroffenen und ihrer Angehörigen sensibilisiert werden. Der Erfolg des Projekts war beeindruckend, berichtete Fellgiebel. Eine Kernerkenntnis: Geschulte Hausärzte können neben Fachärzten demenzielle Erkrankungen durchaus auch in frühen Stadien diagnostizieren.

Auch im Gesundheitsnetz Frankfurt, das im Stadtteil Hoechst angesiedelt ist, werden Hausärzte in einem aktuellen Projekt für Demenzdiagnostik geschult. Die allergrößte Herausforderung ist dort aus Sicht des niedergelassenen Neurologen und Psychiaters Dr. Burkhard Fahl aber die Überwindung von Sektorengrenzen.

"Die Realität ist grauselig", berichtete er. "Und das, obwohl alle Systeme unabhängig voneinander gut arbeiten." Die große Herausforderung: Hausärzte, Fachärzte, Pflegekräfte und Berater müssen bei der Versorgung von Demenzpatienten Grenzen überwinden und an einem Strang ziehen, aber genau das funktioniert allzu oft extrem unbefriedigend.

In Frankfurt leben etwa 10 000 Demenzkranke - mit steigender Tendenz. Die Stadt hat zwar schon erste Weichen gestellt, doch Frankfurts Sozialdezernentin Professor Daniela Birkenfeld ließ bei der vom Pharmaunternehmen Lilly unterstützten Veranstaltung des Bürgerinstituts keine Zweifel, dass weitere Anstrengungen nötig sein werden.

Frankfurt stellt jedes Jahr drei Millionen Euro für das Programm "Würde im Alter" zur Verfügung - mit Angeboten für Pfleger, Betroffene und Angehörige. Inzwischen gibt es vier Wohngemeinschaften und zwölf Tagespflegeeinrichtungen für Demenzpatienten.

Das Bürgerinstitut Frankfurt, 1899 als "Centrale für private Fürsorge" gegründet, hat vor einigen Jahren das Projekt Hilfe für Demenzkranke und ihre Angehörige (HILDA) ins Leben gerufen. Dazu gehören zum Beispiel ein ehrenamtlicher Besuchsdienst, Beratung, Begleitung und Gesprächskreise.

"Bitte keinen Absender nennen!"

Das HILDA-Mobil, eine mobile Beratungsstelle in Form eines begehbaren Autos, ist vor allem in abgelegeneren Stadtteilen der Mainmetropole unterwegs, um Menschen zum Thema Demenz aufzuklären. Maren Kochbeck vom Bürgerinstitut hat bei ihrer Beratungsarbeit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Gefühle von Menschen beim Thema Demenz sehr zwiespältig sind.

Sie verlangen eindeutige Botschaften, haben zugleich aber auch Angst vor der Wahrheit. "Ist mit der Diagnose Demenz der Führerschein weg? Werde ich jetzt entmündigt? Was bringt die Diagnose, wenn ich ohnehin weiß, dass es keine Heilung gibt?" Fragen, die eines deutlich machen: Der Beratungsbedarf ist immens.

"Die Diagnose Demenz kann stigmatisierend sein", sagte Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Sie erlebt es zuweilen, dass Angehörige und Betroffene Infomaterial anfordern, aber zugleich darum bitten, den Namen "Alzheimer Gesellschaft" als Absender nicht zu nennen.

Nichts geht ohne kompetente Beratung. Doch zwei Kernaufgaben dürfen Ärzte aus Sicht von Fellgiebel nie aus der Hand geben: Zum einen ist dies das Erstgespräch mit dem Patienten und das damit verbundene Führen durch die Diagnostik.

Dazu muss sich der Arzt genügend Zeit nehmen, mahnt Fellgiebel. Zum anderen ist aus seiner Sicht aber auch die Mitteilung der Diagnose eine originär ärztliche Aufgabe: "So fit und verantwortungsvoll muss ein Arzt ganz einfach sein."

Maren Kochbeck ist sicher, dass es bei diesem Thema Verbesserungsbedarf gibt. Ihre Botschaft: "Wenn der Patient die Diagnose aus der Privatabrechnung erfährt, dann ist etwas grundsätzlich schiefgelaufen."

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