Ärzte Zeitung App, 19.03.2014

Leitartikel

Dauerbaustelle Schmerztherapie

Der Deutsche Schmerztag vom 19. bis 22. März in Frankfurt rückt nicht nur die Versorgung von Patienten in den Fokus, sondern will auch die Arbeitsbedingungen von schmerzmedizinisch tätigen Ärzten verbessern.

Von Christoph Fuhr

Dauerbaustelle Schmerztherapie

Der Rücken schmerzt: ein Problem, das immer mehr Menschen betrifft.

© lofilolo / istock / thinkstock.com

Es gibt Problembereiche in unserem Gesundheitssystem, die seit vielen Jahren über das Stadium einer Dauerbaustelle nicht hinausgekommen sind. Die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen gehört dazu.

Als vor 30 Jahren die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin gegründet wurde, wurden Patienten, die über Schmerzen klagten, nicht selten als Schauspieler abgetan, die in Molières Theaterstück "Der eingebildete Kranke" die Titelrolle hätten spielen können. Und Ärzte, die die Beschwerden dieser Menschen ernst nahmen, mussten sich gegen den Vorwurf der Polypragmasie wehren.

Die Zeiten ändern sich. Heute ist die chronische Schmerzerkrankung exakt mit dem ICD-10-Code definiert und wird ernst genommen. Dass das so ist, hat sie auch der Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu verdanken.

Man geht davon aus, dass etwa 12 bis 15 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen Schmerzen leiden. Das Thema ist nicht zuletzt deshalb auch dauerhaft in den Medien vertreten und hat inzwischen sogar die Große Koalition erreicht, die ein Disease Management Programm Rückenschmerz einführen will.

Unhaltbare Rechtslage korrigiert

Die DGS hat mehr als 120 regionale interdisziplinäre Schmerzentren aufgebaut, um Patienten zu helfen, die in unterschiedlichen ärztlichen Fachgebieten von Arzt zu Arzt rennen und nicht mehr weiterwissen, weil der Schmerz unerträglich geworden ist.

Erfolge gab's auch jenseits der Arbeit der DGS: Dass zum Beispiel gute Schmerztherapie mit Opioiden zur Überbrückung bei schwerstkranken Menschen nachts oder an Wochenenden künftig nicht mehr bestraft wird, ist der Initiative einzelner Schmerztherapeuten an der Basis zu verdanken.

Viel zu lange war das Dilemma groß: Entweder der Arzt verstieß außerhalb der Apothekenöffnungszeiten gegen das BtMG und machte sich strafbar, oder er machte sich strafbar wegen Körperverletzung - eine absurde, unhaltbare Rechtslage.

Nach und nach gelang es, immer mehr Lobbygruppen im Kampf gegen diese schräge Regelung einzubinden, am Ende leuchtete auch den allerletzten Mandatsträgern in Bundestag und Bundesrat der dringende Handlungsbedarf ein. Das Gesetz wurde geändert.

Bedenkenträger waren damals die Apotheker - und damit wird ein Grunddilemma der Schmerzmediziner deutlich. Es trägt mit dazu bei, dass ihre erfolgreiche Arbeit allzu oft ins Stocken gerät, oder, um im Bild zu bleiben, dass die Dauerbaustelle nicht aufgelöst werden kann: Veränderungen der Versorgungsstruktur tangieren immer mehrere Fachgruppen, das ist mit Verunsicherung und Verlustängsten verbunden und blockiert allzu oft Reformen, die durchaus sinnvoll erscheinen.

DGS will Facharzt für Schmerzmedizin

Das wird nicht zuletzt bei der Diskussion um einen Facharzt für Schmerzmedizin deutlich. Zwar müssen Medizinstudenten ab 2016 zum zweiten Staatsexamen auch Leistungsnachweise in Schmerzmedizin vorweisen.

Doch dabei will es die DGS nicht bewenden lassen: Der Facharzt für Schmerzmedizin soll kommen, ausgestattet mit einer umfassenden Querschnittskompetenz, immer ganz nahe dran am Patienten.

Bisher ist die Zahl der Mitstreiter für diesen Facharzt allerdings eher begrenzt, obwohl sein Handlungsspielraum exakt definiert werden soll. Für die Erstversorgung von Schmerzpatienten sollen nach dem DGS-Plan auch in Zukunft Allgemeinmediziner zuständig sein, bei unzureichendem Erfolg sollte ein Facharzt mit Zusatzbezeichnung zugezogen werden.

Erst wenn dieser Arzt etwa wegen Einschränkung seiner therapeutischen Maßnahmen nicht mehr weiterhelfen kann, stünde der ausgebildete Schmerzmediziner bereit. "Bei vielen Gesellschaften erweckt dieses Modell offensichtlich Berührungs- und Verlustängste", bedauert DGS-Chef Gerhard Müller-Schwefe, er will sich aber nicht entmutigen lassen.

Müller-Schwefe war zu optimistisch

"Ich bin zuversichtlich, dass es keine neue Ärztegeneration brauchen wird, um der Schmerztherapie den Stellenwert zu verschaffen, der ihr aufgrund ihrer medizinischen und volkswirtschaftlichen Bedeutung zukommt", hat Müller-Schwefe in einem Interview mit der "Ärzte Zeitung" vor mehr als 15 Jahren prognostiziert.

Er war zu optimistisch. Seine Motivation und die seiner Mitstreiter allerdings bleibt ungebrochen: Es geht darum, die Schmerzmedizin als ein fachgebietsübergreifendes Querschnittsfach zu etablieren, das sich konsequent an den Bedürfnissen der Patienten orientiert.

Der Deutsche Schmerztag in Frankfurt soll vom 19. März an dazu beitragen, dass dieses ehrgeizige Ziel erreicht wird. Er rückt nicht nur die Versorgung von Patienten in den Fokus, sondern will auch Diskussionsprozesse initiieren, um die Arbeitsbedingungen von schmerzmedizinisch tätigen Ärzten und nichtärztlichen Fachgruppen zu verbessern.

Der Einsatz auf der Dauerbaustelle Schmerztherapie ist noch längst nicht abgeschlossen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Epidemiologische Kaffeesatzleserei?

Verursacht oder verhindert der Konsum von Kaffee Krankheiten? Die Klärung solcher Fragen zur Ernährung ist methodisch ein richtiges Problem. mehr »

Trotz Budgetierung gute Chancen auf Mehrumsatz

Seit vier Jahren steht das hausärztliche Gespräch als eigene Leistung im EBM (03230) . Immer wieder ist daran herumgeschraubt worden. mehr »

Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Ein achtjähriger Junge mit einer tragischen Krankheitsgeschichte bekommt zwei neue Hände. Die Op ist ein voller Erfolg: Anderthalb Jahre später kann er schreiben, essen und sich selbstständig anziehen. mehr »