Ärzte Zeitung online, 15.07.2014

Studie

Die Deutschen verstehen ihren Arzt nicht

Sprachverwirrung in der Arztpraxis: Viele Deutsche verstehen nicht, was Ärzte ihnen mitteilen. Damit schneidet die Republik schlechter ab als andere europäische Staaten. Und auch die Gesundheitskompetenz der Deutschen hat Lücken.

Die Deutschen verstehen ihren Arzt nicht

Alles roger, oder doch nur Bahnhof verstanden?

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NEU-ISENBURG. Die Gesundheitskompetenz der Deutschen lässt zu wünschen übrig: Fast 60 Prozent der GKV-Versicherten wissen nur wenig über Gesundheit. Das zeigt eine repräsentative bundesweite Befragung zur Gesundheitskompetenz des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Ihre Ärzte beurteilten die meisten Befragten als gute Informationsgeber. Etwa 85 Prozent der GKV-Versicherten gaben an, keine Probleme mit dem Verständnis der Anweisungen ihres Arztes zu haben. Knapp jeder siebte hatte Grund, sich zu beklagen.

Auffällig: Besonders die unter 30-Jährigen in dieser Gruppe monieren Verständnisprobleme. Tauchen Schwierigkeiten auf, betrifft dies vorwiegend Prävention und Medikation.

Insgesamt rund jeder Zehnte gab an, Mühe dabei zu haben, die Anweisungen seines Arztes zur Einahme der verschriebenen Medikamente zu verstehen. Und etwas mehr als jedem Zehnten (12,1 Prozent) ist nicht klar, warum er Vorsorgeuntersuchungen wie Krebsfrüherkennung braucht.

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern schneidet Deutschland unterdurchschnittlich ab. Die deutschen GKV-Versicherten erreichen auf der Mess-Skala für Gesundheitskompetenz im Mittel einen Wert von 31,9.

Informationen schwer zu finden

Der maximale Wert beträgt 50, das entspricht ausgezeichneten Gesundheitskenntnissen. Der Durchschnittswert der EU-Vergleichsländer wie Bulgarien, Griechenland, Irland, Niederlande, Österreich, Polen und Spanien betrug hingegen 33,8.

Ausschlaggebend für das etwas schlechtere Abschneiden der Deutschen ist laut den Wissenschaftlern die Kompetenz der Versicherten in Sachen Krankheitsbewältigung und Prävention.

In diesen Bereichen zeigten sich die Defizite bei den Befragten besonders deutlich: Beispielsweise fast zehn Prozent mehr gesetzlich versicherte Deutsche offenbarten unzureichende Kenntnisse in Sachen Prävention (23,4 Prozent), verglichen mit dem EU-Schnitt von 13,2 Prozent.

Ursache dessen ist für die WIdO-Forscher vor allem, dass mehr als die Hälfte der Versicherten Schwierigkeiten hatten, Informationen zu Gesundheit zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und umzusetzen.

Fast ein Drittel tut sich schwer Medieninformationen zu verstehen, heißt es in der Studie. Etwa 37 Prozent der Befragten können zudem nur schwer beurteilen, ob eine Zweitmeinung einzuholen ist oder nicht.

Grundlage dieser Ergebnisse ist eine telefonische Befragung von circa 2000 Versicherten ab 18 Jahren im Zeitraum zwischen Dezember 2013 und Januar 2014 der Universität Duisburg-Essen. (mh)

[16.07.2014, 21:17:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Krankheitskompetenz ist nicht Gesundheitskompetenz
Da hat sich das Wissenschaftliche Institut der AOK-Ortskrankenkassen WIdO, mit einer angeblich repräsentativen t e l e f o n i s c h e n Befragung von 2.000 GKV-Versicherten, die durch die Universität Duisburg-Essen durchgeführt wurde, aber nicht mit Ruhm bekleckert. Denn gefragt wurde mitnichten nach "Gesundheitskompetenz", sondern nach K r a n k h e i t s-Kompetenz und deren Bewältigungsstrategien ("coping").

• Wenn die Befragten ihre Ärzte zumeist als gute Informationsgeber bezeichneten, waren sie doch i. d. R. zunächst als k r a n k e, Rat suchende Patienten in den Praxen. Wenn etwa 85 Prozent der GKV-Versicherten angaben, keine Probleme mit dem Verständnis der Anweisungen ihres Arztes zu haben, können doch nur 15 Prozent Probleme damit gehabt haben.
• Wenn insgesamt nur rund jeder Zehnte angab, Mühe dabei zu haben, die Anweisungen seines Arztes zur Einnahme der verschriebenen Medikamente zu verstehen, bedeutet dies doch im Klartext, dass 90 Prozent (i. W. neunzig) k e i n e Schwierigkeiten mit ihrer Pharmakotherapie hatten.
• Wenn 12,1 Prozent der telefonisch Befragten nicht klar war, warum er/sie Vorsorgeuntersuchungen wie Krebsfrüherkennung brauchen könnten, verbindet sie das aufs engste mit dem IQWiG-Chef, Professor Dr. med. Jürgen Windeler: Auf die Frage in der Samstagsausgabe der "Berliner Zeitung" vom 28.12.2013: "Welche der übrigen Vorsorgeuntersuchungen würden Sie empfehlen?" war Windelers knappe Antwort "gar keine".

Der Vergleich mit europäischen Ländern ist geradezu kryptisch: Wie ein geringfügig höherer Durchschnittswert der EU-Vergleichsländer wie Bulgarien, Griechenland, Irland, Niederlande, Österreich, Polen und Spanien von 33,8 zu Stande kommt, statt 31,9 in Deutschland, bleibt ebenso insignifikant wie schleierhaft. Ausschlaggebend seien Lücken in der Kompetenz der Versicherten in Sachen Krankheitsbewältigung und Prävention gewesen? Und das, wo ausgerechnet Irland und Polen den höchsten pro-Kopf-Alkoholverbrauch und die höchsten Sterblichkeitsraten aufweisen? Wo in Bulgarien, Polen und Griechenland die Prävention nicht mal ansatzweise als Gesundheitsziel formuliert werden kann?

Dass mehr als die Hälfte der Versicherten Schwierigkeiten hatten, Informationen zu Gesundheit zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und umzusetzen ist m. E. in einer Gesellschaft, die an Medien- und Informationsfluss geradezu überquillt, Ergebnis einer reinen "Suggestion" und fällt auf die Initiatoren dieser "Befragung" zurück.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[16.07.2014, 07:04:15]
Dr. Hartwig Raeder 
Sender und Empfänger
Beide Seiten müssen sich um eine verständliche Sprache bemühen. Ich bin vermutlich der einzige Arzt und Patient, der beispielsweise weiß, dass die Vena saphena magna auf Deutsch die große Rosenader ist. zum Beitrag »
[15.07.2014, 15:45:37]
Rudolf Hege 
Sender oder Empfänger?
Manchmal liegt es am Sender, wenn beim Empfänger nicht das "Richtige" ankommt...

Wenn man so manche "ärztliche Erklärung" hört, wundert es nicht, dass medizinische Laien nur Bahnhof verstehen.

So mancher Therapeut glaubt anscheinend, er müsse sich möglichst akademisch ausdrücken, um seine Kompetenz zu beweisen.

Aber, Kompetenz kann sich in jeder Sprache zeigen. Und etwas in einfachen Worten ausdrücken zu können, zeigt, dass man es selbst verstanden hat... zum Beitrag »

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