Ärzte Zeitung online, 17.07.2015

Geriater

Vorsicht mit Antibiotika und Schlafmittel

Leitlinien beschreiben, was bei bestimmten Krankheiten zu tun ist. Einen anderen Weg gehen Geriater: In ihren neuen Empfehlungen legen sie dar, was in der Therapie von hochbetagten Patienten nicht gemacht werden sollte.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Sitzen Ärzten Antibiotika und Schlafmittel zu locker?

Nicht immer ist es sinnvoll, mit Arznei gegen Gebrechen zu Felde zu ziehen.

© Wavebreak Media / Thinkstock

BERLIN. Im Rahmen der "Klug entscheiden"-Initiative der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) haben die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie sowie die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie jetzt ihre Empfehlungen zusammengestellt.

Wie berichtet, werden die Fachgesellschaften der internistischen Schwerpunktfächer in dieser Initiative bis Herbst jeweils zehn Empfehlungen erarbeiten zu medizinischen Leistungen oder Therapien, die Ärzte zu oft oder zu selten einsetzen.

"Bei den Empfehlungen zur Überversorgung geht es um Maßnahmen, die häufig genutzt werden und bei denen es einen klaren Nachweis gibt, dass sie nichts bringen", betonte der DGIM-Vorsitzende Professor Gerd Hasenfuß aus Göttingen bei einer Pressekonferenz in Berlin.

"Wir wollen explizit keine Nutzenbewertung machen, sondern Wissen verbreiten, das in den Leitlinien enthalten ist, aber nicht entsprechend angewandt wird."

Problemfall asymptomatische Bakteriurie

Die meisten der an der Initiative beteiligten Fachgesellschaften arbeiten gerade an ihrem jeweiligen Empfehlungskatalog.

Die insgesamt etwa 120 Empfehlungen werden dann von der DGIM in einem Konsentierungsprozess unter Einbindung von Patienten verabschiedet und gegen Ende des Jahres veröffentlicht.

Die Geriater haben jetzt bereits sechs ihrer zehn Empfehlungen öffentlich gemacht. Ganz oben steht dabei ein echter Klassiker: Antibiotika sollten bei älteren Menschen mit Bakteriurie nur eingesetzt werden, wenn eine spezifische Symptomatik der ableitenden Harnwege vorliegt.

Was für viele selbstverständlich klingen mag, sei im Alltag nach wie vor ein Riesenthema, betonte Dr. Manfred Gogol, Ärztlicher Direktor der Klinik für Geriatrie im Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge.

Erst vor wenigen Tagen habe er einen Arztbrief eines Kollegen in der Hand gehabt, der gegen eine von ihm sogar selbst als asymptomatisch beschriebene Bakteriurie mit einem teuren Breitband-Reserveantibiotikum zu Felde zog.

"Ein Problem unserer Sozialisation"

"Ich sehe das als ein Problem unserer Sozialisation", so Gogol. "Wir müssen eine Kultur der Nutzen-Risiko-Abwägung entwickeln."

Bei der asymptomatischen Bakteriurie sei klar, wohin die Waage sich neige: Das Risiko einer Diarrhoe unter Antibiotika sei im Alter erheblich, der Nutzen dagegen fraglich bis nicht existent. Zudem würden Resistenzen begünstigt.

Die zweite therapeutische Maßnahme, von der die Geriater explizit abraten, ist die Anlage einer PEG-Sonde bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz.

Dies habe gegenüber einer intensivierten oralen Ernährungsunterstützung keinerlei Vorteile für die Patienten. Sie würden vielmehr unnötigen Belastungen ausgesetzt, und das Risiko von Blutungen und Infektionen steige.

Einsatz von von insbesondere Benzodiazepinen

Etwas weicher formuliert ist die dritte Empfehlung der Geriater zu unnötigen Behandlungen. Auch dabei handelt es sich um einen Klassiker, nämlich den Einsatz von sedierenden Medikamenten, insbesondere Benzodiazepinen und atypischen Neuroleptika.

Diese sollten "nicht das Mittel der ersten Wahl" bei Schlafstörungen, Erregtheit oder Verwirrtheit sein.

Gogol betonte, dass es in der Altersmedizin Situationen gebe, in denen zentral wirksame Medikamente ein Segen seien: "Das Problem ist, dass es oft einen Automatismus gibt."

Die Medikamente werden zu schnell und zu langfristig verordnet, und dann überwiegen die Risiken deutlich. So sei für die Neuroleptika ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko belegt.

Und bei vielen zentral wirksamen Medikamenten gebe es Hinweise, dass sie bei Dauertherapie den kognitiven Abbau beschleunigten.

Unterversorgung bei Osteoporose

Dass es in der Altersmedizin nicht nur Überversorgung, sondern auch ein erhebliches Maß an Unterversorgung gibt, darauf wollen die Geriater mit ihrem Empfehlungskatalog ebenfalls hinweisen.

Ganz oben steht die unzureichende Therapie bei manifester Osteoporose. Hier gebe es sehr gute, evidenzbasierte Interventionsmöglichkeiten, die viel zu wenig eingesetzt würden, so Gogol: "Selbst Patienten mit Knochenfrakturen werden im höheren Alter oft nicht behandelt."

Unzureichend ist aus Sicht der geriatrischen Fachgesellschaften häufig auch die Ernährungstherapie bei mangelernährten alten Patienten.

Mangelernährung führt zu Gebrechlichkeit und einem Verlust an Muskelmasse, und beides korreliert eng mit einem Verlust an Alltagskompetenz und Mobilität. Auch Antidementiva sollten aus Sicht der Geriater häufiger eingesetzt werden.

Gogol gab zu, dass dies umstritten sei. Ein Therapieversuch zur Verlangsamung der Demenzprogression sei aber zumindest für einen Zeitraum von sechs Monaten begründbar.

Allerdings sollte der Erfolg dann auch evaluiert und das Medikament gegebenenfalls wieder abgesetzt werden, wenn es nichts bringt.

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