Ärzte Zeitung, 20.10.2015

Resultate des Screenings für 2012

Brustkrebs bei 17.311 Frauen

Bei fast jeder 20. Frau wurde beim Mammografie-Screening ein auffälliger Befund festgestellt. Nach weiterer Abklärung hatten sechs von 1000 untersuchten Frauen Brustkrebs.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Beim Mammografie-Screening im Jahr 2012 mussten fast 132.000 untersuchte Frauen zur Abklärung eines auffälligen Befundes oder für eine Bildwiederholung wiedereinbestellt werden. Das entsprach einem Anteil von 4,6 Prozent. Bei knapp 35.000 Frauen war eine Gewebeentnahme zur Klärung erforderlich. Bei der Hälfte bestätigte sich der Verdacht auf Brustkrebs.

Nach dem Evaluationsbericht 2012 der Kooperationsgemeinschaft Mammografie wurde in dem Jahr durch das Screening bei 17.311 Frauen Brustkrebs entdeckt. "Im Bundesdurchschnitt erhielten sechs von 1000 untersuchten Frauen die Diagnose Brustkrebs", heißt es in dem Bericht.

2012 sind 2,8 Millionen Frauen in den 94 Screening-Einheiten untersucht worden. Rund 700.000 Frauen wurden erstmalig untersucht. 56,3 Prozent der eingeladenen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren haben damit an dem Screening teilgenommen, geringfügig mehr als 2011. Die in den europäischen Leitlinien geforderte Teilnahmerate von mehr als 70 Prozent wurde damit erneut deutlich verfehlt.

Karzinome bei Entdeckung kleiner

Bei 19,6 Prozent der entdeckten Brustkrebsfälle handelte es sich um In-situ-Karzinome. Dieser Anteil ist seit Einführung des Screenings weitgehend stabil. Er entspricht den Empfehlungen der EU-Leitlinien, die einen Anteil von mehr als 15 Prozent vorsehen.

Von den 13.351 invasiven Karzinomen waren 10.684 bis zu 20 Millimeter groß (80,0 Prozent), 10.477 waren ohne Lymphknotenbefall (78,5 Prozent). Die Kooperationsgemeinschaft zieht den Vergleich zur Situation vor Einführung des Screenings: Damals waren nur 47 Prozent der entdeckten Tumore bis zu 20 Millimeter groß, 57 Prozent hatten noch nicht in die Lymphknoten gestreut.

Für die kommissarische Geschäftsstellenleiterin Dr. Vanessa Kääb-Sanyal belegen die Ergebnisse die Qualität des Mammografie-Screening-Programms. "Wir finden Brustkrebs in einem frühen Stadium." Zugleich könne man die Belastung der Frauen so gering wie möglich halten, sagt sie.

Umstellung auf digitale Systeme

Seit 2013 kommen beim Screening ausschließlich digitale Systeme zum Einsatz. 2012 haben die letzten drei Screening-Einheiten von analogen Film-Foliensystemen auf digitale Geräte umgestellt. 2012 war nach dem Qualitätssicherungsbericht der Kooperationsgemeinschaft bei etwas mehr als 31.000 Frauen eine Wiederholung der Mammografie-Aufnahme aufgrund von Einschränkungen in der diagnostischen Bildqualität notwendig.

"Von den 35.000 Biopsien wurden rund 400 als unzureichend eingestuft, so dass eine weitere Gewebeentnahme erforderlich war."

In den Screening-Einheiten haben 95 Prozent der 175 Programmverantwortlichen Ärzte die erforderlichen Fallzahlen erreicht. "96 Prozent der Teilnehmer haben die regelmäßige Fallsammlungsprüfung zur Aufrechterhaltung der fachlichen Qualifikation bestanden", führt der Qualitätssicherungsbericht aus. Von 175 Ärzten haben im Jahr 2012 vier ihre Genehmigung zurückgegeben, bei keinem wurde sie widerrufen.

Im Jahr 2002 hatte der Deutsche Bundestag das Screening-Programm beschlossen, das seit 2009 flächendeckend angeboten wird.

[22.10.2015, 09:48:51]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Dieter Wettig
Selbst wenn man finanzielle und zeitliche Aspekte außer Acht lässt, steht nicht fest, ob der Nutzen den Schaden überwiegt. So ist aus der Sicht des Epidemiologen Gotzsch (Cochrane-Zentrum Kopenhagen) der Nachteil des Screenings groß. Er empfahl Frauen sich vom Screening fern zu halten [Süddeutsche Zeitung, 13.9.2012, S. 20].

Berücksichtigt man aber auch finanzielle und zeitliche Aspekte, überwiegen m. E. die Nachteile:

Eine Vergleichsstudie zum Mammografiescreening aus Norwegen ergab, dass 2500 Frauen über einen Zeitraum von zehn Jahren gescreent werden müssen, um einen Todesfall zu verhindern. Ohne Screening würden 90,2 Prozent der Frauen zehn Jahre überleben, mit Screening 90,25 Prozent. Das mache im Mittel einen gewonnenen Extratag in zehn Jahren pro Frau aus. Alleine aber um die Screeningtermine wahrzunehmen muss eine Frau in zehn Jahren etwa einen ganzen Tag Zeit aufwenden, wenn man auch die Wege- und Wartezeiten mitrechnet. Radiologen und ihre Helferinnen, die das Screening durchführen, wenden pro gescreenter Frau in zehn Jahren etwa einen achtel bis einen viertel Tag Zeit auf, um die Frau einzube-stellen, zu röntgen, Berichte zu schreiben, alles zu organisieren usw. Und die Menschen, die arbeiten, um über ihre Beiträge oder Steuern die Kosten des Programms zu tragen, müssen dafür pro gescreenter Frau in zehn Jahren etwa acht bis zehn Stunden arbeiten. Dazu kommt der Zeitaufwand, um die unnötigen Kontrolloperationen (Gewebeentnahmen, Amputationen) bei den falsch diagnostizierten Frauen durchzuführen und gegenzufinanzieren. Dem gewonnenen Extratag stehen etwa zwei verlorene Tage gegenüber.

Natürlich gibt es aber trotzdem Personen, die auf jeden Fall immer davon profitieren: Die Ärzte, die Helferinnen, die Industrie und die Verwaltung. Dorthin fließt ja das ganze Geld.

Dr. Dieter Wettig, Allgemeinarzt aus Wiesbaden

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »