Ärzte Zeitung, 24.02.2016

Zweitmeinung

Auswirkung auf jede sechste Krebs-Therapie

Eine Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung ist in der Onkologie nicht selten: Laut Zweitmeinungsplattformen gibt es in 40 Prozent der Fälle Differenzen. Bei jedem Sechsten wirkt sich das auch auf die Therapie aus.

Von Julia Frisch

Auswirkung auf jede sechste Krebs-Therapie

In vielen Fällen lohnt es sich für Krebspatienten, eine Zweitmeinung einzuholen.

© Yuriacurs / Fotolia.com

BERLIN. Die Einholung einer Zweitmeinung sichert Patienten eine leitliniengerechte Therapie. Darauf deuten Erfahrungen von Zweitmeinungsplattformen in der Onkologie hin: Nach der Überprüfung durch Kollegen wird demnach jede sechste Behandlung geändert.

Seit zehn Jahren gibt es das Internetportal "Zweitmeinung Hodentumor" der Deutschen Hodentumor Studiengruppe. Entstanden ist das Projekt aus der Erkenntnis heraus, dass in Deutschland in vielen Krankenhäusern der "Erfahrungsschatz fehlt, den man braucht, um Patienten mit Hodentumor zu behandeln", sagte Professor Mark Schrader, Projektleiter der Studiengruppe, am Mittwoch auf dem Deutschen Krebskongress.

Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung in 40 Prozent

 Zudem zeigte schon das "Zweitmeinungsprojekt Keimzelltumoren", dass eine gemeinsam mit Zweitmeinungszentren vorgenommene Therapieplanung zu einer signifikanten Verbesserung der Behandlung führt.

4500 Zweitmeinungen wurden bis dato auf der Internetplattform eingeholt. Ärzte können über diese klinischen Primärdaten und auch ihre Therapieempfehlungen an die beteiligten Zweitmeinungszentren melden, diese geben daraufhin eine Behandlungsempfehlung ab. In 40 Prozent der Fälle, so Schrader, gebe es zwischen der Erst- und Zweitmeinung eine Diskrepanz.

"Jede sechste Zweitmeinung führt zu einer relevanten Therapieänderung", berichtete Schrader. Das liege daran, dass die Erstmeinung nicht leitlinienkonform war.

Ähnliche Ergebnisse präsentierte Udo Beckenbauer von der Health Management Online AG (HMO), die seit zwei Jahren für Krankenkassen und private Krankenversicherer eine Zweitmeinungsplattform anbietet, über die Versicherte die empfohlene Krebs-Therapie überprüfen lassen können. Das Portal arbeitet mit 32 Tumorzentren zusammen, 23 davon seien zertifiziert, so Beckenbauer.

Auswertungen zufolge bestätigten 57 Prozent der bisher 1400 eingeholten Zweitmeinungen die eingeschlageneTherapie. In 17 Prozent der Fälle weiche die eingeholte Expertise aber von der Erstmeinung ab, sagte Beckenbauer.

Wichtig für Bewältigung des "Lebensschocks"

Eine Zweitmeinung einzuholen, sei für die meisten Krebspatienten bei der Bewältigung des "Lebensschocks" wichtig. 63 Prozent der HMO-Portalnutzer wollten eine weitere Expertise, weil sie unsicher seien, ob die ihnen angebotene Therapie optimal ist. "20 Prozent der Patienten benötigen einfach eine Entscheidungshilfe", so Beckenbauer.

Auf den Nutzen von Zweitmeinungsverfahren, Patienten bei der Therapieentscheidung zu unter-stützten, wies Professorin Rita Katharina Schmutzler vom Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Universität Köln hin.

 Bei der prophylaktischen Mastektomie sei die Einholung einer Zweitmeinung "wirklich wichtig". "Wir müssen Frauen helfen bei der Frage, ob und wann eine prophylaktische Op vorgenommen wird."

Professor Peter Albers, Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft, verwies auf die über 900 zertifizierten Organkrebszentren in Deutschland. Würden diese intensiver und stärker als bisher genutzt, sei im Bereich Onkologie kein Zweitmeinungsverfahren nötig.

[26.02.2016, 12:06:25]
Roy von der Locht 
Zweitmeinung hilft zweifach
Ziel einer zweiten Meinung ist, speziell bei Krebs, den höchst verunsicherten Patienten die Gewissheit zu geben, das Richtige zu tun oder sie mit wichtigen Hinweisen zu versorgen, die den Erfolg einer notwendigen Therapie zum Teil noch mal deutlich erhöhen.

Zum einen kann also eine geplante Therapie durch eine Zweitbegutachtung bestätigt werden und damit dem Patienten das positive Gefühl geben, dass er offensichtlich in guten Händen ist und die Therapie nach aktuellem Stand der Wissenschaft die höchstmögliche Aussicht auf Erfolg hat. In aktuellen Studien scheint sich zu bestätigen, dass eine positive Einstellung zu einer notwendigen Therapie einen messbar positiven Einfluss auf den Erfolg dieser Therapie hat.

Zum anderen hilft die Zweitmeinung aber auch in den Fällen, in denen der Erstbehandler nicht nach den neuesten wissenschaftlichen Standards und Leitlinien arbeitet. Da sich speziell in der Onkologie das Wissen alle 2 Jahre nahezu verdoppelt, ist es für einen einzelnen Arzt fast unmöglich, auf dem neuesten Stand zu bleiben. So kommt es also in knapp über 40% aller Fälle vor, dass die Experten der Zweitbegutachtung zusätzliche Hinweise geben oder gänzlich andere Therapien vorschlagen, die neuere Erkenntnisse berücksichtigen. So kann die Zweitmeinung helfen, die Zahl veralteter oder falscher Therapien zu reduzieren. Die Zweitbegutachter sitzen in der Regel an Universitäten und Lehrkrankenhäusern bzw. an Tumorzentren mit hohen Fallzahlen und haben somit ein hohes Maß an Erfahrung und sitzen sozusagen an der wissenschaftlichen Quelle. Das Ergebnis soll und muss der Patient dann mit seinem behandelnden Arzt besprechen und gemeinsam mit diesem entscheiden, ob eine Anpassung der Therapie sinnvoll ist.

Ein schlecht aufgeklärter und nicht über die Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung und die verfügbaren Optionen informierter Patient wird viel eher auf die Idee kommen, er könne auf die Schulmedizin verzichten und sich in die Hände unseriöser Heiler zu geben, als wenn er erkennen kann, dass die Schulmedizin mittlerweile gute Heilungschancen bietet und seine Erkrankung in 99,9% aller OHNE eine konsequente Therapie tödlich verläuft.

Eine Zweitmeinung auf hohem Niveau hat also ein klares Ziel: Die Aufklärung über verfügbare Optionen und die Empfehlung der bestgeeigneten Therapie für einen mündigen und informierten Patienten, der so aktiv an der Entscheidungsfindung teilnehmen und diese dann auch akzeptieren kann. zum Beitrag »
[25.02.2016, 09:07:38]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Nachteile eindeutig größer als Vorteile,
wie immer wenn man mit "Regularien" die Behandlung verzögert oder wie eigentlich beabsichtigt EINSCHRÄNKT!
Der letzte Abschnitt ist besonders entlarvend:
Der falsche Ruf nach "Zentren" und "Zertifizierungen" bei einer Krankheitsgruppe, an der jeder 4. stirbt.
Viel wichtiger als das Ergebnis, jeder 6. ändert ....
ist doch die Frage, in welche Richtung ändert er seine Meinung, mehr Therapie oder weniger Therapie
und falls weniger Therapie und spätere Therapie, steigt die Mortalität, oder sinkt die Mortalität.

Ich muss dabei immer an die gehätschelte Alternativmedizin denken und eine KRANKENSCHWESTER, die bereits nach einer rein klinischen (sicheren) Krebsverdachtsdiagnose ohne jede weiter invasive Maßnahme zu einem Heilpraktiker gewechselt ist, der sie so lange falsch behandelt hat, bis sie komplett metastasiert und inkurabel war.
Es ist nichts anderes als bei der (obligatorischen!) 2.-Meinung vor einer Operation, na klar darf und sollte man sich den Operateur vorher "aussuchen",

man soll eigentlich von einer Therapie abgehalten werden!

Sowohl medizinisch wie ökonomisch fragwürdig. zum Beitrag »

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